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EU-Regionalfördergelder : Das "Leipzig-Problem" – eine europäische 400-Millionen-Posse

Zuweilen tickt Europa schon reichlich komisch. So könnte es passieren, dass ab 2014, wenn die milliardenschweren EU-Regionalfördergelder neu verteilt werden, der Regierungsbezirk Leipzig wesentlich schlechter gestellt wird als die beiden anderen sächsischen Regionen Dresden und Chemnitz. So steht es zumindest im Vorschlag der EU-Kommission, über den jetzt das Europäische Parlament und der Rat der EU-Staaten zu entscheiden haben. Die sächsische Politik läuft dagegen Sturm. In dieser Woche war erneut der sächsische Europastaatsminister Martens in Brüssel.

von Martin Bohne, MDR-Korrespondent in Brüssel

Martin Bohne
Martin Bohne, MDR-Korrespondent in Brüssel

Schuld ist eine klitzekleine Prozentzahl. Leipzig hatte bei der letzten Einordnung der europäischen Regionen in die verschiedenen Förderkategorien vor sieben Jahren eine Wirtschaftsleistung, die knapp über 75 Prozent des EU-Durchschnitts lag. Dresden und Chemnitz lagen knapp darunter. Die 75-Prozent-Marke ist aber wie eine europäische Wasserscheide: sie trennt Höchstfördergebiete von kaum noch unterstützten Regionen. Für die jetzige Förderperiode hat sich das finanziell nur wenig ausgewirkt – für die kommende ab 2014 droht aber ein regelrechter Absturz. Denn Dresden und Chemnitz, die mittlerweile natürlich auch die 75-Prozent-Marke übertreffen, sollen von einem Sicherheitsnetz profitieren, Leipzig aber nicht. Denn das Sicherheitsnetz gilt nach dem Willen der EU-Kommission nur für Regionen, die erstmals diese Schwelle überschreiten.

"Es geht hier schon um erhebliche Beträge, es geht um zwei bis dreistellige Millionenbeträge."

Jürgen Martens

Jürgens Martens kennt das Leipzig-Problem aufs Genaueste. Als sächsischer Staatsminister für Justiz und Europa ist er seit Monaten dabei, in Brüssel und Berlin die Entscheidungsträger für das Problem zu sensibilisieren.

"Wir sind eindeutig für eine klare Auslaufregelung, für eine Anschlussfinanzierung von 2014 bis 2020 in Höhe von zwei Drittel der bisherigen Förderung."

Jürgen Martens

Und zwar für alle drei sächsischen Regionen gleichermaßen. In konkreten Zahlen: der Bezirk Leipzig bekommt in der laufenden Sieben-Jahres-Periode knapp 900 Millionen Euro. In der nächsten wären es nur noch rund 200 Millionen. Ohne Sicherheitsnetz. Mit Sicherheitsnetz käme Leipzig immerhin noch auf knapp 600 Millionen. Es geht also um rund 400 Millionen. Und das ist noch nicht einmal alles. Leipzig müsste dann künftig bei den geförderten Projekten für jeden EU-Euro einen Euro aus der eigenen Kasse draufpacken. Dresden und Chemnitz hingegen könnten sich weiter 75 Prozent aus den europäischen Töpfen holen. Sachsen würde also fördermäßig in zwei Teile zerschnitten. Was auch die Verwaltung des Freistaats vor große Probleme stellen würde.

Es ist das alles schon eine Posse der besonderen Art: denn Leipzig steht ja in der wirtschaftlichen Realität keineswegs besser da als Chemnitz und Dresden, im Gegenteil, was die Arbeitsslosenzahlen angeht, sogar spürbar schlechter. Dass Leipzig in der europäischen Statistik besser abschneidet, liegt eigentlich nur an einem einzigen Unternehmen. Die Verbundnetz Gas AG hat ihre Konzernzentrale nach Leipzig verlegt und treibt so das regionale Wirtschaftsprodukt nach oben. Im Kampf gegen das Fördergefälle hat Sachsen jetzt einen ersten Erfolg erzielt. Der zuständige Ausschuss im Europäischen Parlament stimmte für die Einbeziehung Leipzigs ins Sicherheitsnetz.

"Richtig ist, dass die endgültigen Regelungen erst nach einem sehr komplizierten Verfahren  geschaffen werden, aber mit der Stellung des Europäischen Parlaments ist eine weitere Stufe erreicht, und die ist positiv aus sächsischer Sicht."

Jürgen Martens

Aber das ist noch nicht einmal die halbe Miete. Nun muss noch die EU-Kommission überzeugt werden. Aber auch da hat der sächsische Europaminister nach seinem jetztigen Gespräch mit dem deutschen Kommissar Oettinger ein ganz gutes Gefühl:

"Die Kommission kennt das Problem, und es wird für die Gegner eines Sicherheitsnetzes immer schwieriger noch Wege zu finden, eine Gleichbehandlung aller sächs Regionen zu verhindern."

Jürgen Martens

Aber maßgeblich ist letztendlich das Kräfteverhältnis unter den EU-Regierungen. Die endgültige Entscheidung über die Höhe der Regionalförderung wird wohl in einer Nacht der langen Messer auf einem EU-Gipfel fallen. Es wird also darauf ankommen, ob sich Angela Merkel dann für Leipzig stark macht.

"Und, das freut mich jetzt, die Bundesregierung hat bereits klar gemacht, dass sie sich ebenfalls für eine gleichmäßige Förderung aller sächsischen Regionen einsetzen wird."

Jürgen Martens

Ob das reicht, wird man Ende des Jahres, vielleicht aber auch erst im nächsten Frühjahr wissen.

Zuletzt aktualisiert: 21. Juli 2012, 06:41 Uhr

6. Ulf:
Den Vorschlag der EU-Kommission als "Posse" zu bezeichnen ist schon ziemlich daneben und unfair. Wenn wir uns in unserem Alltagsleben so umschauen, so stellen wir doch fest, dass es überall gewisse Grenzwerte gibt, ab denen man z.B. Leistungen vom Staat erhält oder eben auch nicht. Und die Verantwortlichen haben sich dabei etwas gedacht. Das mag für den einen gerade günstig sein und für den anderen gerade nicht. Das haben wir akzeptiert und entspricht einer Logik, die sich - idealer Weise - an objektiven Fakten orientiert. Vielleicht sollte aber die Definition der Förderregion eine andere sein, denn die wirtschaftlichen Probleme sind weniger in den Großstädten Leipzig und Dresden, sondern eher in den ländlichen Gebieten zu finden.
22.07.2012
20:33 Uhr
5. Johne:
Hier sollte es nicht um Neid gehen, wer was bekommt. Hier ist generell was falsch in Brüssel. Was hatte Sachsen vor der Wende für eine gutgemischte Industrie?! Deutschland zahlt Riesenbeträge ein und bekommt mit viel Getöse Brotkrumen zurück. In Leipzig ist noch viel zu tun, merkt man, wenn man erst in der Stadt wohnt. Große Industriebrachen allerorten.
22.07.2012
02:11 Uhr
4. Knall Frosch:
Wofür braucht denn Dresden noch eine Förderung? Das ist doch der Witz der Nation. Bisher schon immer mehr Mittel abzweigen ohne Begründung und nun steht man natürlich schlechter da als Leipzig und bekommt mehr Geld. Ist klar. Glücklicherweise gibt es in ein paar Jahren ein neues Bundesland ohne Dresden als Hauptstadt ...
21.07.2012
15:13 Uhr
3. Hermann Heise:
Das erinnert an Griechenland: Entweder die Statistik ...anpassen... oder ehrlich bleiben. Wofür Leipzig allerdings das Geld braucht, ist nicht gesagt. Erstmal jammern und Geld einfordern."Das kriegen wir schon unter"???
21.07.2012
10:40 Uhr
2. Heinz Faßbender:
Dieser FDP-Jürgen Martens ist eine absolute Fehlbesetzung und gehört für mich zu den Verächtern der Menschen– und Bürgerrechte in Sachsen. Solche Juristen sind nicht für menschenfreundliches Verhalten bekannt, deshalb sind die aus Sicht der sächsischen Regierung besonders "brillant"... Ein williger Wegschauer…der teuer bezahlt wird.
21.07.2012
09:06 Uhr
1. Möwe:
Hier sieht man wieder ganz deutlich, wie die Geldströme aus den Fördertöpfen fließen, nämlich ohne System. Das Fördermonstrum EU muss abgeschafft werden. Geht eigentlich noch etwas ohne Förderung? Da könnte man viel sparen, angefangen beim Fördergeld bis hin zum Verwaltungsmonster. Mutige Leute braucht das Land. Aber nein, wir sagen Europa muss sein und deshalb bekommt jeder, was er haben will, egal ob er sich an Regeln hält oder nicht.
21.07.2012
08:41 Uhr

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