Nachgefragt : Was wusste Helmut Roewer über das Terror-Trio?
"Skurril, exzentrisch, windig". Das sind noch die harmlosen Bezeichnungen für Helmut Roewer, den Chef des Thüringer Verfassungsschutzes von 1994 bis Sommer 2000. In seine Amtszeit fallen die ersten politischen Aktionen und das folgenschwere Abtauchen von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Seitdem die drei für zehn Morde, für Banküberfälle und einen Nagelbomben-Anschlag verantwortlich gemacht werden, dreht sich alles um die Frage, was Polizei und Verfassungsschutz wissen konnten. Haben die Behörden und/oder Helmut Roewer möglicherweise mit ihnen zusammengearbeitet? Dieser ungeheuerliche Verdacht verstummt nicht, obwohl dem Thüringer Verfassungsschutz bei den aktuellen Untersuchungen bisher keine gravierenden Fehler nachzuweisen sind.
Das Thema langeweilt ihn
Mit Helmut Roewer über das Jenaer Trio und seine Zeit als Geheimdienst-Chef zu reden, ist nicht einfach. Ihn selbst drängt es nicht, und wer ihn drängt, beißt zunächst auf Granit. Das Thema langweile ihn, sagt der 61-Jährige. Eigentlich will er mit Geheimdiensten nur noch zu tun haben, wenn er darüber schreibt. Sachbücher, historische Abhandlungen - mit erkennbarem Spaß am Fabulieren, publiziert in Verlagen, deren Namen seriösen Historikern nicht über die Lippen kommen. Macht das, was Roewer über die damalige Zeit zu sagen hat, deshalb fragwürdiger?
Nach wiederholten Anfragen ist Roewer bereit, länger als zehn Minuten in laufende Kamera und Mikrofone zu sprechen. Es werden 50 Minuten, die anstrengend sind. Für beide Seiten. Roewer ist geizig mit Informationen. Die, die er gibt, sind kalkuliert platziert.
"Ich habe relativ gute Erinnerungen, dass wir hier das Gefühl hatten, dass uns junge Erwachsene in die Terrorszene abgleiten". Roewer meint die Zeit im Herbst 1997, als Mundlos und Böhnhardt verdächtigt wurden, vor dem Theaterhaus Jena einen Koffer mit Bombenattrappe abgestellt zu haben und wenig später in einem Baumarkt zünderfähiges Material einkauften.
Bei der Fahndung "alle Mittel eingesetzt"
Seine Einschätzung, "dass diese Leute auf einem gefährlichen Pfad wandern, nämlich in Richtung des Rechtsterrorismus", wird nach Roewers Erinnerung damals nicht von allen geteilt. "Ein Teil der Kollegen war eben der Meinung, das seien Jugendsünden, die sich ausflitzen."
Unklar bleibt, was ihn veranlasste, die drei ernster zu nehmen. Stattdessen kommt - gefragt oder ungefragt - Roewers wichtigste Botschaft: Es seien "alle Mittel" eingesetzt worden, um die drei nach dem Abtauchen wieder aufzuspüren. Observationen, Telefon-, Brief- und Kontenkontrollen. "Das Umfeld" sei über lange Zeit überwacht worden - und damit auch die Familien der Verschwundenen.
Ein Elternteil nahm nach Roewers Erinnerung selbst Kontakt zu ihm persönlich auf. Sie hätten sich Hilfe erwartet, die er nicht habe leisten können. "Die hatten da so eine Art Vorstellung, dass sie da einem rechtsfreien Sozialhelfer gegenübersitzen, der aber sich bei Lichte betrachtet als Leiter einer Sicherheitsbehörde darstellte." Die Eltern hätten über Straffreiheit sprechen wollen. "Darum ging es uns überhaupt nicht, sondern es ging ja darum, die Leute einzufangen."
Warum das Einfangen nicht gelungen ist? Roewer verweist an andere. "Es war so, dass meine Mitarbeiter und ich mehrfach das Gefühl hatten, jetzt haben wir sie wieder gefunden." Die Informationen seien von der Polizei nicht entsprechend benutzt worden.
Hat aber der Verfassungsschutz selbst alle ihm vorliegenden Informationen genutzt? Immerhin stand Tino Brandt auf der Honorarliste des Landesamtes. Die Informationen des damals führenden Neonazis mit Kontakten zum Trio sind heute wieder gefragt.
"Mich um Banküberfälle zu kümmern, war nicht meine Aufgabe"
Was konnte der Verfassungsschutz durch diesen V-Mann wissen? Was konnte Roewer wissen über den ersten Banküberfall 1999, der auf das Konto der drei gehen soll? "Mich um Banküberfälle und ähnliches zu kümmern war weder meine Aufgabe, noch weiß ich oder habe zum damaligen Zeitpunkt gewusst, dass es da einen Zusammenhang gegeben haben könnte."
Ob darin Zweifel an den aktuellen Vorwürfen mitschwingen? Roewer lässt gedanklichen Spielraum, aber keine Nachfragen zu. Keine Kommentare zu dem, was er nicht aus eigener Anschauung kennt. Nur so viel: "Wer draußen ist, ist draußen. Guter Grundsatz, daran halte ich mich."
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