Das Stasi-Gefängnis Bautzen II
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Geschichtsmesse in Suhl Wie soll die DDR-Diktatur aufgearbeitet werden?

Wie soll man die Diktaturen aufarbeiten und ihre Mechanismen begreifen? Das haben gestern auf der Geschichtsmesse in Suhl Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow und der Vorsitzende der Bundesstiftung Aufarbeitung Rainer Eppelmann diskutiert – und dabei auch festgestellt, dass man nicht nur Opfern der SED-Diktatur, sondern auch Tätern Gehör schenken solle.

von Stefanie Gerressen, MDR INFO Landeskorrespondentin in Thüringen

Das Stasi-Gefängnis Bautzen II
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Wenn ein Westdeutscher Linker auf einen ehemaligen DDR-Oppositionellen trifft, hat das durchaus Zündstoff – doch Ministerpräsident Ramelow und Rainer Eppelmann haben durchaus Konsens gefunden: "Unser alltägliches Leben in einer Diktatur würde sich ganz anders gestalten, als das, was wir heute tun. Wir könnten so nicht miteinander reden. Ich würde nachher abgeholt werden. "

Um nachfolgenden Generationen zu vermitteln, was Diktatur bedeutet und wie sie entstehen kann, müsse man das Thema mehr in die Schulen zu tragen, fordert der Vorsitzende der Bundesstiftung Aufarbeitung, Rainer Eppelmann: "Wäre das nicht ein Impuls zu sagen, wir in Thüringen, das ist – wie die NS-Diktatur, ohne die beiden Diktaturen gleichzusetzen- regelmäßig eines der Prüfungsthemen?"

Die Prüfungen sind bundeseinheitlich geregt, entgegnet Ramelow. Und: Erkenntnisse im Kopf durch Verordnung zu schaffen, daran sei schon die SED gescheitert. Dafür hat Thüringen jedoch eine Bundesinitiative auf den Weg gebracht, erzählt Ramelow später im Interview: "Es geht darum, wie man Besuche in Stasigefängnisse anreizt und wie man das Thema mit in den Schulunterricht bringt – all solche Sachen, die mit zu dem Themenkomplex zweite deutsche Diktatur müsste nach meinem Dafürhalten gemeinsam besprochen werden und es wäre gut, wenn wir uns darauf verständigen, wie wir weiter vorgehen."

Mehr Unterricht und mehr Zuhören

Außerdem ginge es in der Bundesinitiative um Entschädigung von Zwangausgesiedelten und die Neuordnung der Stasiunterlagenbehörde. In der Diskussion auf der Geschichtsmesse regt der Ministerpräsident aber auch noch das an: Man müsse auch Tätern zuhören: "Wenn wir das aufarbeiten wollen, wie die Mechanik war und warum so viele damals mitgemacht haben, dann plädiere ich für eine Kultur, bei der wir in die Lage versetzt werden, solche Geschichten direkt zu erzählen. Aber nicht unter der Täter-Opfer-Beziehung, sondern unter der Diktatur-Beziehung."

Wer Schuld auf sich geladen habe und sich kritischen Diskussionen stellt, verdiene Respekt. Wie Menschen in Diktaturen handeln, das müsse weiter erforscht und diskutiert werden. "Das, was der Ministerpräsident gesagt hat, kann ich fast zu hundert Prozent unterschreiben.“ Rainer Eppelmann lenkt den Blick auch auf die aktuelle politisch-angespannte Stimmung in Deutschland. Er betrachte diese mit Sorge. Schließlich seien es auch die Verhältnisse, die Menschen zu Feiglingen und manchmal auch zu Unmenschen machen.

Zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2016, 11:31 Uhr