Hunderttausende Fehltage Alarmierend hoher Krankenstand bei sächsischer Polizei

Der Krankenstand bei Sachsens Polizei ist auf einem Zehnjahreshoch angekommen. Dem Innenministerium zufolge kamen die Beamten im vergangenen Jahr zusammen auf mehr als 350.000 Fehltage. Das ist eine Quote von 8,7 Prozent. 2006 lag sie noch bei 6,8 Prozent. Die Polizeigewerkschaft beklagt, dass viele Kollegen wegen des hohen Drucks im Dienst psychische Probleme hätten.

von Ine Dippmann, Sachsen-Korrespondentin für MDR AKTUELL

An der Elbe in Dresden scheint eine Gruppe berittener Polizistinnen die Streife hoch zu Ross in der Sonne zu genießen. Es ist die angenehme Seite des Polizistenjobs.

Rückenprobleme durch schwere Ausrüstung

Für viele Kollegen sehe der Alltag aber anders aus, sagt Cathleen Martin, Chefin der Polizeigewerkschaft in Sachsen. "Die Herausforderung beginnt schon, wenn sich der Polizeibeamte mit seinen Uniformteilen behängt und bewaffnet. Von der Schutzweste angefangen, die einiges an Gewicht mit sich bringt, Handschellen, Schlagstock und all das, was am Koppel herumbaumelt. Dann setzt man sich in einen kleinen VW-Golf, kann sich nicht drehen. Und das über acht Stunden, wo man versucht, immer wieder rein und raus aus dem Golf zu kommen."

Hoher Druck belastet die Psyche

Ein großer Teil der Polizisten habe Rückenschäden, sagt Cathleen Martin, aber das sei nur die Spitze des Eisbergs. "Viele haben psychische Probleme, weil man den Alltag nicht bewältigt bekommt und der Druck immer größer wird. Es fehlen auch Psychologen, die eine Dienstgruppe nach einem dramatischen Ereignis begleiten." Auch wenn inzwischen mehr Polizisten ausgebildet und eingestellt werden, durch die Altersabgänge sinkt ihre Gesamtzahl.

Arbeiten bis zum Umfallen

Hinzu komme, sagt Cathleen Martin, dass mehr als 1.000 Beamte aktuell nur eingeschränkt dienstfähig seien. So dürften sie zum Beispiel keine Waffe tragen oder nicht in Schichten arbeiten. Die gesunden Kollegen müssten das kompensieren. "Man will seine Kollegen nicht hängen lassen. Man versucht, das Letzte aus sich heraus zu holen, bis man tatsächlich umfällt. Das ist nicht mit einer Woche abgetan, sondern es werden drei, vier, fünf Wochen, in denen man nicht zur Verfügung steht."

Arbeiten bis zum Umfallen, das ist für manchen Polizisten nicht nur ein Spruch. "Die Sterberate von Kollegen, die den Ruhestand nicht erleben, ist relativ hoch. In Leipzig waren es voriges Jahr 15 Kollegen, die ihre Pension leider nicht erreicht haben."

Doppelt so viele Fehltage wie im Durchschnitt

Enrico Stange, Kandidat Landratswahl Landkreis Leipzig
Enrico Stange (Die Linke) fordert mehr Polizisten für Sachsen. Bildrechte: Enrico Stange

Nach Angaben des Innenministeriums ist der Krankenstand bei der Polizei in Sachsen im vergangenen Jahr auf 8,7 Prozent gestiegen, zehn Jahre zuvor waren es noch 6,8 Prozent. Der bundesweite Schnitt liegt übrigens zwischen drei und vier Prozent. Der Linken-Abgeordnete Enrico Stange fragt diese Daten regelmäßig ab. "In Fehltagen ausgedrückt heißt das: 2006 waren es 297.000 Fehltage in einem Jahr und in 2016 waren es knapp 351.400 Fehltage bei der sächsischen Polizei. Das ist enorm."

Über 350.000 Fehltage in einem Jahr entsprechen der Arbeitszeit von mehr als 1.500 Polizisten. Rund 11.000 Beamte hat die sächsische Polizei aktuell. Die Dienstpläne voll zu kriegen, sei schwierig, sagt Gewerkschafterin Martin. Manche Reviere hätten deshalb die Zahl der Polizisten, die nachts im Einsatz seien, reduziert. Linken-Politiker Enrico Stange fordert angesichts der Fakten erneut, die Zahl der Polizisten wesentlich stärker zu erhöhen. Statt 1.000 bräuchte Sachsen 3.000 zusätzliche Polizisten.

Bessere Bürotechnik könnte schon helfen

Entlastung sei aber auch schneller anders zu erreichen, sagt Gewerkschafterin Cathleen Martin: "Man kann mehr Angestellte, die Schreibarbeiten übernehmen, einstellen. Man kann Diktiertechnik anschaffen, dass sich das Protokoll selber schreibt. Das spart Zeit. Dazu vielleicht einen höhenverstellbaren Schreibtisch für den Beamten anschaffen. Dass ihm, wenn er acht oder zehn Stunden am Schreibtisch sitzt, nicht danach der Rücken so schmerzt und man irgendwann wieder mit einem Bandscheibenvorfall beim Arzt sitzt."

Als Ermittlerin in der Mordkommission ist Cathleen Martin viel unterwegs. Trotzdem: Den rückenschonenden Stuhl fürs Büro hat sie sich inzwischen selbst gekauft.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 07.06.2017 | 06:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Juni 2017, 11:10 Uhr

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13 Kommentare

08.06.2017 19:35 HERBERT WALLASCH, Pirna 13

An @ 12 - Thomas - Ich brauche mich nicht verstecken, vertrete meine Meinung und die gewonnenen Erkenntnisse und Schlußfolgerungen aus zwei Systemen. Früher war die offizielle Richtlinie " Der Klassenstandpunkt", heute wird es einem als die absolute Warheit versucht unterzujubeln. Mein erster Kommentar war sicherlich nicht staatskonform, beschäftigte sich mit dem überhöhten moralischen und politischen Anspruch an Polizisten und deren Familien. Schon ein gutgemeinter Wunsch an die Falschen kann eine bundesweite Entrüstungslawine auslösen. Natürlich gibt es Probleme mit den technischen Ausstattungen, ist aber kein Sachsenproblem, ist ein Bundesdeutsches, keine einheitlichen Standarts, nirgens, sebst nicht in der Gesetzesauslegung. Das muß man auch den Gutmenschen jeglicher Parteien anrechnen, wollten ja keine Deutschen sein, sondern z.Bsp. : Hessen und Europäer. Der mündiger Bürger in Uniform, die Illusionen sind verpufft und wer das für sich einfordert, stößt schnell an seine Grenzen.

08.06.2017 18:10 Thomas 12

@ Herbert Wallasch

Sicher macht Frust krank und die Ursachen dürfen genannt werden. Die liegen aber sicher nicht an "rrg Gutmenschen", sondern das geht schon tiefer.
Meines Wissens hat Sachsen seit der Wende eine CDU-geführte Regierung und diese ist dementsprechend auch für die personelle und technische Ausstattung ihrer Landespolizei zuständig. So gesehen trifft es ausnahmsweise SPD/Grüne/Linke erst recht nicht.

So btw. - Schreiben Sie auch unter Pseudonym Walter?

@MDR-Redaktion - Ist in Ordnung, auf solche billigen Antworten kann man beinahe nur ironisch reagieren - sorry...

08.06.2017 10:16 HERBERT WALLASCH, Pirna 11

Natürlich habe ich recht, auch wenn es einigen nicht paßt, Frust macht krank, konkrete Ursachenaussagen sind ja öffentlich unerwünscht.

07.06.2017 22:26 Thomas 10

@Walter

"Ich denke ein Hauptgrund fehlendes Nachwuchs ist die fehlende Rückendeckung aus der Politik und ständige Anfeindung durch rrg'e Gutmenschen."

Oder durch Angriffe von Neonazis, Pegida-Spaziergängern und Reichsbürgern? Oder generell durch ein schlechtes Image? Oder durch generelles Anpflaumen irgendwelcher Bürger, die in jedem einen Blitzableiter für persönlichen Frust sehen wie unser leiber Pflegedienst, der durch das Tragen einer Uniform scheinbar Vertreter einer eingebildeten staatlichen Willkür sehen?

Geht´s eigentlich auch mal ohne Polemik gegen Ihre erklärten Feindbilder? Reflektiertes Antworten sieht jedenfalls anders aus!

[Liebe User,
bitte bleiben Sie beim Thema.
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07.06.2017 19:53 Walter 9

Ich denke ein Hauptgrund fehlendes Nachwuchs ist die fehlende Rückendeckung aus der Politik und ständige Anfeindung durch rrg'e Gutmenschen.

07.06.2017 17:08 Nelly 8

Lieber Mustermann, Sie bräuchten die Rechtschreibprüfung sehr oft, wie man Ihrem Beitrag entnehmen kann. Erteilen Sie besser keine Ratschläge hinsichtlich Einstellungstest, wenn Ihr eigenen Deutschkenntnisse vor Fehlern strahlen.
Der Krankenstand bei der Polizei liegt tatsächlich weit über Normal. Die Beamten tragen daran allerdings keinerlei Schuld. Hier hat die Politik seit vielen Jahren komplett versagt!

07.06.2017 11:25 Fragender Rentner 7

Ist das ein Wunder bei dem Stress?

07.06.2017 10:54 Mustermann 6

Augen auf bei der Berufswahl kann ich da nur sagen. Das Auswahlverfahren ist wohl doch nicht so das gelbe vom Ei.

Bessere Bürotechnik soll helfen? Diese muss aber auch bedient werden können. Wenn ich z.B. sehe was da beim schreiben der Protokolle so vor sich geht (ich sag nur Einfingeradlersuchsystem)...Da wäre ich sicherlich auch öfters krank.

07.06.2017 10:50 Grebefan 5

@Pflegedienst : Welch ein unqualifizierter Kommentar Ihrerseits ! Sie können ja mal eine Woche mit einem Kollegen der Bereitschaftspolizei tauschen....!

07.06.2017 10:17 Thomas 4

@2 Pflegedienst - Klasse Argumente ihrerseits!

Fragt sich nur, wo bei den Polizeibeamten dann die Überstunden herkommen? An den sofort vorhandenen Vertretungen und dem überzähligen Personal kann es ja nicht liegen. Und wieso will eigentlich diesen Beruf kaum noch jemand ausüben, trotz der angeblich so tollen Vergütung und der Sicherheit als Beamter?
Vielleicht ist die Schichterei, das Verlieren von Ruhetagen durch Sonderschichten z.B. durch Einsätze beim Fussball, Demonstrationen usw. doch etwas zehrender als so mancher 9to5-Job in der "freien Wirtschaft".
Oder spricht hier eher der Sozialneid heraus durch jemanden, dem es leider noch schlechter geht? Dafür kann die Polizei nun eher weniger, sondern da ist die Schuld andernorts zu suchen.