Rechtsextremismus : Neonazis in der DDR - ein verschwiegenes Problem
Die DDR war ein antifaschistischer Staat. Jedenfalls in ihrem Selbstverständnis. Die Verfassung garantierte, dass der Nationalsozialismus ausgerottet war. "Mit Stumpf und Stiel“, wie es die SED-Führung gebetsmühlenartig zu Gedenktagen wiederholte. Damit war in der DDR kaum Platz für eine wirkliche Aufarbeitung der Hitler-Zeit. Denn wozu sollte über etwas diskutiert werden, was es nicht gab. Der Faschismus wurde als Monstrum des Imperialismus verteufelt und damit dem Westen untergeschoben. Die DDR-Jugend galt als fortschrittlich und friedliebend.
Dass auch in der DDR Nazidenken überlebte, Ausländerfeindlichkeit latent grassierte und rechtsextremistisches Gedankengut zunahm, wurde nicht gesehen, durfte und konnte nicht sein. Die DDR hatte eben, im Gegensatz zum Westen, die Lehren aus der Vergangenheit gezogen.
Grufties, Punks und Skinheads tauchten im Straßenbild auf
Doch dieses Selbstverständnis geriet in den 1980er-Jahren ins Wanken. Im Straßenbild der Städte, besonders im Berliner Raum, in Leipzig und Dresden, tauchten immer mehr Jugendliche auf, die sich nicht normgerecht verhielten. Jugendliche, die sich, ähnlich wie im Westen, durch ihr Aussehen einer bestimmten Gruppierung außerhalb der organisierten FDJ zugehörig fühlen wollten: Dunkle Grufties, bunte Punks und auch kahlrasierte Skinheads. Sie einte der Wunsch, anders zu sein. Der Staat beobachtete diese Jugendlichen mit Argwohn, bezeichnete sie als negativ-dekadent. Punks etwa galten als faul, arbeitsscheu, asozial. Skinheads dagegen wurden als gewalttätig angesehen. Eine besondere politische Dimension jedoch sah der Staat zunächst nicht.
Neonazis oder "nur" Rowdys?
Der Rechtsextremismusexperte Bernd Wagner arbeitete damals in der Kriminalabteilung des DDR-Innenministeriums. Er wurde Leiter der neu eingerichteten Arbeitsgruppe Rechtsextremismus. Wagner erinnert sich, dass die Gewaltbereitschaft und zunehmend auch das rechtsextreme Gedankengut von Skinheads intern den Sicherheitsorganen durchaus bewusst war. Doch wurde beides offiziell als "Rowdytum" angesehen. Weder wurden die Ursachen für das neue Phänomen erforscht, noch wurde öffentlich darüber berichtet. Neonazis passten nicht ins Schema der DDR. Dabei, so heißt es in einem geheimen Bericht der Staatssicherheit, trugen auch in der DDR viele Skinheads faschistische Symbole oder ließen sich entsprechend tätowieren. Einige würden die Hitler-Zeit verherrlichen, manche Konzentrationslager fordern. Doch derartige Berichte waren der SED-Spitze unlieb, denn sie widersprachen dem Selbstverständnis.
So trug der Staat dazu bei, dass sich besonders gewaltbereite Skinheads immer mehr organisieren konnten. Gruppen entstanden vor allem in Ost-Berlin. Die Mitglieder trugen Bomberjacke und Springerstiefel. Sie trafen sich in bestimmten Kneipen. Sie vereinte der Hass auf das System. Aggressionen entluden sie bei Überfällen auf Punks, Ausländer und andere Bürger. Im Oktober 1987 kam es zum schwersten Zwischenfall: Nach einem Punkkonzert mit Bands aus Ost und West in der Berliner Zionskirche mit hunderten Zuschauern stürmten rund drei Dutzend Skinheads das Gotteshaus. Sie brüllten "Sieg heil" und schlugen auf Besucher wahllos ein. Die Westmedien berichteten über den Überfall, die DDR konnte ihr Problem Rechtsextremismus nicht mehr verheimlichen. In einer Art Schauprozess verurteilte sie die hauptverantwortlichen Skinheads. Doch mit einer komplexen Bewertung tat sich die DDR weiter schwer. Schuld für die Gewalt trug vor allem der Westen, hieß es offiziell, das Westfernsehen hätte die eigenen Jugendlichen dazu animiert. Außerdem hätten die Familien der Täter in der Erziehung versagt. Das Problem wurde also weiter kaschiert, die Öffentlichkeit belogen.


