Der Redakteur | MDR THÜRINGEN - Das Radio | 11.11.2011 : Woher kommt die Tradition der Kussfreiheit in der Karnevalszeit?
Im Karneval werden Handlungen des öffentlichen Lebens verulkt. Der Kuss ist nicht nur eine Zärtlichkeit zwischen Liebenden, sondern auch kirchlicher Brauch, wie etwa der Adorationskuss (dabei werden der Saum eines Gewandes oder die Füße geküßt, schon zur Zeit Jesu üblich), der Oster- und Friedenskuss oder aber auch der sozialistische Bruderkuss. Bei der Weiberfastnacht dürfen die Frauen alles, eben auch ungefragt küssen.
Einfach drauflos küssen geht nicht
Es gibt durchaus eine rechtliche Seite der ausgelassenen Narrerei. Der Überschwang der Gefühle am Arbeitsplatz kann durchaus Konsequenzen haben. Freiheit heißt auch immer, die Freiheit des Anderen zu akzeptieren. Kollegen gegen deren Willen zu küssen, stellt auch zum Karneval eine sexuelle Belästigung dar, meint der Rechtsanwalt Michael Felser. Das kann arbeits- und strafrechtliche Maßnahmen nach sich ziehen. Im Zweifel also besser vorher fragen. Beschwerden oder gar Anzeigen von gegen ihren Willen geküssten Karnevalisten sind bis heute aber nicht bekannt.
Es ist davon auszugehen, dass Teilnehmer von ausgewiesenen Faschingssitzungen bzw. -Umzügen über die Tradition der Kussfreiheit informiert sind und diese zumindest tolerieren. In Thüringens Karnevalshochburg Wasungen verzichtet man aus Rücksicht vor den jugendlichen Teilnehmern auf spontane Küsse zwischen Elferrat und Mitwirkenden. Einvernehmliches Küssen ist immer erlaubt, üblich ist es im Karneval allerdings nur an den tollen Tagen zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch.


