Mutter mit Baby hält Smartphone
Exzessive Nutzung von Smartphone und Tablet durch die Mutter kann negative Folgen für das Kind haben. Bildrechte: IMAGO

Blikk-Studie Babys leiden unter smartphonesüchtigen Müttern

Die Dauernutzung elektronischer Medien führt bei Kindern zu Konzentrations- und Sprachproblemen, sozialen Störungen und Fettleibigkeit. Das ist das Fazit der "Blikk"-Studie zu den Auswirkungen des steigenden Medienkonsums von Kindern und Jugendlichen. Besorgniserregend ist, dass offenbar bereits Säuglinge unter der Smartphonesucht ihrer Eltern leiden. Die Bundesdrogenbeauftragte Mortler erwägt ein Frühwarnsystem durch die Kinderärzte.

Mutter mit Baby hält Smartphone
Exzessive Nutzung von Smartphone und Tablet durch die Mutter kann negative Folgen für das Kind haben. Bildrechte: IMAGO

Die tägliche Nutzung von Smartphone und Tablet führt bei Kindern verstärkt zu Störungen von Konzentration und Sprachentwicklung sowie Fettleibigkeit. Das ist das Ergebnis der Studie "Blikk" (kurz für Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz, Kommunikation) zu den Folgen von übermäßigem Medienkonsum.

Bereits Babys unter einem Jahr leiden demnach häufiger unter Fütter- und Einschlafstörungen, wenn die Mutter oder der Vater parallel zu Betreuung des Kindes digitale Medien nutzen.

Kindergartenkinder hängen schon am Smartphone

Nach der von der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler veröffentlichten Untersuchung benutzen schon 70 Prozent der Kinder im Kita-Alter das Smartphone ihrer Eltern mehr als eine halbe Stunde täglich. Laut der Studie sind Zwei- bis Fünfjährige bei regelmäßiger Nutzung von Bildschirmmedien nicht nur zappeliger und haben Konzentrationsstörungen, sondern zeigten auch Sprachentwicklungsprobleme. Die Kinder seien außerdem oft unruhig und schnell ablenkbar.

Auch Kinder ab etwa sieben Jahren und Jugendliche, die mehr als eine Stunde pro Tag an ihrem Smartphone oder Tablet hängen, sind demnach oft hyperaktiv oder unkonzentriert. Sie greifen häufiger zu süßen Getränken und Süßigkeiten und haben Übergewicht.

Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung
Beauftragte der Bundesregierung gegen Drogensucht: Marlene Mortler (CSU) Bildrechte: dpa

In die Studie, aus der Medien schon vorab zitiert hatten, wurden zwischen Juni 2016 und Januar 2017 mehr als 5.500 Kinder und Jugendliche einbezogen. Die Daten stammen aus Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt und Elternbefragungen. In Deutschland gelten mittlerweile rund 600.000 Jugendliche und junge Erwachsene als internetabhängig und zweieinhalb Millionen als problematische Internetnutzer.

Eine erste Auswertung ergab bei schulischen Problemen, ADHS und sozial bedingten Störungen eindeutige Zusammenhänge zur Nutzungsdauer digitaler Medien. Dazu kommen Schlafstörungen und Angststörungen, die als Vorläufer für Depressionen gelten.

Kinder- und Jugendärzte sollen aufpassen

Mortler mahnte, "die gesundheitlichen Risiken der Digitalisierung ernstzunehmen". Kleinkinder brauchten kein Smartphone, sondern müssten erst einmal lernen, mit beiden Beinen sicher im realen Leben zu stehen. Die CSU-Politikerin sprach sich dafür aus, Eltern beim Thema Mediennutzung mehr Orientierung zu geben.

Bereits zuvor hatte sie von einer "digitalen Fürsorgepflicht" gesprochen: Eltern müssten sich gemeinsam mit den Kindern über die digitalen Möglichkeiten informieren und Grenzen setzen. Nach Mortlers Vorstellungen sollen Kinder- und Jugendärzte bei ihren Früherkennungsuntersuchungen künftig stärker auf Anzeichen von Computerspielsucht und Medienabhängigkeit achten und zielgerichtet Aufklärung betreiben, um die Medienkompetenz in den Familien zu stärken.

Viele Kinder können nicht mehr ohne Bildschirm spielen

Mortler begründete ihren Vorstoß mit weiteren alarmierenden Umfrageergebnissen. Demnach schaffen es mehr als 60 Prozent der Neun- bis Zehnjährigen nicht mehr, sich eine halbe Stunde lang ohne Fernseher oder Computer zu beschäftigen. Gut die Hälfte der Eltern räumte Informationsdefizite in der Medienkompetenz und –erziehung ein und sieht sich sich selbst nur bedingt als Vorbild.

Zwei Kinder liegen Kopf an Kopf mit Smartphone und Kopfhörer auf einem Sofa.
Was machen wir mit den digitalen Medien - und was machen sie mit uns? Bildrechte: IMAGO

Dem letzten Drogenbericht zufolge sind in Deutschland mehr als eine halbe Million der 14- bis 64-Jährigen internetabhängig – das entspricht einem Prozent. Das größte Problem haben Jüngere. Unter den 14- bis 24-Jährigen zeigen 2,4 Prozent Zeichen von Abhängigkeit, bei den 14- bis 16- Jährigen sind es fast doppelt so viele.

Dabei gibt es die Tendenz zur Computerspielsucht bei Jungen, während Mädchen sich exzessiver in sozialen Netzwerken tummelten. Im Schnitt verbringen als abhängig eingestufte Jugendliche täglich mehr als sechs Stunden vor dem Bildschirm. Allerdings gibt es für "Onlinesucht" keine einheitlich anerkannten Methoden zur Erfassung.

Smartphoneverbot für Kinder?

Die Medienpsychologin Astrid Carolus warnte im Deutschlandfunk indes vor einer einseitigen Diskussion über die Gefahren digitaler Medien für Kinder und Jugendliche. Nach ihren Worten geht aus der Blikk-Studie nicht eindeutig hervor, dass der Umgang mit Smartphones negative Folgen hat. Nachgewiesen worden seien lediglich statistische Zusammenhänge, jedoch keine klare Beziehung zwischen Ursache und Wirkung.

Die Wissenschaftlerin sprach sich gegen Smartphoneverbote für Kinder aus. Das gehe an der Realität vorbei. Die jungen Menschen wüchsen in einer digitalisierten Welt auf und müssten den richtigen Umgang mit den Geräten lernen.

Ähnlich sieht es Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig: "Kinder müssen lernen, gut und souverän mit Medien umzugehen." Ein sinnvoller und richtig dosierter Medienkonsum sei der beste Schutz. Doch ab wann ist ein Kind reif für ein Smartphone, was heißt altersgemäßer Umgang mit digitalen Medien? Das Bundesfamilienministerium nennt als Richtwerte:

Richtwerte zum Medienkonsum

Alter Empfohlene Nutzungsdauer für elektronische Medien
0-2 Jahre gar nicht
3-5 Jahre höchstens 30 min am Tag
6-9 Jahre höchstens 60  min am Tag
10-13 Jahre maximal 9 Stunden in der Woche

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 29.05.2017 | 10:55 Uhr sowie Radio | 29.05.2017 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Mai 2017, 16:27 Uhr

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17 Kommentare

30.05.2017 17:08 Krause - "ich bin ja ein Nazi, aber" 17

@ 16:
Was dem einen eine 'Plattitüde' ist, ist dem anderen ein 'Ritual' und dem ganz anderen eine 'Bedingung für ein vernünftiges, familiäres Miteinander'.

Da laß' ick mir meene 'Fasson' ooch nich ausreden - sie ist halt meene!

Es ist schon in Ordnung, wenn sich die Bundesregierung eine 'Drogenbeauftragte' leistet. Man darf dabei nicht vergessen, daß Themen in unserer Bunten Republik eben nicht 'per Diktat' von oben 'herabgelassen' werden, sondern von 'unten' erlebt und dann - je nach Relevanz - in den unterschiedlichen Hierarchieebenen abgearbeitet werden. So werden halt die 'großen Themen' bis ganz nach oben gereicht. Aber wem erzähl ich das?

Wenn denn dann schon in der obersten Ebene ein Mangel an Medienkompetenz angesprochen wird, ist das 'medienfreie' Gespräch am 'unteren' Mittagstisch ein erster 'traditioneller' konstruktiver Ansatz, um erst einmal Kommunikationskompetenz weiterzugeben.

30.05.2017 16:36 Prof. Dr. Ralf Vollbrecht 16

Die BLIKK-Studie 2017 wird in der universitären Medienpädagogik mit Unverständnis aufgenommen und methodisch verrissen.
Aufgrund ihrer methodischen Mängel und medienpädagogischen Schlichtheit wäre die Studie im Interesse der Autoren besser nicht erschienen. Das ist sie ja auch noch nicht vollständig, aber man kann ja schon mal über mögliche Risiken fabulieren (es ist bald Bundestagswahl). Das Ergebnis besteht in Plattitüden über handyfreie Zonen am Esstisch, und dass Klettern, Malen und Schwimmen auch ihren Platz im Kinderalltag haben sollten - schön, dass das jetzt auch Mediziner, wenn schon nicht erforschen (denn das haben sie nicht), so doch feststellen. Auch Bindungsprobleme, von denen fahrlässig geschrieben wird, wurden gar nicht erforscht. Wenn es der Aufmerksamkeit auf sich oder auf die Drogenbeauftragte der Bundesregierung dient, kann man den Eltern ja ruhig Angst machen.
Der Forderung nach mehr Medienkompetenz kann man zuzustimmen - sehr originell ist sie nicht.

29.05.2017 20:35 Krause - "ich bin ja ein Nazi, aber" 15

@ 13. Morchelchen:
Treffend! =)

Manchmal hört man schon diese Sprechweisen in ausgeprägter Art:
Ey, voll lol! wtf hdgdl ... und das, obwohl sie per Handy miteinander 'reden'.

Hier im MDR mit tausend Zeichen kommt es vor, daß Abk. benutzt werden, um Platz zu sparen. SMS- und sonstige Beschränkungen lassen die Schriftsprache schon arg mutieren.
Da muß man das doch nicht auch noch beim Sprechen machen...
Und so wird - nebenbei - auch noch die nächste Generation geprägt.

Heute von meinem Balkon eine Mutter(??) mit 4 Kindern gesehen, die im Park der Reih'um alle altersgerecht bespaßt hat. Gemächlich (es ist heiß!), aber ohne Unterlaß von einem zum andern! Respect!
Und das komplett ohne Handy! Sie war ja auch so beschäftigt. Doppel-Respect!

Ick wär beinahe runtergegangen, um sie zu knuddeln, aber das wäre vllt. doch eine Spur zu viel gewesen...

29.05.2017 18:08 Hans Schubert 14

Interessant, interessant....
Was ist denn an dieser Studie so wirklich neu und interessant?
Immer wieder alle 2 Jahre solche Studien verbreitet und jedes Mal ist das Ergebnis das Gleiche. Der Kölner Express veröffentlicht gefühlt alle 6 Monate eine solche Studie und das in Riesen-Lettern und mit drei Ausreufzeichen: Handys machen süchtig!!!
Das nenne ich doch mal ne Neuigkeit.
Wer bezahlt eigentlich letztendlich diese "Studien"?

29.05.2017 17:17 Morchelchen 13

Dieser Beitrag ist tatsächlich nicht übertrieben! Ich habe viele Beobachtungen gemacht, die bei mir ein inneres Kopfschütteln erzeugt haben. Letztens erst stand ein junges Ehepaar mit Baby im Kinderwagen und Kleinkind daneben da, Mutti mit ihrem, Papi mit seinem, Smartphone beschäftigt. Im Wartezimmer haben die Eltern auch nur mit den Handys zu tun, die Kinder quengeln sich so durch. Noch von einem Sprachschatz bei der Mehrheit der Jugendlichen auszugehen, ist bereits jetzt übertrieben. Aber vielleicht kann die nächste Generation wirklich nur noch mit abgehackten Sätzen kommunizieren?

29.05.2017 17:11 ??? 12

Manchmal denke ich, wenn ich die smartphonsüchtigen Mütter sehe: Warum kriegen sie eigentlich Kinder? Smartphons kann man auch hätscheln und es schreit nicht, man muss nicht mit ihm sprechen, braucht keine Windeln, keine Reiswaffeln...

29.05.2017 16:03 Lach! 11

Lach, zum Glück gibts da ja noch die Väter!

29.05.2017 14:39 Prinz Eisenherz 10

Smartphones machen Kinder dick? Haben die Eltern den Kleinen noch nicht erklärt, dass man Smartphones nicht essen soll? Wo bleibt den da die Erziehung(:-

29.05.2017 14:19 Sr.Raul 9

Da kannze Einen, gern auch Mehrere drauf lassen, @6 (NRW-Wessi), dass der "Olle Minister" Mielke vor Lachen nicht in den Schlaf gekommen wäre und 3 Viertel der Belegschaft hätte anderweitig beschäftigt werden können. Ich finde es auch immer putzig wenn sich über z.B. Videoüberwachung hinsichtlich Datenschutz ereifert wird, aber mit Inbrunst die "Datenabgreifkanäle" unter dem Decknamen "Social Media", straff selber gefüttert werden. So und ich mache mir jetzt noch 'nen Cappuccino, ganz analog!

29.05.2017 14:05 Krause - "ich bin ja ein Nazi, aber" 8

@ 5. Atze:
Komm, Du hast so einen coolen Nick! Du mußt ein bissl lockerer werden! ;)

Klar kommen Kids und Enkel auch mit Stromdurst nach Hause. Geht mir nicht anders, wenn ich mein HD-Smarty unterwegs anständig genutzt habe. Ist doch kein Problem: dafür gibt es Mehrfachsteckdosen.

Man muß halt am Essenstisch konsequent sein:
obwohl zu Tisch (wenn es denn dazu kommt) viel gesabbelt wird, muß man nicht jede Aussage mit einem Video unterlegen oder sonstwo nachschlagen.

Entweder hat man genug im Kopp, dat man 'zu Tisch' vernünftig sabbeln kann - oder man konzentriert sich aufs Essen. Davor und danach ist genug Zeit für alles. Wenn's am Tisch piepst und daraufhin zuckt, bekomm' ick schlechte Laune - und dann schmeckt keinem mehr das Essen! :P

Es sind nur ein paar, klitzekleine Regeln, die man beachten muß, um 'Opi' weiterhin grinsen zu lassen. ;)