Lutz Rathenow
Der sächsische Landesbeauftragte, Lutz Rathenow, fordert mehr Beratungen für die sorbische Minderheit. Bildrechte: dpa

Stasi-Unterlagenbehörde Sächsischer Landesbeauftragter fordert Außenstelle in Bautzen

Die Stasiunterlagen-Behörde auflösen, die Akten ins Bundesarchiv überführen - das empfahl eine Expertenkommission im vergangenen Jahr. Der Landesbeauftragte für Stasiunterlagen in Sachsen, Lutz Rathenow, fordert dagegen eine weitere Außenstelle in Bautzen. Zum Beispiel, um Beratungen auf Sorbisch anzubieten.

von Ine Dippmann, MDR AKTUELL

Lutz Rathenow
Der sächsische Landesbeauftragte, Lutz Rathenow, fordert mehr Beratungen für die sorbische Minderheit. Bildrechte: dpa

Geht es nach dem Bundesbeauftragten Roland Jahn, würden die Stasiunterlagen künftig zentral in Berlin gelagert. Doch davon hält Lutz Rathenow, der sächsische Landesbeauftragte, gar nichts. Seiner Meinung nach sollte eine Akteneinsicht ortsnah erfolgen. "Es wäre wichtig, dass die Menschen aus Städten wie Bautzen oder Görlitz nicht erst nach Leipzig oder Berlin fahren müssen." Auch für die Zusammenarbeit der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sei das von zentraler Bedeutung.

Beratung stärker nachgefragt

Aktuell sind die Akten über die Außenstellen verteilt. In Sachsen verwalten je rund 50 Mitarbeiter die Stasi-Akten in Dresden, Leipzig und Chemnitz. Sie sortieren, organisieren Ausstellungen und die persönliche Akteneinsicht von Betroffenen. Lutz Rathenow hält die bisheringen Außenstellen nicht für ausreichend. Er erklärt: "Ich halte eine Außenstelle in Bautzen für wichtig, wo man in der Lage ist, auch auf Sorbisch Beratung durchzuführen."

Am besten in der Nähe des einstigen Stasi-Gefängnisses, das heute Gedenkstätte ist, meint Rathenow. Er stemmt sich mit seiner Idee gegen den Kurs von Expertenkommission und Behörden-Chef. Als Landesbeauftragter hat er kein direktes Mitsprache-Recht, versucht die Entscheider aber mit seiner Erfahrung zu überzeugen. Und die zeige zumindest in Sachsen, dass die Beratung zur Zeit wieder stärker gefragt ist.

Kinder interessieren sich für Geschichte der Eltern

Kinder und Enkel entdeckten plötzlich Stasi-Akten im Nachlass der Eltern und hätten dazu Fragen. "Sie verstehen plötzlich erst bestimmte Verhaltensformen des Vaters oder der Mutter", erklärt Rathenow. Davon gebe es immer mehr - kürzlich erst zum Jahreswechsel. "Immer mehr fragen in einer Art nach, die wir vor fünf Jahren so nicht hatten."

Den Eindruck bestätigt der sorbische Historiker Timo Meškank. Er hat im vergangenen Jahr sein Buch "Sorben im Blick der Staatssicherheit" veröffentlicht. Bei seinen Lesungen habe er erlebt, dass sich Gymnasiasten sehr für diesen Teil ihrer Geschichte interessieren. "Eine Beratungsstelle, wie sie Herr Rathenow vorschlägt, könne nützlich sein, die sorbische Geschichte der DDR-Zeit adäquat aufzuarbeiten", sagt Meškank. Aber auch im Hinblick auf die junge Generation könne sie als politische Bildungsstätte dienen und aufklärend wirken.

DDR-Geschichte der Sorben kaum bekannt

Und das sei auch notwendig. Die Mitarbeiter der Stasiunterlagenbehörden seien in den Städten oft die einzigen, die sich beruflich mit der Aufarbeitung der DDR beschäftigten, meint Meškank. Im sorbischen Bereich gehe man sehr reserviert mit dem Thema Staatssicherheit um. "Die Mitarbeiter in den sorbischen Institutionen behandeln die DDR-Zeit weitestgehend unkritisch und ignorieren, dass auch die Sorben von der Diktatur betroffen waren."

"Weltoffenheit in Kombination mit DDR-Vergangenheit"

Rathenow spricht von einer Auseinandersetzungskultur, die seiner Meinung nach "nicht überentwickelt" sei. Der will er offenbar auf die Sprünge helfen. "Als Beispiel für die deutschen und für die sorbischen Bewohner auch der Dörfer von Ostsachen, die dann eben nach Bautzen fahren können. Das fände ich ein gutes Zeichen für Weltoffenheit in Kombination mit der DDR-Vergangenheit."   

Eine schnelle Entscheidung ist nicht zu erwarten. Kulturstaatsminister und Regierungskoalition haben angekündigt, sich vor der Bundestagswahl im Herbst nicht mehr mit dem Thema zu befassen.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 05.01.2017 | 05:07 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Januar 2017, 07:55 Uhr

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8 Kommentare

06.01.2017 20:30 Rhönsegler 8

Bei allem Verständnis für die Vergangenheit des Herrn Rathenow, kann ich hier nur sagen, jedes Mittel ist rechtens, dass mir meinen Job erhält.
Wer in fast 27 Jahren noch keine Akteneinsicht genommen hat, der ist selber Schuld.
Aber eventuell könnten ja noch irgendwelche Ur- Ur- Enkel mal wissen wollen, was ihre Ur- Ur- Urgroß Tante am 25.Herbst anno 1977 gemacht hat.

06.01.2017 10:06 Bürger der früheren DDR 7

@5. Ursprünglich wollte ich mich nicht zu diesem öden Thema äußern.Von mir aus können diese Wichtigtuer sich bis in das Jahr 2089 mit der "Aufarbeitung" beschäftigen. Sie vertun dabei aber meine Steuern-also habe ich schon das Recht zu fragen, was die Herren dort eigentlich veranstalten.
Die Nachricht des MDR zeigt vor allen Dingen, dass es dabei nicht um irgendwelche edlen Vorhaben geht, sondern schlicht um Posten, Geld und Intrigen.

06.01.2017 07:27 Torsten B. 6

Offensichtlich gibt es ganze Regionen, die jetzt erst erfahren müssen, wie sehr sie doch in der DDR unterdrückt wurden.

05.01.2017 16:32 Altacasabonita 5

Den Vorstoß Herrn Rathenows kann man nur begrüßen! Denn, auch wenn das den ehemaligen SED und Stasi-Kadern nicht schmeckt: es ist noch viel zu früh einen Schlußstrich unter das DDR-Unrecht zu ziehen!

05.01.2017 13:54 Kein AgitProper 4

Was ist denn schon wirklich "aufgearbeitet", geschichtlich nachhaltig? Das kann man zumindest ab und zu noch mal in seriösen TV-Beiträgen sehen, wenn es um SED und Stasi geht, vor und vor allem, nach der „Wende“ und in der BRD. Hauptsache - Deckel zu! Nach der altbekannten Prämisse: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf! Wer weiß, was alles ans Tageslicht kommen würde, was die Öffentlichkeit (noch nicht...) wissen darf.

05.01.2017 10:05 micha 3

wer sich informieren wollte, hat das längst getan !
ich vermute herr rathenow will nicht arbeitslos werden - verständlich !!

05.01.2017 09:46 Wieland der Schmied [282:408 2

Wieder einer der Gilde der Postenhascher, die eine "gute" Idee haben, um einen hochdotierten Posten bis weit in die Rente zu erhalten.

05.01.2017 06:13 HERBERT WALLASCH, Pirna 1

Wenn das nicht populistisch ist, was denn dann?.