Ein Flüchtling hält am 16.09.2015 an der deutsch-österreichischen Grenze seinen syrischen Pass.
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Statistiken werfen Fragen auf "Wo sind die 770.000 unregistrierten Flüchtlinge?"

In unserer Flüchtlingsserie beantworten wir diesmal die Frage einer Hörerin aus Leipzig. Sie schrieb: "Wir verlangen die sofortige Ausweisung der Gesetzesbrecher in Köln, Hamburg, Stuttgart und wo auch immer und dass ihnen kein Asyl oder gar Bleiberecht gewährt wird. Endlich muss man auch die suchen, die in der BRD unregistriert umherstrolchen. Es sollen ja 770.000 oder mehr sein. Wir erwarten auch mal ein Antwort: Wo sind die alle?". Unser Reporter ist der Frage nachgegangen.

von Roman Rackwitz, MDR INFO

Ein Flüchtling hält am 16.09.2015 an der deutsch-österreichischen Grenze seinen syrischen Pass.
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Die Mehrzahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, will vor allem ein Dach über dem Kopf, eine warme Mahlzeit und eine Aufenthaltsgenehmigung. Um die zu bekommen, müssen sie sich an der Grenze oder in den Erstaufnahmestellen registrieren lassen. Das ist im vergangenen Jahr 1,1 Millionen mal passiert - laut offizieller Statistik des Innenministeriums. Reine Spekulation ist dagegen die Zahl von 770.000 illegal eingereisten Flüchtlingen, von der die Hörerin ausgeht und die in den sozialen Netzwerken kursiert.

Kluft zwischen Eingereisten und Antragsstellern

Doch wie kommt diese Zahl von 770.000 möglicherweise zustande? Ellen Könnecke vom Flüchtlingsrat Thüringen sieht einen Zusammenhang zwischen den 1,1 Millionen registrierten Flüchtlingen und der Anzahl der Asylanträge. Eigentlich müssten beide Zahlen übereinstimmen, doch es gibt erhebliche Unterschiede: "Die Zahlen sagen für 2015, dass 442.000 Asylanträge gestellt wurden. Da ist eine Riesenspanne dazwischen: 442.000 und 1,1 Millionen. Ich gehe davon aus, dass die Hörerfrage auf diesen Unterschied abzielt und davon ausgeht, dass diese Flüchtlinge im luftleeren Raum rumschweben."

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Hunderttausende Doppel- und Dreifachmeldungen

Es geht um eine Differenz von fast 700.000 Flüchtlingen. Doch die existieren nur auf dem Papier. Denn beide Statistiken - die Anzahl der Asylanträge und die der neu registrierten Flüchtlinge an den Grenzen - sind verzerrt. Viele Flüchtlinge sind bei ihrer Einreise nach Deutschland mehrfach registriert worden, etwa durch die Bundespolizei, die Behörden der Bundesländer oder das Deutsche Rote Kreuz. Die Folge: ein Datenchaos bei den Behörden. Dirk Diedrichs vom sächsischen Innenministerium berichtet von Fällen, "...in denen Gruppen in Bayern registriert wurden, dann nach Baden-Württemberg weiterzogen, erneut registriert wurden, nach Nordrhein-Westfalen gingen und wieder zurückkamen, also vierfach erfasst wurden." Die Folge sind hunderttausende Fehlmeldungen in der Statistik des Innenministeriums.

Registrierung mit Fingerabdruck soll für mehr Klarheit sorgen

Auch die 442.000 Asylanträge im vergangenen Jahr sind nur die halbe Wahrheit. Denn zahlreiche Anträge wurden noch gar nicht bearbeitet. Die Rede ist von 370.000 Fällen. Sie werden durch die Statistik nicht erfasst, genauso wenig wie Flüchtlinge, die noch gar keinen Asylantrag stellen konnten. Hunderttausende warten hier noch auf eine entsprechende Vorladung. Heißt: Diese Differenz, die offenbar zu der Frage der Hörerin geführt hat, hat nichts mit massenhaft unregistrierten Flüchtlingen in Deutschland zu tun, sagt Dirk Diedrichs vom sächsischen Innenministerium: "Es gibt keine Horden, die marodieren, oder Banden, sondern es ist einfach ein rechtsfreier Raum entstanden, weil die Registrierungsverfahren nicht funktionsfähig waren. Diese Verfahren werden jetzt aber verbessert."

Neuer Flüchtlingspass soll Chaos beenden

Künftig sollen die Behörden Flüchtlinge standardisiert erfassen und zentral melden. Bereits bei der Einreise erhalten Migranten dann einen Flüchtlingspass, unter anderem mit gespeicherten Fingerabdrücken. Damit könnten Flüchtlinge von nun an eindeutig identifiziert werden, sagt Diedrichs. "Das zweite: Es wird eine eindeutige Aufenthaltszuordnung vorgenommen, die damit sanktioniert ist, dass die Person andernfalls keine Leistungen erhält. Und zum Dritten: Es werden für die Verwaltungen Synergien geschaffen." Bereits ab Mitte dieses Monats soll das neue Verfahren schrittweise eingeführt und sollen Asylanträge wesentlich schneller entschieden werden. Damit könnte das statistische Chaos ein Ende haben - genauso wie die Spekulationen, dass es fast so viele unregistrierte wie registrierte Flüchtlinge in Deutschland gebe.

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2016, 09:16 Uhr