Löwengebäude der Martin-Luther-Universität in Halle
Auch an der Martin-Luther-Universität in Halle arbeiten Privatdozenten. Einige bekommen nicht einmal Geld dafür. Bildrechte: IMAGO

Beispiel Universität Halle Privatdozenten unterrichten ohne Bezahlung

Das Thema prekäre Beschäftigung an Hochschulen hat seit einigen Jahren Hochkonjunktur. Schlecht bezahlte Lehrbeauftragte, befristete Arbeitsverträge und dann gibt es da auch noch die Privatdozenten. Die unterrichten sogar ohne Bezahlung. Ein Regensburger Wissenschaftler hat deshalb jetzt den Freistaat Bayern verklagt. Er muss nebenher in einem Café jobben, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wie sind die Verhältnisse an der Uni Halle?

von Manuela Lonitz, MDR AKTUELL

Löwengebäude der Martin-Luther-Universität in Halle
Auch an der Martin-Luther-Universität in Halle arbeiten Privatdozenten. Einige bekommen nicht einmal Geld dafür. Bildrechte: IMAGO

Historiker Kai Struve ist Privatdozent an der Uni Halle. Den Titel bekam er vor drei Jahren nach der Habilitation verliehen. Kaufen kann er sich davon nichts. Es ist nur ein Titel und keine feste Stelle mit Bezahlung. Deshalb hat sich Kai Struve, wie viele andere Privatdozenten auch, von Forschungsprojekt zu Forschungsprojekt gehangelt.

Privatdozenten unterrichten teils ohne Bezahlung

Die Drittmittel dafür hat er selbst eingeworben. Damit hat ihn die Uni als wissenschaftlichen Mitarbeiter angestellt: "Mein bisheriges Forschungsprojekt ist Ende Januar ausgelaufen. Eine Zwischenfinanzierung, die ich eigentlich wollte, habe ich leider nicht bekommen. Deswegen musste ich mich jetzt arbeitslos melden."

Wenn er seinen Titel nicht verlieren will, muss er dennoch unterrichten. Ohne Bezahlung. Zwei Semesterwochenstunden sind dafür in Halle vorgeschrieben, sagt der Kanzler der Universität Markus Leber: "Es gibt eine akademische Abmachung. Sie lautet: Ich habe die Möglichkeit zu lehren. Damit behalte ich einen Kontakt zur Universität und ich darf den Titel Privatdozent weiter führen. Es gibt keine Verpflichtung, diese Lehre zu erbringen. Dann wird aber der Titel Privatdozent irgendwann eingezogen."

Keine Rente, dafür Hartz IV

Doch wenn die Nachwuchswissenschaftler nicht mehr kontinuierlich akademisch arbeiten, verbauen sie sich die Chance als Professor berufen zu werden. Im Schnitt ist ein Wissenschaftler in Deutschland 41 Jahre alt bei der Habilitation. Fünf Jahre wartet man etwa auf eine Professur.

Dazu Ulrike Stamm von der Initiative Berliner Privatdozenten: "Wenn es aber mit der Professur und der Lebensstelle nicht klappt, dann sitzt man da. Natürlich finden viele Privatdozenten erst mal irgend eine Art von Auskommen. Aber das ändert nichts daran, dass keine Rente angespart wurde. Ich kenne einige, die dann Hartz IV beziehen müssen. Das ist eine prekäre Situation."

Situation vor allem für Geisteswissenschaftler schwierig

Entspannung ist auch nicht in Sicht. Es gibt nämlich mehr wissenschaftlichen Nachwuchs, als Lehrstühle. Das sagt Michael Bron, Prorektor an der Uni Halle: "Es wird leider immer Personen geben, die letztendlich unter diesen Verhältnissen tätig werden. Oder sie müssen irgendwann den Absprung wagen. Ich denke, dass das gerade in den Geisteswissenschaften ein größeres Problem sein könnte. In den Technikwissenschaften oder anderen Bereichen ist für die Menschen, die schon eine lange Hochschulkarriere hatten, der Weg in die freie Wirtschaft noch möglich."

Hier müssten die Universitäten stärker und früher unterstützen, sagt Bron. Die Initiative Berliner Privatdozenten fordert die Bezahlung der bislang kostenlosen Titellehre mit 3.000 Euro pro Seminar. Der Bund solle zudem dreijährige Gastprofessuren nur für Privatdozenten einrichten.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 20.03.2017 | 06:18 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. März 2017, 05:00 Uhr

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8 Kommentare

21.03.2017 11:25 Wieland der Schmied [0693] 8

@ 7 fert Zitat „Mehr Wertschöpfer? Wo würden diese arbeiten..? >Richtig, -.Veränderung der Quantität erfordert eine andere Qualität. Das heißt, ein Zurückdrehen ist ziemlich schwer, der Prozess ist schwierig . . Wir befinden uns aber in einer Zeitenwende, wo sich Dinge urplötzlich ändern. Man nimmt an, daß bald ein Umschwung von den agitatorischen ideologischen Politikern von heute zugunsten von anpackenden innovativen Anführern geben wird, wofür Trump als Beispiel gelten kann .Dabei gibt es schon den ersten europäischen Trump namens Andrej Babis, Tscheche, Investor in Deutschland und auf den Sprung, die Prager Burg zu erobern. Der mdr hat ihm eigens eine Seite eingerichtet mit der Suchzeile mdr andrej-babis-prag-wittenberg- .Anpackende Leute statt Sprechblasenakrobaten

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20.03.2017 18:20 fert 7

@5 und 6 mag ja sein, das wir nicht Hobbys finanzieren und mehr Wertschöpfer brauchen und keinesfalls mehr Akademiker und erst Recht keine in Schwafelwissenschaft...mag sein, mal weiter gedacht, was wäre denn, wenn wir die Zahlen der MINT Studenten und Lehrlinge verdoppeln würden? Mehr Wertschöpfer? Wo würden diese arbeiten...wahrscheinlich dann in den freiwerdenden Stellen der Schwafeleinrichtungen;-)

20.03.2017 16:14 Wieland der Schmied [0693] 6

@ 5 Erik Zitat „Das eigentliche Problem ist die Abschaffung des akademischen Mittelbaus. Jedem, der habilitiert wurde, eine Professur zuzusichern, kann ja kaum das Ziel sein.“ >Sie haben recht. Im letzten Jahr wurde ein neuer Rekord aufgestellt, es wurden mehr Studenten eingeschrieben als Lehrlinge eingestellt. Das ist unhaltbar. Zum Vergleich war im Kaiserreich der Anteil von Akademikern zu übrigen 12 %. Wenn es noch um nutzbringende Anwendungen ginge wie Wirtschaft, Technik und Forschung, aber der überwiegende Teil ist in den sogensannten „Schwafelwisenschaften“, die heute das Heer von Postenhaschern und Schönrednern stellen. Ein großer Teil wird in völlig nutzlosen Stiftingen, Forschungsgemeinschaften und anderen Schnulli beschäftigt, die so notwendig sind wie ein Kropf.

20.03.2017 12:04 Erik 5

Das eigentliche Problem ist die Abschaffung des akademischen Mittelbaus. Jedem, der habilitiert wurde, eine Professur zuzusichern, kann ja kaum das Ziel sein.

Und es sollte schon den Studenten der nicht-technischen Fächer klar gemacht werden, daß der Bedarf an Literaturwissenschaftlern, Kunsthistorikern und Philosophen sehr begrenzt ist und ein Studium nicht nur der Selbstfindung zu dienen hat.

Klar, das Ideal ist es natürlich, Beruf und Interessen zu vereinen. Eine solche Gesellschaft würde aber nicht funktionieren und es wäre ungerecht, wenn die, die Infrastruktur und Wertschöpfung am Laufen halten, für das Hobby von anderen aufkommen müssen.

20.03.2017 11:15 Nicht einmal mehr schaemen koennen die sich 4

Wie sehr muss man sein Volk hassen um gegen dieses in der Welt seinesgleichen suchende Sklaventum gleichgültig zu sein! Akademiker systematisch verarmen, ausbeuten und verachten. Andere Länder freut der deutsche Ethnomasochismus diebisch! Ostasiaten lachen sich längst über Deutschland kaputt. Können sich kaum halten vor lachen wie die ethnomasochistische Politik ihrer Konkurrenten diesen selbst den Boden zum Überleben unter den Füßen wegzieht.

20.03.2017 10:19 colditzer 3

...Kanzler der Universität Markus Leber: "Es gibt eine akademische Abmachung. Sie lautet: Ich habe die Möglichkeit zu lehren. Damit behalte ich einen Kontakt zur Universität und ich darf den Titel Privatdozent weiter führen. Es gibt keine Verpflichtung, diese Lehre zu erbringen. Dann wird aber der Titel Privatdozent irgendwann eingezogen."
Und dann hätte er noch ergänzen müssen," ...aber irgendeine Bezahlung erhalten sie nicht.
Gehen sie zum Amt."

20.03.2017 09:55 So sieht es aus in Deutschlandgehtesgut 2

Der Artikel beschreibt die Zustände noch zu harmlos - aber prinzipiell zutreffend. Er beschreibt damit gleichzeitig einen Aspekt des politischen Desasters, das unfähige, in Teilen offen korrupte Lobbyisten aka Politiker im Lande angerichtet haben - und Sachsen-Anhalt ist als Bundesland hier noch einmal gesondert zu erwähnen. Die Auswirkungen sind im Bereich FE und natürlich der Lehre schon jetzt katastrophal. Jährlich verlassen Hunderte gut ausgebildeter Wissenschaftler Schland und es ist beileibe nicht der Durchschnitt, der da geht. Und auch nicht zurückkommt...

Der MDR ist tatsächlich eine der wenigen öffrechtlichen Anstalten, die überhaupt über diese unfassbaren Vetrhältnisse berichtet - aber natürlich zu selten, zu wenig präsent und ohne die Verantwortlichen beim Namen zu nennen.

BTW: Heute beginnt der Prozess gegen einen Ex-"Geschäftsführer" der Hypo-Real-Estate. Die "Rettung" dieser "Bank" hat den Steuerzahler incl. der Garantien approx. 120 MilliARDen Euro gekostet...

20.03.2017 09:34 Wieland der Schmied [0693] 1

Ja wo soll es denn herkommen, das fehlende Geld. Landauf, landab dasselbe Desaster. Das Problem wird hartnäckig verschwiegen, denn schon kommendes Wochenende müssen die ersten Urnen geleert werden. Der Schönredner Schäuble redet nur von sprudelnden Einnahmen , spricht aber die horrenden Ausgaben nicht an, die durch die Zuwanderung entstehen und zuerst die Länder und Kommunene belasten.Seine positive Bilanz ist nur einem Umstand zu verdanken, dass in Zeiten von Minuszinsen dafür keine Zinszahlungen anfallen , aber diese steigen schon wieder,während die von Prof. Sinn veranschlagten Kosten der Migration von 60 Mia bleiben aber. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann er die Hosen runter lassen muß, und die sehen Finanzexperten noch in diesem Jahr.