Rein rechnerisch erkranken immer mehr Menschen an Depressionen.
Rein rechnerisch erkranken immer mehr Menschen an Depressionen. Aber ist das wirklich so? Bildrechte: Colourbox

Mitteldeutschland Immer mehr Depressionsfälle in Kliniken

Rein rechnerisch ist die Zahl von Depressionserkrankungen seit 2005 deutlich gestiegen. In Thüringen zum Beispiel viel heftiger als in Sachsen-Anhalt. Experten verweisen jedoch darauf, dass der Anstieg nicht automatisch bedeutet, dass es mehr depressive Menschen gibt. So steige die Zahl der Diagnosen, je mehr Therapeuten vor Ort sind.

Rein rechnerisch erkranken immer mehr Menschen an Depressionen.
Rein rechnerisch erkranken immer mehr Menschen an Depressionen. Aber ist das wirklich so? Bildrechte: Colourbox

Die Zahl der an Depression erkrankten Menschen steigt auch in Mitteldeutschland. 2015 wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen rund 38.800 Menschen wegen Depressionen oder bipolarer Störungen stationär behandelt. 2005 waren es noch gut 31.500 Betroffene.

Thüringen mit stärkstem Anstieg

Am stärksten stieg die Zahl der Behandelten einer MDR-Recherche zufolge in Thüringen. Dort gab es 2015 knapp 48 Prozent mehr Betroffene als 2005. Allerdings lag der Freistaat damit noch unter dem deutschlandweiten Durchschnitt (knapp 58 Prozent mehr Behandelte seit 2005).

Insgesamt stieg die Zahl der Depressionsfälle in Kliniken in Mitteldeutschland mit rund 23 Prozent nicht so stark an wie anderswo in der Republik.

Am wenigsten Diagnosen in Dessau-Roßlau    

Einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung von 2015 zufolge werden Depressionen häufiger im Süden Deutschlands und in den Städten Berlin und Hamburg diagnostiziert. Dagegen ist die Zahl der Diagnosen in Sachsen-Anhalt am niedrigsten. Die wenigsten Depressionen werden demnach deutschlandweit in Dessau-Roßlau festgestellt.

Je mehr Therapeuten, desto mehr Diagnosen

Als einen Grund für die regionalen Unterschiede nennen die Autoren der Studie die Dichte an Hausärzten, Psychotherapeuten und Fachärzten. Das erkläre jedoch nur einen Teil der in Sachsen-Anhalt niedrigen Zahl.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt eine Spezialistin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig. Die Medizinerin Maria Strauß sagte dem MDR, der Anstieg der diagnostizierten Fälle bedeute nicht automatisch, dass es mehr depressive Menschen gebe. Es würden vor allem dort Depressionen diagnostiziert, wo auch viele Therapeuten arbeiten.

Kliniken stoßen inzwischen an ihre Grenzen

Daher sei es nicht verwunderlich, dass im Westen Deutschlands deutlich mehr stationär behandelt würden als im Osten, sagte Strauß. Außerdem würden inzwischen immer mehr Betroffene ihre Erkrankung öffentlich machen. Zudem hätten sich die Diagnosemöglichkeiten verbessert. Zugleich verwies die Spezialistin aber auch darauf, dass viele Krankenhäuser durch den großen Zulauf mittlerweile überlastet seien.

Frauen stärker betroffen

Eine junge Frau schaut traurig durch eine regennasse Fensterscheibe.
Frauen haben ein höheres Risiko zu erkranken. Bildrechte: Colourbox.de

Der Bundesstatistik zufolge sind Frauen häufiger von der Krankheit betroffen. Deutschlandweit waren 2015 knapp 62 Prozent der Behandelten im Krankenhaus Frauen. In Mitteldeutschland war der Frauenanteil in Thüringen mit mehr als 65 Prozent am höchsten.

Der Stiftung Depressionshilfe zufolge liegt das Risiko für erwachsene Frauen, im Laufe ihres Lebens an einer Depression zu erkranken, bei etwa 22 Prozent. Bei Männern sind es rund zehn Prozentpunkte weniger.

Mehr Erkrankte in Städten

Zahlen der Europäischen Union (EU) zufolge sind Städter häufiger von Depressionen betroffen als Menschen auf dem Land. Bei einer Umfrage im Jahr 2014 gaben fast acht Prozent der Menschen in den Städten der EU an, an Depressionen zu leiden. Auf dem Land waren es sechs Prozent.

Männer nehmen sich häufiger das Leben

Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe leiden 90 Prozent der Menschen, die sich das Leben nehmen, an einer psychiatrischen Erkrankung. Depressionen machen dabei mehr als die Hälfte aus und sind so die Hauptursache von Suiziden.

Männer nehmen sich deutlich häufiger das Leben als Frauen. So brachten sich in Thüringen 2015 der offiziellen Statistik zufolge 299 Menschen um, 246 von ihnen waren Männer (82 Prozent).

Überblick über die Entwicklung in Mitteldeutschland

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 30.04.2017 | ab 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. April 2017, 08:58 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

10 Kommentare

30.04.2017 19:03 Schnuffi123 10

“Bevor du dir selbst Depression oder einen Minderwertigkeitskomplex diagnostizierst, stelle sicher, dass du nicht einfach nur von Arsch­löchern umgeben bist.”

Sigmund Freud

30.04.2017 14:07 A. 9

Die Wenigsten von hier, die bisher kommentiert haben, haben warscheinlich, sogar höchstwahrscheinlich und Gott sei Dank noch keine Depression gehabt. Ich hatte sie bereits mit 25 Jahren. Ich hatte ziemlich sofort 2, 3 Monate Psychotherapie stationär, Wochenende zu Hause. Nach den 3 Monaten war fast alles wieder i.O. Ich habe 40 Jahre bis jetzt nichts mehr gehabt.Ich glaube, je eher behandelt wird, ohne Medikamente war das damals, umso erfolgreicher ist es, die Krankheit zu besiegen. Aus heutiger Sicht war der Auslöser wahrscheinlich der Umzug in eine Grossstadt, völlig neue Arbeit und eine Veränderungen in der Familie. Für mich war letzten Endes ausschlaggebend, das ich das Gefühl hatte, nicht mehr Subjekt meiner Entwicklung zu sein, sondern die Gegebenheiten über mich bestimmten. Das musste ich in der Gruppentherapie neu verinnerlichen, das ich über mich immer noch bestimme. So bin ich den damaligen Ärzten und Ärztinnen im Krankenhaus Bln. Herzberge noch heute dankbar.Es ist heilbar!!

30.04.2017 12:59 Barbara 8

Ist das ein wunder, immer mehr höher, weiter,
Ellbogen Freiheit Jeder muß sich heute beweisen,
hängen lassen und abschalten kann man sich in dieser feinen Gesellschaft nicht mehr, da ist man weg vom Fenster, Kapitalismus in größen
Ordnung ist das ..............

30.04.2017 11:54 HERBERT WALLASCH, Pirna 7

Wer gezwungen ist hunderte Kilometer zur Arbeit zu pendeln, womöglich nur am Wochenende abgespannt daheim sein kann, dann seinen Lohnzettel betrachtet und innerlich vergleicht (öffentlich ein Kündigungsgrund), dann seinen Arbeitsfrust noch reinfressen muß und immer nur eine posetive Einstellung und Ausstrahlung haben muß, der bekommt irgendwann seine Probleme. Dann womöglich noch zu den "falschen" politischen Ansichten gekommen, diese aus Angst um den Arbeitsplatz nicht öffentlich äußern zu können. Das betrifft aber vielfach die Älteren, bei manchen Jüngeren ist es dies zu sehr gelebte Computerscheinwelten, macht manche Leute realitätsfern und die packen im Endeffekt keine Konfliktlösungen im wahren Leben mehr, haben kein Durchhaltevermögen, man kann nicht einfach von vorn beginnen. Das Entscheidenste ist sich nicht allzuwichtig zu nehmen, sich auch nicht selbstbelügen, die eigenen Grenzen zu akzptieren, nicht immer bei jeder Gelegenheit mit der Masse mitschwimmen zu wollen.

30.04.2017 11:43 NRW-Wessi 6

@ Fragender Rentner 2

Marc Zuckerberg, der Besitzer von Facebook, hat für WhatsApp knappe 20 Milliarden Dollar hingeblättert. Neben der Datensammelei hält er als studierter Psycholge so auch seine Zunft am Leben.

Natürlich sind diese "sozialen" Netzwerke nicht die einzige Ursachen für Probleme dieser Art.
Im entfernten Bekanntenkreis weiß ich von zwei Fällen, die durch übertriebene Online-Spielerei ernsthafte psychische Probleme haben und ohne Psycho-Pharmaka vermutlich nicht mehr unter uns wären.

Vor 30 oder 50 Jahren hatten die Menschen einfach weniger und waren vielfach damit zufriedener. Das könnte eine der Ursachen sein.

30.04.2017 11:34 Kritischer Bürger 5

Zusammenfassen nach meiner persönlichen Meinung hat die Wettbewerbswirtschaft, die ArbG-schaft in vielen Fällen damit sehr viel zu tun. Vor allem wenn man dann noch weiter geht und feststellen muss wer als ArbN hat für seine Arbeit den gerechten Lohn und wer von den Managern kassiert dafür doppelt und dreifach so viel wie ein ArbN mit Familie und Kinder ZUSAMMEN. Schließt sich dann die abschließende Frage an: In welchen Bereichen ist man am depressivsten? Dort wo das Geld schon so viel ist das man sich darüber mehr Gedanken macht als um die Familie und Kinder von jenen die weitaus weniger Geld haben trotz intensiver Arbeit und ach so zwingend notwendigen Flexi-Arbeitszeiten! Die Familie hat zur Nebensache zu werden und damit auch der Zusammenhalt in der Familie ggf. sogar über Generationen.

30.04.2017 11:28 Kritischer Bürger 4

@NRW-Wessi 3: Ich kann Ihnen in Teilen des Kommentares gut folgen als Ossi. Nur es sind nicht allein die elektronischen Verbesserungen, welche ein Leben in Richtung Depressivität begleiten. Bei den Einen sind es die Arbeitsbedingungen. (Pendler usw.) Bei Anderen wiederum das diese ArbK immer und zu jeder Zeit für ihren ArbG erreichbar zu sein haben und damit dann wenn Boss ruft die Familie zur Nebensache zu werden hat! Das dient keinem zufriedenstellenden Zusammenleben innerhalb der Gesellschaft bis hinein in die Familie. Wer sonnst nichts zu sagen hat will sich profilieren indem er/sie über Andere verbal herziehen nach dem Motto: "Chef ich weiß was....." und denken damit bessere Karten=Aufstiegschancen zu haben. ArbS in vielen Fällen entsprechend eingeschätzt werden ist auch ein Bestandteil der zur Depressivität führt. Wer hört einem Anderen heute noch zu?

30.04.2017 10:43 NRW-Wessi 3

Hier eine Ursachenforschung zu betreiben, ist sicher nicht ganz einfach. Aus meiner Sicht (kein Psychologe, aber ein paar Dekaden Lebenserfahrung) tragen das Smartphone und sogenannte soziale Netzwerke einen Teil dazu bei. Wenn "Freundschaften" elektronisch bei Facebook geführt und echte Partnerschaften per WhatsApp beendet werden und das mit 14, wie auch mit 40 Jahren, wundert mich da nichts mehr.
Immer mehr Menschen verstecken sich hinter ihren Displays und blenden die Realität mit all ihren positiven, sicher auch mit manchen negativen Seiten aus und vergraben sich.
Wenige Jahre nach der Wende war ich häufiger in Thüringen. Dort fiel mehr der Umgang der Menschen miteinander als sehr positiv auf. Man half sich - etwas, das für mich als Wessi ungewohnt, aber schön mitzuerleben war. Ohne die DDR-Zeit schönzureden, aber ich glaube, dass auch der heutige Überfluss seine Nachteile hat und viel menschliches Miteinander zerstört, was sich dann bei manchen Menschen rächt.

30.04.2017 10:32 Fragender Rentner 2

Haben die Menschen vor 30 oder 50 Jahren besser gelebt?

Jetzt gibt es scheinbar nur noch Kranke oder verdienen da welche dran, dass sie die Menschen krank machen?

30.04.2017 07:16 S 1

Nur leider sind viele Kliniken viel zu überlastet, so dass man in Leipzig z.B. schon auf den Krankenhausflur einer Psychiatrie übernachten muss! Darüber könnte ja der MDR auch mal berichten!