Facebook-Profil von Stanislaw Tillich (Screenshot)
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Kein Facebook mehr Tillich geht offline

Keine Partei, kein Ortsverband, kein Abgeordneter kann es sich leisten, nicht in den sozialen Netzwerken präsent zu sein. Zur Bundestagswahl 2013 waren 77 Prozent der Kandidaten mindestens auf Facebook oder Twitter präsent - bei heutigen Wahlen dürfte die Quote bei 100 Prozent liegen. Nein, nicht ganz! Einer schwimmt jetzt gegen den Strom: Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich hat sich von Facebook verabschiedet.

von Jennifer Stange, MDR INFO

Facebook-Profil von Stanislaw Tillich (Screenshot)
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Adieu Facebook

"Vielen Dank für Ihr Interesse an dieser Seite. Sie wird künftig nicht mehr genutzt!" Für diese Mitteilung ist Stanislaw Tillichs Facebook-Profil Anfang der Woche wieder online gegangen. Zwischenzeitlich war die Seite gar nicht mehr erreichbar gewesen: Im April 2015 wurde sie deaktiviert, der letzte Post kam Anfang Dezember 2014. Nun ist das Profil wieder da - anscheinend nur, um mitzuteilen, dass die Seite "nicht mehr genutzt" wird. Der intensive Dialog funktioniere besser per Brief, E-Mail und analogen Veranstaltungen, heißt es dazu schriftlich aus der sächsischen Staatskanzlei.

Dialog abgelehnt

Verschenktes Potential, meint Politikberater und Blogger Martin Fuchs: "Er hat über die letzten Jahre hinweg ein Dialogangebot gemacht und das stellt er jetzt einfach ein. Davon sind viele Menschen, die ihm folgen, wahrscheinlich auch enttäuscht. Das ist ja das gleiche, als wenn man eine Bürgersprechstunde, die man angeboten hat, einfach einstellt. In Zeiten von Rechtspopulismus, wie AfD und Pegida, finde ich, dass ein Repräsentant eines Staates Paroli bieten und präsent sein muss, um demokratische Werte zu vermitteln."

Facebook bringt Bürgernähe

Facebook-Profil von Stanislaw Tillich (Screenshot)
Der letzte Facebook-Post von Stanislaw Tillich Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Immerhin hatte Tillichs Facebook-Profil unter den Landespolitikern die drittgrößte Reichweite - nach Wirtschaftsminister Martin Dulig. Jens Wittig, SPD-Landesgeschäftsführer sagt, soziale Netzwerke seien unverzichtbar in der strategischen Kommunikation: "Wir können da schnell informieren und einfach mit den Leuten ins Gespräch kommen können. Wenn man wissen will, was Martin Dulig macht und was ihn bewegt, kann man da einen ganz guten Einblick bekommen: Man kann ihn nicht nur als Politiker, sondern auch als Menschen kennen lernen."

Immer mehr Hasskommentare

Menschliche Abgründe tun sich auf, Hass zieht über Kommentarspalten und Facebook-Seiten hinweg und droht, die digitale Diskussionskultur zu verwüsten, beklagen viele. Deshalb postet Dulig zwar noch selbst, sagt Wittig, aber sein Profil wird zusätzlich von Angestellten und Freunden der Partei moderiert. Und es gibt Regeln: "Wir freuen uns über Kritik, Lob, Hinweise und Anregungen. Aber die Regeln sagen auch klar, dass Rassismus, Beleidigungen und Bedrohungen da nichts zu suchen haben. Das ist seit den Aufrufen von Pegida stärker geworden, da hat sich Herr Dulig relativ klar positioniert."

Aufgeben ist keine Lösung

Genau das führte auch bei Jürgen Kasek, sächsischer Landesvorsitzender der Grünen, zu einer Dauer-Eskalation. Facebook-Nutzer, die an sachlichen Diskussionen interessiert waren, machten zusehends einen großen Bogen um sein Profil, so Kasek. Seine Lösung: "Ich habe eine Privatseite, die von außen nicht ohne weiteres eingesehen werden kann. So kann ich tatsächlich in einem Nähebereich diskutieren kann. Auf der anderen Seite gibt es eine offizielle Seite, die man von außen ansteuern kann - und da habe ich außer mir noch zwei Admins dahinter."

Moderatoren, klare Regeln für den Dialog und konsequente Verfolgung von Verstößen - so reagieren immer mehr Politiker bundesweit auf die Brutalisierung in der digitalen Welt. Das sei das richtige Signal, sagt Fuchs: "Man kann auf jeden Fall lernen, damit umzugehen und gegenzusteuern. Und das erwarte ich von einem Ministerpräsidenten wie Herrn Tillich."

Zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2016, 12:19 Uhr