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Hintergrund Rockerbanden : Freiheitsliebe und Kriminalität: Ein schmaler Grat

Organisierte Rockerclubs sind keine Herbergen für freiheitsdurstige Motorradfahrer, die sich gegen gesellschaftliche Zwänge wehren und ihre Freiheitsliebe ausleben. Es sind keine bärtigen Männer, die lieber ärmellose Kutten mit Totenköpfen tragen als Krawatten und die Gesellschaft bierliebender Gleichgesinnter suchen. Diese Gemeinschaftsidee stand zwar am Anfang der Rockergruppen-Bewegung, ist inzwischen aber längst passé.

Rocker gehören einer ursprünglich aus den USA stammenden motorradfahrenden Subkultur an, die sich in Motorradclubs, sogenannten MCs, organisieren. Im Vergleich zu anderen Motorradfahrern empfinden Rocker das Motorradfahren als Lebensstil, den sie durch das Tragen von Lederwesten (Kutten) mit auffälligen Kennzeichnungen in Clubfarben, Tätowierung und auch provozierenden Symbolen verkörpern. Dazu gehört zum Beispiel das 1%-Zeichen. Es steht für die Bereitschaft, kompromisslos nach den Ideen der Rockerszene zu leben – im Zweifel auch abseits bürgerlicher Normen und Gesetze.

"Bandidos" und "Hells Angels": Rivalitäten und Gemeinsamkeiten

Die zwei wegen ihrer medialen Präsenz und kriminellen Vergangenheit bekanntesten Rockerbanden sind die "Hells Angels" und die "Bandidos". Zwischen beiden kommt es seit jeher immer wieder zu blutigen Fehden, so zum Beispiel in den 1990er-Jahren in Skandinavien, als die Clubs um die Vorherrschaft im Drogen- und Waffenhandel sowie bei der Zuhälterei kämpften. In Deutschland erreichte die Feindschaft zwischen den beiden Clubs 2007 ihren vorläufigen Höhepunkt: Im nordrhein-westfälischen Ibbenbüren wurde einer der Köpfe der Bremer "Hells Angels" ermordet. Zwei "Bandidos" wanderten dafür im Juni 2008 lebenslang hinter Gitter.

Die Ästhetik beider Clubs ähnelt sich frappierend: Bärte, Sonnenbrillen, Harleys, Lederjacken. Auf denen prangt ein rückenfüllender Aufnäher, in dem sich um das Logo der Bandenname und das jeweilige Land wölben. Alle Rockergruppen sind nach demselben Muster und nahezu militärisch organisiert. Sie gliedern sich in Ortsgruppen, sogenannte Chapter. Ihnen steht jeweils ein Präsident vor. In der Hierarchie folgen der Roadcaptain (Tourenplaner), Secretary (Sekretär) und der Sergeant at Arms (Waffenmeister). Bundesweit zählen die Ermittler rund 300 Ortsgruppen (Chapters) mit insgesamt 3.000 Mitgliedern. Weitere zahlenmäßig starke Rockerclubs in Deutschland sind die "Gremium MC", der einzige nicht-amerikanische und mitgliederstärkste Rockerclub in Deutschland, sowie die "Outlaws".

Regeln, Gesetze, Geschäftsfelder

Der Weg bis zum Vollmitglied ist hart. Frauen wird sie in fast allen Chapters verwehrt. Hangarounds (Mitläufer) und Prospects (Anwärter) müssen "Handlangertätigkeiten" verrichten, wenn Rocker-Gruppen wegen Gebietstreitigkeiten aneinander geraten. Erst wer sich bewährt hat, darf die begehrte Lederkutte mit dem Emblem des Chapters tragen. Die Rocker betreiben unter anderem Bordelle, Tattoostudios und Sicherheitsunternehmen. Die "Hells Angels" sind zudem auch im Geschäft mit Spirituosen aktiv.

Für Rockerbanden gilt eine strenge Verschwiegenheitspflicht, innere Angelegenheiten und Auseinandersetzungen dürfen nicht nach außen getragen werden. Schon gar nicht gegenüber der Justiz. Deshalb stellt es die Gerichte immer wieder vor schwierige Herausforderungen, die Täter zu ermitteln, weil sich die Oper oft nicht an erlittene Gewalt erinnern wollen. Eine clubübergreifende Zusammenarbeit gibt es bei Rockern nur dann, wenn ihre Existenz bedroht ist. Dies war etwa bei der medienwirksamen Verbrüderung der "Bandidos" und "Hells Angels" vor zwei Jahren der Fall. Hintergrund war, dass die Innenministerkonferenz über ein bundesweites verbot der "Hells Angels" nachdachte.

"Bandidos": mexikanische Banditen auf Motorrädern

Entstanden sind die "Bandidos" 1966 in Texas. Ihr Gründer war der Vietnam-Veteran und US-Marine Donald Eugene Chambers. Der Club war wie geschaffen für jene US-Soldaten, die enttäuscht aus Vietnam zurückkehrten und eine neue Heimat suchten. Das Motorrad, traditionell eine Harley Davidson, verkörpert heute wie damals das Symbol der Freiheit, verbunden mit einem starken Zugehörigkeitsgefühl. Die Clubfarben Gold und Rot gehen auf die Insignien der US-Marines zurück. Als Aufnäher dient ein mexikanischer Bandit mit großer Machete und einem Revolver.

"Hells Angels": Höllenengel im Ledergewand

Die "Hells Angels" gründeten sich bereits 1948 in Kalifornien. Sie benannten sich nach der 303. Bomberstaffel der Amerikaner, die im Zweiten Weltkrieg von England aus Angriffe startete. Die Gruppierung wehrt sich jedoch gegen das Image, sie sei aus abgehalfterten, dem Alkohol verfallenen ehemaligen Soldaten hervorgegangen, sondern hält die Bomberstaffel als "hochqualifizierte, motivierte und einsatzbereite Flieger" in Ehren. Nach der Fusion mit weiteren Clubs expandierte die Gang vor allem in den 60er-Jahren nach Europa. Heute gelten die "Hells Angels" als weltweit größter und bekanntester Motorradclub.

Zuletzt aktualisiert: 07. Juni 2012, 10:19 Uhr

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