Im neuen Kreißsaal an der Universitätsklinik und Poliklinik für Geburtshilfe in Halle/Saale überprüft die Hebamme Simone Scherer mit einem Holzstethoskop als Alternative zur Kardiotokographie die Herztöne eines ungeborenen Kindes.
In Mitteldeutschland fehlt es an Hebammen. Grund ist die hohe Arbeitsbelastung. Bildrechte: dpa

Hebammenmangel Geburtsstation in Bitterfeld muss kurzfristig schließen

In den letzten Jahren wurden in den mitteldeutschen Bundesländern gerade kleine Geburtsstationen geschlossen. Es fehlte nicht nur an Hebammen, auch sinkende Geburtenraten und finanzielle Gründe sind ausschlaggebend. Auch das Klinikum Bitterfeld-Wolfen zieht die Reißlinie, wenn auch nur kurzfristig. Für drei Wochen ist der Kreißsaal geschlossen, nur geplante Kaiserschnitte werden durchgeführt. Warum? Mehrere Hebammen sind gleichzeitig krank. Aushilfen wurden nicht gefunden.

von Manuela Lonitz, MDR AKTUELL

Im neuen Kreißsaal an der Universitätsklinik und Poliklinik für Geburtshilfe in Halle/Saale überprüft die Hebamme Simone Scherer mit einem Holzstethoskop als Alternative zur Kardiotokographie die Herztöne eines ungeborenen Kindes.
In Mitteldeutschland fehlt es an Hebammen. Grund ist die hohe Arbeitsbelastung. Bildrechte: dpa

Die Türen des Kreißsaals in Bitterfeld-Wolfen bleiben die nächsten drei Wochen geschlossen. Nur geplante Kaiserschnitte werden gemacht. Mehrere Hebammen sind hier gleichzeitig erkrankt. Mit den verbleibenden lasse sich das Dienstsystem nicht mehr gesichert aufrechterhalten, teilt das Klinikum auf Nachfrage von MDR AKTUELL schriftlich mit. Weiter heißt es: "Bemühungen, Hebammen aushilfsweise aus anderen Einrichtungen beziehungsweies aus Hebammenpraxen oder Geburtshäusern einzusetzen, blieben auf Grund nicht vorhandener Kapazitäten erfolglos."

Zu hohe Arbeitsbelastung

Der Mangel zeigt sich nicht nur in den Kliniken. Auch freiberuflich tätige Hebammen fehlen. Kurios, denn laut statistischem Bundesamt steigt die Zahl der Hebammen bundesweit. Doch nur noch 20 Prozent arbeiten Vollzeit in den Kliniken, zeigt eine Studie des Hebammenverbandes.

Das liege auch an der hohen Arbeitsbelastung, sagt die Vorsitzende des Landeshebammenverbandes Sachsen-Anhalt Petra Chluppka. "Es gibt Kolleginnen, die drei bis vier Schwangere gleichzeitig begleiten. Das geht nicht. Da kommst du an deine absolute Grenze. Erstens bist du selber total unzufrieden mit der Situation, denn das ist ja auch für dich als Hebamme das Wichtigste, du möchtest die Frau kompetent und adäquat begleiten. Und hast eben noch so viele andere Sachen zu tun, die ganzen administrativen Arbeiten."

Grund: zu wenige Geburten

Durch Personalengpässe müssten die Hebammen dann noch oft für Kolleginnen einspringen. Zunehmend führt der Mangel an Personal dann auch zur Schließung von Geburtsstationen, zeigt eine Analyse des Deutschen Hebammenverbandes. In den letzten zwei Jahren wurden in Sachsen vier Geburtsstationen dauerhaft geschlossen, in Thüringen eine. In Sachsen-Anhalt sind die Schließungen schon länger her. Seit 2008 gibt es hier vier Kreißsäle weniger. Neben Hebammen- und Ärztemangel sind auch zu wenige Geburten oder finanzielle Gründe ausschlaggebend. Die Folge für Schwangere – ihre Wege in die Klinik werden länger.

Krankenhäuser mit Fachabteilung Geburtshilfe gemäß Krankenhausplan Sachsen-Anhalt
Das Land Sachsen-Anhalt will mit einer Studie erfassen, wie viele Hebammen eine Region benötigt. Bildrechte: Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt

Während Hebammen davor warnen, mahnt der Vorsitzende der Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt Prof. Dr. Wolfgang Schütte: "Wenn die Geburtszahl unter eine kritische Größe rutscht, die irgendwo um die 300 Geburten sind, dann muss man sich fragen, ob mittelfristig die Qualität noch gebracht werden kann und dann ist es besser, eine zentralisierte Geburtshilfe zu haben, als eine ganz nahe, die aber von der Qualität nicht ausreichend besetzt werden kann."

Insofern begrüßt er auch die Entscheidung der Bitterfelder Kollegen, die Geburtsstation für drei Wochen zu schließen. Das spräche für ein sehr hohes Verantwortungsbewusstsein. Die Kliniken sieht er in der Pflicht, für eine bessere Bezahlung und familienfreundlichere Arbeitsbedingungen zu sorgen.

Wie viel Hebammen sind nötig?

Auch das Sozialministerium in Sachsen-Anhalt arbeitet schon seit 2016 daran, die Hebammenversorgung im Lande zu verbessern. Derzeit soll eine Studie für jede Region erfassen, wie viele Hebammen nötig sind und wie es um die Abdeckung mit Hebammenleistungen bestellt ist. Die Ergebnisse sollen Anfang 2018 vorliegen.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 02.08.2017 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. August 2017, 07:10 Uhr

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2 Kommentare

02.08.2017 12:25 Demokrat 2

@Nr. 1

Weder "bezahlbare Kinderbetreuung" noch "Geburtenanreize" (welche?) steigern die Geburtenrate. Das funktioniert nirgend und zeigt, dass man gar nicht die Gründe für sinkende Geburtenraten begriffen hat. Diese liegen neben Verhütungsmitteln im gesellschaftlichen Wohlstand sowie in der Gleichstellung von Mann und Frau. Wo der Wohlstand steigt, sinkt die Geburtenrate. Gleiches gilt für die Gleichberechtigung, da sich gleichberechtigte Frauen nicht mehr auf die Rolle als Hausfrau und Mutter beschränken lassen wollen. Die Geburtenrate wäre in einer modernen Gesellschaft nur dann zu steigern, wenn nicht so viele Männer versagen würden, denn Frauen wollen nicht mit der Kindererziehung alleine dastehen. Und dass Leute wie Sie sogar die niedrige Geburtenrate in Verbindung mit der Flüchtlingspolitik bringen wollen, zeigt natürlich, was von Ihnen ganz persönlich zu halten ist.

02.08.2017 09:43 Wachtmeister Dimpfelmoser 1

Ein Hohn und ein Armutszeugnis ohnegleichen! Man lässt die Hebammen in ihrer wichtigen Funktion mit den von ihnen zu zahlenden unverhältnismäßig hohen Haftpflichtversicherungen allein im Regen stehen, "löst" (ha ha ha - wenn es nicht so traurig wäre...) das Problem der überalternden Bevölkerung statt durch bezahlbare Kunderbetreuung und Geburtenanreize mit Wortplattitüden wie "Wir schaffen das!" und sieht sich damit nunmehr mit Realitäten konfrontiert, für die '89 kein einziger Mensch auf die Straße gegangen ist. Einfach nur noch abstoßend, diese Politik.