minderjährige Flüchtlinge
Im ersten Halbjahr 2016 kamen 18.000 minderjährige Flüchtlinge ohne Eltern nach Deutschland. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diskussion um Alterseinschätzung Handwurzeluntersuchung bei Flüchtlingen gefordert

Für eine pointierte Forderung ist Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl immer zu haben. Jetzt hat er gefordert, dass bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen stärker das Alter geprüft wird, etwa mit der so genannten Handwurzeluntersuchung. Doch in der Großen Koalition ist man skeptisch.

von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio

minderjährige Flüchtlinge
Im ersten Halbjahr 2016 kamen 18.000 minderjährige Flüchtlinge ohne Eltern nach Deutschland. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Geboren am 1. Januar – dieses Datum findet sich häufiger in Pässen von Flüchtlingen. Denn in Ländern wie Afghanistan oder Syrien spielt das tatsächliche Geburtsdatum keine so große Rolle wie in Deutschland. Die Eltern tragen deswegen bisweilen einfach den Neujahrstag ein. Für die deutsche Bürokratie ist das schwer erträglich. Vor allem wenn es darum geht, ob Flüchtlinge minderjährig sind oder nicht.

Volljährige durchlaufen nämlich ein reguläres Asylverfahren, sagt der CDU-Innenexperte Armin Schuster. Jugendliche dagegen nicht. "Wenn sie aufgegriffen werden, oder wenn sie sich irgendwo melden, kommen sie direkt in die Jugendhilfe und -ämter. Das wiederum sind keine Polizeibehörden." Und deshalb fehlten bundesweit verlässliche Zahlen, wie es sie bei normalen, erwachsenen Asylbewerbern gebe.

Stärkere Kontrollen gefordert

Klar ist: Im ersten Halbjahr 2016 kamen 18.000 minderjährige Flüchtlinge ohne Eltern nach Deutschland. Weil sich die Behörden oft auf deren Angaben in punkto Alter verlassen müssen, fordert Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) jetzt stärkere Kontrollen. Etwa indem Ärzte das Alter an der Hand bestimmen.

Möglich ist das, weil die Knochen im Kindesalter größere knorpelige Anteile haben, die beim Erwachsenwerden verknöchern, erklärt Thomas Albrecht. Er ist Professor für Radiologie am Berliner Vivantes Klinikum Neukölln: "Dieser Verknöcherungsprozess ist im Normalfall mit dem 18. Lebensjahr abgeschlossen. Und aufgrund des Ausmaßes der bereits stattgehabten Verknöcherung können wir zumindest grob erkennen, welches biologische Alter das Kind oder der Jugendliche hat."

Die Methode hat Grenzen

Doch die Methode hat Grenzen, erklärt der Mediziner. Es kann sein, dass der Knochen des Mittelfingers ein anderes Alter suggeriert als der Daumen. Dann müssen die Ärzte ein Durchschnittsalter errechnen. Aber selbst wenn alle Knochen gleich alt sind, bleibt eine Unsicherheit.

"Dann kann man beim gesunden, normal entwickelten, normal ernährten davon ausgehen, dass man das Alter plus, minus ein Jahr genau vorhersagen kann." Wenn aber Erkrankungen, Mangelernährung oder andere Dinge hinzukommen würden, "wie sie auch bei Flüchtlingen durchaus auftreten, dann wird die Methode noch ungenauer", sagt Albrecht.

Im Klartext: Ob jemand 17 und damit minderjährig oder 18 und volljährig ist, können Mediziner nicht feststellen. Dass es Flüchtlinge gibt, die ein falsches Alter angeben, ist unstrittig. Manche machen sich jünger, weil Schleuser ihnen dazu raten. Andere behaupten volljährig zu sein, um weniger kontrolliert zu werden.

Es gibt auch andere Möglichkeiten

Und so mancher weiß schlicht nicht, wann genau er auf der Welt kam, sagt der SPD-Innenexperte Burkhard Lischka. "In Afghanistan haben wir etwa nicht wie bei uns Register, denen das Krankenhaus die Geburt meldet. Sondern da finden sich sehr häufig Einträge, wonach alle am 1. Januar geboren worden sind. Und dann geht´s noch darum, um welches Jahr es da geht."

Und weil Ärzte das Geburtsjahr eben nicht exakt feststellen können, hält Lischka den Vorstoß aus Baden-Württemberg für unsinnig. Auch sein CDU-Kollege, durchaus für harte Positionen in der Flüchtlingspolitik bekannt, hält nichts von massenhaften Röntgenuntersuchungen. Die seien schlicht unnötig, sagt Schuster, der selbst lange für den Bundesgrenzschutz gearbeitet hat.

"Ich weiß, dass man mit einem gewissen polizeilichen Erfahrungshintergrund, durch bestimmte Dateien, durch geschickte Fragestellungen, auch so auf ein Alter schließen kann und herausbekommen kann, wie sieht´s denn aus", sagt Schuster.

Doch dazu müssten Schusters Ansicht nach auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ein Asylverfahren durchlaufen. Sein SPD-Kollege Lischka kann sich das ab einem bestimmten Alter durchaus vorstellen. Etwa wenn unklar ist, ob jemand nun 17 oder 18 Jahre alt ist.

Bei jüngeren dagegen hält Lischka das für nicht angemessen. Immerhin, um einen 14-Jährigen von einem vielleicht 18-Jährigen zu unterscheiden, muss keine Hand geröntgt werden. Dafür reichen wohl zwei normale Augen.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im Radio | 16.12.2016 | 20:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Dezember 2016, 05:00 Uhr

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25 Kommentare

18.12.2016 12:18 Fragesteller 25

Handwurzeluntersuchung bei Flüchtlingen? Eher Hirnuntersuchungen bei Politikern.

17.12.2016 19:47 007 24

@ Sabine Sonntag 21 ... ( Was hat unsere Kanzlerin in ihrer Hippie-Phase angerichtet? ) ... Das kann ich ihnen beantworten was diese Kanzlerin angerichtet hat; ... nüscht und nochmal nüscht. Weil unfehlbar, sie sagt selbst; ... zu ihrer Politik gibt es keine Alternative, sie hätte zwar viele Fehler gemacht und "2015" dürfe sich nicht wiederholen, aaaber sie würde in dieser Situation wieder so handeln. Hmmm und jetzt liebe Sabine brauche ich psychologische Hilfe ...

17.12.2016 19:19 Katharina 23

das ist doch alles bekannt und haben die Medien mal darüber berichtet, nein!
Weil die Medien Angst haben ins rechte Spektrum gestellt zu werden.

17.12.2016 18:00 Kritischer Bürger 22

@H.E. 5: Ich darf "aushelfen" Das was Sie meinen war in Österreich wo sich 7717 als Minderjährige ausgaben und davon 951 festgestellt wurde das diese Volljährig waren.

17.12.2016 17:53 Sabine Sonntag 21

Was für ein Chaos. Was für ein Aufwand. Was hat unsere Kanzlerin in ihrer Hippie-Phase angerichtet!

17.12.2016 16:15 HERBERT WALLASCH, Pirna 20

Mein Gott, so war es aber, auch wenn es manche nicht warhaben wollen. Natürlich gab es offizielle spezielle medizinische Begutachtung von "Minderjährigen" durch Ärzte, wurden aber aus angeblich ethischen Gründen und der hohen Zahl eingestellt. Also irgendeinem übermüdeten Grenzschützer die Verantwortung der Erkennung von Lebensalter aufzubürden war ja geplant und auch praktiziert. Was herausgekommen ist, ist logisch, war absehbar, aber mancher ist eben allergisch gegen bestimmte Prognosen.

17.12.2016 16:02 ralf meier 19

@17.12.2016 14:57 Atze: Hallo , der immer noch offiziell als 17jähriger geführte Asylant Hussein Khavari, gab bereits 2013 nach seinem ersten Mordversuch in Griechenland an, er wäre 17 Jahre alt. Laut epoche times vom 16ten Dezember erschien das schon den griechischen Ermittlern als unwahrscheinlich. Sie hielten ihn schon damals für älter. Ob der Mörder jetzt wohl einen neuen Pass bekommt?
Da könnte man auch gleich im Rahmen des Täterschutzes die übrigen Angaben ändern.

17.12.2016 15:02 007 18

@ Niemand 10 ... Zuerst einmal sind für mich als wahrheitsliebender Mensch, im Gegensatz zu ihnen, diese Lügen im großen Stiel nicht nachvollziehbar. Wir reden hier nicht von kleinen Notlügen sondern von vorsätzlichen Betrug. Das hat eine klare strafrechtliche Relevanz. Was nützt uns ihrer Meinung nach eine Altersbestimmung der Immig. wenn unsere Laschen Gesetze nicht greifen? Ist schon mal ein genereller Denkfehler. Die Herabsetzung der Strafmündigkeit ist das wichtigste überhaupt u parallel die Altersbestimmung. Ich als Hardliner bin der Meinung alle Illegalen egal welchen Alters mit falschen Papieren oder ohne, wegen versuchten Asylbetrug Erkennungsdienstlich +++ gesichert zu behandeln. Ein ehrlicher Immig. hat seine Herkunft nicht zu verbergen, dass lies sich auch problemlos nachweisen. Wir haben es in D., wenn die Statistiken der CDU stimmen bei zwei-drittel der Einreisenden mit Betrügern zu tun, die sich unberechtigt den Aufenthalt bei uns erschwindeln wollen, Faktum ...

17.12.2016 14:57 Atze 17

Unsere Gesetze wurden in einem laengeren Prozess ueber Jahrzehnte in unserem Staat von Deutschen fuer Deutsche, auch wenn die Leute eingedeutscht wurden usw. gemacht.Das war eine relativ einheitliche "Truppe." In der Jugendhilfe kannte man die Eltern der Kinder, Verwandte usw. Es waren oder sind also bekannte Personen.Jetzt ist alles unbekannt.Land, Eltern, Alter und die Gesetzgeber wollen das Gesetz anwenden und es passt irgendwie nicht.Da muss eben ein neues Gesetz her, den veraenderten Bedingungen angepasst.Das ist dann doch keine Diskriminierung, wenn festgestellt wird, und da braucht man keinen Arzt dazu, das im Umgang mit Jugendlichen geschulte Fachkraefte feststellen, ist der Jugendliche ueber oder unter 18.Das kostet doch viel Geld der Jugendhilfe und nur die sollten besondere Fuersorge bekommen, die es brauchen.Hatte ich mich verhoert, oder war der 17 jaehrige Moerder aus Freiburg nicht sogar in einer Pflegefamilie?Wie fuehlt sich wohl jetzt die Pflegefamilie?

17.12.2016 13:59 ralf meier 16

@17.12.2016 09:34 Mal ne Anmerkung : Es ist noch schlimmer. Wer auf der Grundlage falscher Daten einen Pass ausstellt, ist ein Passfälscher und das ist ebenfalls eine schwere Strafttat. Zumindest war das so, als Deutschland noch ein Rechtsstaat war.