Ver.di-Fahne
Viele junge Menschen sind im vergangenen Jahr in die Gewerkschaft Verdi eingetreten. Bildrechte: IMAGO

Mitteldeutschland Viele junge Menschen in Gewerkschaften eingetreten

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kann sich freuen. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hat sie nach eigener Aussage mehr junge Leute für sich gewinnen können. Im vergangenen Jahr traten rund 3.000 unter 28-Jährige der Gewerkschaft bei - ein Anstieg um fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

von Grit Bobe, MDR AKTUELL

Ver.di-Fahne
Viele junge Menschen sind im vergangenen Jahr in die Gewerkschaft Verdi eingetreten. Bildrechte: IMAGO

Daniel Herold ist Verdi-Landesbezirksjugendsekretär. Einer, der - wie er sagt - einen typischen Weg in die Gewerkschaft zurückgelegt hat. Schon früh politisch interessiert und ehrenamtlich bei Verdi aktiv, ist der 30-Jährige nun seit zwei Jahren für die Jugendarbeit der Gewerkschaft verantwortlich und wirbt in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen um neue Mitglieder. Herold sagt, man habe im letzten Jahr einen Anstieg bei den jungen Mitgliedern von über fünf Prozent gehabt. "Darauf sind wir auch ziemlich stolz, weil das natürlich für so eine Fläche sehr anstrengend ist, so viele Menschen zu begeistern."

Identifikation mit den Werten der Gesellschaft

In den drei mitteldeutschen Ländern sind laut Herold im letzten Jahr 3.000 unter 28 Jahre alte Menschen neu in Verdi eingetreten, mehr als die Hälfte davon Azubis und Studenten. Doch warum zieht es viele junge Leute wieder in Arbeitnehmerorganisationen? Sie identifizierten sich mit den Werten der Gewerkschaft, so der Jugendsekretär, honorierten, dass sich Verdi für gute Arbeit einsetze. Es sei aber auch "die politische Grundhaltung zur Demokratie, die wir als Verdi haben. Das sind Anreize, die tatsächlich bei jungen Leuten eine große Rolle dafür spielen zu sagen: Verdi ist für mich eine Organisation, wo ich mich einbringen kann und wo ich es auch möchte."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund wertet nach Angaben seines Vorsitzenden Reiner Hoffmann zur Zeit die Zahlen aus, die er von seinen acht Mitgliedsgewerkschaften erhalten habe. Er erklärt: "Wir können jetzt schon sagen, dass wir im letzten Jahr mehr als eine halbe Million junger Menschen gewonnen haben, die in eine der acht DGB-Gewerkschaften beigetreten sind. Für Hoffmann ist das eine "außerordentlich erfreuliche Zahl".

Gewerkschaften können unterschiedlich punkten

Wie das im Vergleich zu 2015 einzuordnen ist, lässt Hoffmann mit Blick auf eine bald anstehende Pressekonferenz noch offen. Fakt ist aber: Ob und wie die einzelnen Gewerkschaften beim Nachwuchs punkten, ist sehr unterschiedlich. Der Polizeigewerkschaft etwa sei es im Vorjahr gelungen, einen deutlich höheren Anteil an neuen, jungen Mitgliedern zu gewinnen. Hoffmann erklärt: "Das hat unter anderem aber auch damit zu tun, dass dort, nachdem jahrelang Personal abgebaut wurde, verstärkt wieder eingestellt wird."

Der DGB-Vorsitzende argumentiert wenig überraschend ähnlich wie sein Leipziger Verdi-Mitstreiter: Die Jugendlichen erlebten während ihrer Ausbildung verstärkt, dass es Sinn mache, sich zu engagieren. Auch während eines Studiums sei das der Fall, so Hoffmann. "Da ist es auch erfreulich, dass wir beispielsweise den Anteil der Studierenden unter den Gewerkschaftsmitgliedern im letzten Jahr um Zehntausend haben steigern können." Es gebe viele positive Meldungen, man wisse aber auch, wo noch Baustellen seien, gerade im universitären Bereich.

Mitgliederschwund trotz Nachwuchs-Plus

Derzeit fallen laut Hoffmann rund acht Prozent aller Mitglieder der DGB-Gewerkschaften unter die Kategorie " unter 27 Jahren". Fest steht aber auch: Das Plus beim Nachwuchs reicht - weil es Austritte und Sterbefälle gibt - nicht bei allen Gewerkschaften aus, um die Gesamtzahl der Mitglieder stabil zu halten. So hatte Verdi in Sachsen beispielsweise Ende 2016 nach eigenen Angaben rund 1.300 Mitglieder weniger als noch im Jahr zuvor.

Ein Grund mehr, warum Landesbezirksjugendsekretär Daniel Herold weiter in Berufsschulen und Unternehmen unterwegs ist, um junge Leute mit der Arbeit der Gewerkschaft vertraut zu machen. Er sagt: "Wir merken natürlich, dass viele noch nicht wirklich eine Vorstellung haben, was wir tun. Viele würden Verdi mit Streiks verbinden. Aber im Dialog, wenn man erklärt, dass wir den Tarifvertrag gestalten und zwar nach den Forderungen und Wünschen der Auszubildenden und wir sie entsprechend ernst nehmen und mit einbeziehen, dann kriegen sie ein Gefühl für Verdi", sagt Herold. Im Idealfall hätten die jungen Menschen am Ende auch das Mitgliedsbuch der Gewerkschaft in der Tasche.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 09.01.2017 | 05:11 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Januar 2017, 10:12 Uhr

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12 Kommentare

10.01.2017 20:25 Achim 12

Jedem kann es die Gewerkschaft auch nicht recht machen. Kann sich jeder mal überlegen wo wir ohne Gewerkschaften wären. Oder wo wir landen wenn die Mitglieder immer weniger werden. Die Arbeitgeber werden sich freuen.

09.01.2017 21:49 Renate 11

Schön für die jungen Leute und damit willkommenen indoktrinierten Beitragszahlern.
Letztendlich werden sie genau so verschaukelt wie Generationen vor ihnen.
Wenn sie aus dem Arbeitsleben gewippt werden, ist meist Schluss mit lustig.

09.01.2017 17:51 HERBERT WALLASCH, Pirna 10

In Betrieben lohnt sich der Eintritt, in die Gewerkschaft, schon allein wegen des Streikgeldes und der Selbstbestätigung nicht nur Opfer zu sein. Handwerksbetriebe haben da keinen Vorteil, außer wegen die Versicherungen und wie schon gesagt, das Selbstwertgefühl. Natürlich macht der Altersschwund viel aus, aber auch das öffentliche Bekenntnis zur Gewerkschaft bürgt so seine Prrobleme.

09.01.2017 15:57 Aber sie sitzen noch da, oder? 9

@09.01.2017 14:08 Paul (7 Nicht umsonst haben die Mitgliedsgewerkschaften im DGB - insbesondere ver.di - massiv für die Demos gegen TTIP und CETA geworben. Mit der SPD habe ich darüber hinaus nichts am Hut und bin trotzdem überzeugter Gewerkschafter.)

Die Frage ist immer, wer die Außendarstellung bestimmt und letztlich die politische Position. Und an einen Aufstand der Basis gegen die Schröderlinge im DGB und seinen Teilgewerkschaften kann ich mich nicht erinnern. VERDI/Bzirske ist ein Musterbeispiel für diesen Mechanismus, der natürlich auch ein prinzipielles Problem der gesamten politischen Landschaft darstellt: Sicherung der eigenen Klientel auf Kosten derer, sich nicht wehren (können/wollen/zu einfältig, zu ängstlich, zu unwissend sind). VW, der öff. Dienst, sind dafür Musterbeispiele. Oder haben Sie Bzirske mal, als nur ein einziges Beispiel, die skandalösen Beschäftigungsverhältnisse etwa im Forschungsbereich attackieren hören...?

09.01.2017 15:37 Au weia 2,0 8

@09.01.2017 11:53 ThüringerIn (3 Leider erlebe ich die Gewerkschaften oftmals als Vorfeldorganisation der SPD. In diesem Jahr der Bundestagswahl wird die Gewerkschaft wieder bei uns auf der Betriebsversammlung erklären, wen es zu wählen gilt, oder zumindest wen wir nicht wählen sollen.)

Ach, Sie wählen, was das Kollektiv zu Wählen vorgibt? Und das ist Ihnen so selbstverständlich, dass Sie sich hier darüber beklagen? Geht's noch?

In Schland gilt vorläufig das Recht auf Freie Ausübung des Wahlrechts. Nur, falls Sie 1990ff irgendetwas falsch verstanden haben sollten. Oder gar nicht.

09.01.2017 14:08 Paul 7

Die Kritik zum Verteidigen von TTIP und CETA finde ich nur bedingt nachvollziehbar. Ja, der DGB-Chef hat die Abkommen befürwortet. Genau dafür hat er auch scharfe Kritik von vielen Gewerkschafter_innen bekommen. Nicht umsonst haben die Mitgliedsgewerkschaften im DGB - insbesondere ver.di - massiv für die Demos gegen TTIP und CETA geworben.

Mit der SPD habe ich darüber hinaus nichts am Hut und bin trotzdem überzeugter Gewerkschafter. Als dieser sage ich auch, warum manche Parteien nicht mit gewerkschaftlichen Werten vereinbar sind. Wer dann am Ende wen wählt, ist in einem freien Land jedem selbst überlassen.

Und zum Thema Mindestlohn noch so viel: Keine Gewerkschaft würde sich gegen einen Mindestlohn von 10€, 12€ oder mehr wehren. Die Tatsache, dass dieser lediglich bei 8,50€ liegt, ist ja wohl nicht in der Verantwortung der Gewerkschaften. Schon zur letzten Erhöhung hat ver.di bspw. 10€ gefordert, bremsen tun hier andere.

09.01.2017 12:48 Atze 6

Ja, es wächst eben über 25 Jahre nach der Wende eine selbstbewusste Jugend in Mitteldeutschland auf, die weiss, was sie erwartet und was sie will.Mit den DDR- Bürgern konnten sie es ja noch in der Marktwirtschaft machen, sie wurden fast alle überrollt.Es ist schön zu hören, dass so viele Junge die Bedeutung der Gewerkschaft erkennen.Gute Arbeit bei den Gewerkschaften geleistet!

09.01.2017 12:36 REXt 5

Da können sie dann ihren tollen Mindestlohn verteidigen, viel Spaß bei eurer späteren Rente, die fällt bombastisch aus! Die Zustimmung zu CETA u. TTIP der Gewerkschaften zeigen ja wessen Kinder die sind. Ich hatte auch mal an die Gewerkschaften geglaubt, Gewerkschaften , sind Opium fürs Volk!
An @1: es gibt auch Rechtsschutzversicherungen!

09.01.2017 12:18 Gute Nachricht - wenn... 4

@09.01.2017 07:37 Laura (Kurz um, man kann über die Gewerkschaften und ihre Strukturen denken was man will, aber das sind die einzigen die einen Arbeitnehmer/in im Streitfall vertreten und beraten.)

Genau - und gerade deshalb brauchen wir vor Allem ganz "oben" neue Gewerkschaftler und keine verkappten Gefolgsleute der SPD. Mit dem Eintritt ist es nicht getan - der Einfluss auf die Richtung der jeweiligen GW und des DGB wird zukünftig entscheiden sein. Sonst bezahlen nämlich hunderttausende Leihabreiter und befristet Beschäftigte die "Streiks" bei VW und im "öffentlichen Dienst(sic!)" - während GERADE VERDI die eigenen Leute außerhalb des öffentlichen Dienstes in aller Seelenruhe im Regen stehen lässt. Sagt ein Ex-Betriebsrat einer grossen international tätigen Logistikfirma, der die Auswirkungen der SPD-Agenda2010 am Objekt studieren durfte. Und von dem gewisse VERDI-Funktionäre keinen Schluck Wasser mehr bekommen. Einer mit einem "B" am Anfang schon gar nicht.

09.01.2017 11:53 ThüringerIn 3

Leider erlebe ich die Gewerkschaften oftmals als Vorfeldorganisation der SPD. In diesem Jahr der Bundestagswahl wird die Gewerkschaft wieder bei uns auf der Betriebsversammlung erklären, wen es zu wählen gilt, oder zumindest wen wir nicht wählen sollen.