JVA Leipzig
Die Justizvollzugsanstalt in Leipzig Bildrechte: dpa

Sicherheitsdebatte Wieder Suizid in der JVA Leipzig

In der JVA Leipzig haben sich binnen weniger Wochen zwei Insassen in ihrer Zelle getötet. Ein Häftling erhängte sich kurz nach seiner Einlieferung in seiner Zelle. Da kommen Erinnerungen an den Fall Al Bakr hoch und dessen Suizid im vergangenen Herbst. Wieso kommt es immer wieder zu solchen Vorfällen? Was kann man tun, um die Suizidrate zu senken?

von Mareike Wiemann, MDR AKTUELL

JVA Leipzig
Die Justizvollzugsanstalt in Leipzig Bildrechte: dpa

In der JVA Leipzig hat sich Mitte Januar ein Gefangener in seiner Zelle erhängt - wenige Stunden, nachdem er seine Haft angetreten hatte. Seit 2012 gab es in mitteldeutschen Gefängnissen insgesamt 29 Suizide. Das haben MDR-Recherchen ergeben.

Susann Mielke, Sozialarbeiterin in der JVA Leipzig, sagt zu dem Selbstmord am 12. Januar, dass zunächst alles so abgelaufen sei wie vorgesehen: Der unter anderem wegen Drogendelikten verurteilte Mann sei aufgenommen worden. Und dann, im Rahmen der üblichen Suizidprävention, am Nachmittag von einem Justizbeamten ausführlich befragt worden.

Am Ende hat sich herausgestellt, dass es keine Situation gab, die uns veranlasst hat, einen Notfallplan einzuleiten.

Nicht suizidgefährdet - das heißt, dass der Gefangene danach alle 60 Minuten kontrolliert wurde. In seiner ersten Nacht in der JVA dann erhängte er sich, unbemerkt vom Personal.

Mielke zufolge fragen sich natürlich die JVA-Mitarbeiter, warum sei das jetzt passiert sei. Das gehe nicht spurlos an ihnen vorüber. Aber aus ihrer Erfahrung mit der Suizidprophylaxe gibt es leider immer wieder Menschen, die ihre Gedanken und Gefühlszustände nicht mitteilten. Für die Sozialarbeiterin heißt das im Umkehrschluss: Man kann nicht zu 100 Prozent verhindern, dass Gefangene sich umbringen.

Totale Videoüberwachung vs. Menschenwürde

Professor Johannes Lohner, Mitglied der Bundesarbeitsgruppe "Suizidprävention im Justizvollzug", sieht das ähnlich: Absolute Sicherheit könne es nicht geben. Auch nicht mit mehr Videoüberwachung, wie sie jetzt etwa der Bund der Strafvollzugsbediensteten Sachsen fordere.

Das sei eine Illusion, meint Lohner. Das ließe sich nur mit einem Maximum an Überwachung herstellen. Das gebe es in amerikanischen Hochsicherheitsgefängnissen. Das sei weit weg von einem menschenwürdigen Strafvollzug, weit weg von Resozialisierung und weit weg von den Ideen der Menschenwürde im Grundgesetz.

Dennoch sieht Lohner Möglichkeiten, die Suizidrate zu senken. So könnten beispielsweise selbstmordgefährdete Gefangene gemeinsam mit Vertrauten in einer Zelle untergebracht werden. Oder man könnte für eine Gefängnisarchitektur sorgen, die wenig Chancen biete, sich zu erhängen.

Die Bundesarbeitsgruppe hat Lohner zufolge konkrete Maßnahmen definiert, was verbessert werden müsse. Würden die eingehalten - und die seien mittlerweile auch in Sachsen Standard - dann sei das eigentlich das, was man tun könne.

Hausarrest für U-Häftlinge?

Etwas anders sieht das Thomas Galli, Buchautor und früherer Direktor der JVA Zeithain. Er weist daraufhin, dass es die meisten Suizide im Gefängnis bei Untersuchungshäftlingen gebe. Hier müsse man strukturell umdenken.

Aus meiner Sicht müsste man sich auch mal grundsätzlich die Frage stellen, ob es nicht zum Beispiel mit elektronisch überwachtem Hausarrest oder anderen Dingen genauso möglich wäre, die Ziele zu erreichen, die man jetzt mit der Untersuchungshaft erreichen will.

Damit könnte man laut Galli die Zahl von Suiziden massiv reduzieren. Doch mit dieser Forderung steht er bislang ziemlich alleine da.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL im: Radio | 18.01.2016 | 8:24 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2017, 16:20 Uhr

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