Mehrere Rettungsfahrzeuge
Schutzwesten gegen eine gefühlte Bedrohungslage. Bildrechte: colourbox.com

Gewalt gegen Rettungskräfte in Sachsen Schusssichere Westen für Notärzte

Hinter der nächsten Tür kann alles warten: Das ist der Berufsalltag von Rettungskräften, Notärzten und Sanitätern. Und viel zu oft wartet hinter der besagten Tür auch Gewalt gegen die Retter. Die steigende Zahl solcher Fälle hat dazu geführt, dass der erste Landkreis in Sachsen aufgerüstet hat: Schusssichere Westen im Notarztauto sind dort Standardausrüstung.

von Ludwig Bundscherer, MDR AKTUELL

Mehrere Rettungsfahrzeuge
Schutzwesten gegen eine gefühlte Bedrohungslage. Bildrechte: colourbox.com

Ein Mann wacht auf und ist 20 Jahre jünger. Das ist Alltag mit Demenzkranken. Als Rot-Kreuz-Sanitäterin Nicole Geithner aus Dippoldiswalde zu solch einem Fall gerufen wird, sind der Demente und seine Ehefrau längst lautstark aneinander geraten.

Geithner sagt: "Der ältere Herr hatte sich in den Kopf gesetzt, dass er jetzt nach Gera fahren will, seine Eltern besuchen. Die waren natürlich längst verstorben. Die Frau hat versucht, ihn davon abzubringen. Und je mehr sie das versucht hat, desto aggressiver wurde er." Die aus Hilflosigkeit gerufenen Retter waren für den Mann nur Störenfriede, willkommen geheißen mit übelsten Beschimpfungen.

Nun ist Sanitäterin Nicole Geithner allerdings kein normaler Sani, sondern Sachsens erste und einzige Deeskalationstrainerin beim Roten Kreuz. Sie meint: "Es bringt in dem Moment nichts zu sagen: 'Na hören Sie mal, wir haben 2016 und Sie sind jetzt 60.' Man muss sagen: 'Ja, sie wollen zu Ihren Eltern. Wir haben unten das Taxi stehen und bringen Sie zum Zug.'" Dann habe man eine Ortsveränderung, die in diesem Fall den aggressiven Mann aus seinem Schub befreit habe.

Bespuckt, bedroht, beleidigt

Deeskalationstrainerin Nicole Geithner vor einem Krankenwagen des DRK Dippoldiswalde.
Deeskalationstrainerin Nicole Geithner. Bildrechte: MDR/Ludwig Bundscherer

Was bleibt, sind Sanitäter, die beleidigt wurden. "Früher war es weit verbreitet, dass man gesagt bekam: 'Schlucks runter! Wenn du das so nahe an dich ran lässt, bist du sowieso nicht geeignet für den Beruf.' Aber wir sind alle Menschen und wenn das Maß voll ist, dann geht es irgendwann an die psychische Substanz", erklärt Geithner.

Aus der Rot-Kreuz-Wache Dippoldiswalde meldeten sich 14 Kollegen allein 2014 psychisch verletzt ab. Bei einer internen Mitarbeiterumfrage kam zutage, dass die Krankenwagenretter 172 Mal im Jahr angegriffen wurden: bespuckt, bedroht oder beleidigt.

Eine sachsenweite Statistik darüber, wie oft das vorkommt, gibt es nicht. Klar ist nur: Die bei der Berufsgenossenschaft angezeigten Fälle häufen sich. "Es ist nicht so, dass das Gewaltpotenzial steigt", erklärt Geithner. "Es war immer da! Es hat nur nie jemand darüber geredet." In Dippoldiswalde bekommen die Rotkreuzler deshalb seit einem Jahr Deeskalationstraining von ihr.

In Chemnitz tragen Sanitäter Schutzwesten

Rund 65 Kilometer entfernt, in Chemnitz, hat der Rettungszweckverband eine andere Maßnahme gegen die gefühlte Bedrohungslage beschlossen. Leiter Boris Altrichter erklärt: "Chemnitz hat Schutzwesten angeschafft, die als ballistische Westen gelten. Das heißt, sie bieten tatsächlich auch Schutz gegen Beschuss mit nicht allzu großen Kalibern."

60 Stück in Unigröße für insgesamt rund 8.500 Euro aus kommunalen Mitteln. Das ist sachsenweit einmalig. Jedes Notarztauto in der Stadt und im Erzgebirgskreis hat jetzt vier schusssichere Westen an Bord, gedacht vor allem für enthemmte Krawalle rund um Demos oder Fußballspiele.

Land finanziert keine Schutzmaßnahmen

Der Respekt gegenüber den Rettern nehme rapide ab, sagt Altrichter: "Letztendlich ist es sicherlich immer eine Gratwanderung. Je gepanzerter, je bewaffneter, je ausgerüsteter ich meinem Gegenüber erscheine, desto größer ist natürlich auch das Risiko, dass er sich genau dadurch provoziert fühlt."

Und deshalb sind die neuen schusssicheren Westen arztweiß und werden unter der Jacke getragen. Wirklich gebraucht wurden sie aber bisher zum Glück noch nicht. Das sächsische Innenministerium plant derzeit keine konkreten Maßnahmen, um die Retter besser zu schützen. Geld für individuelle Schutzwesten wie bei der Polizei will man jedenfalls nicht ausgeben.

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2016, 05:00 Uhr

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12 Kommentare

23.09.2016 19:37 Wilhelm 12

@REXt Sie müssen aufpassen das Sie nicht die Themen mischen. Aluhütchen Verschwörungstheorien bringen keine sachdienlichen Hinweise zu diesem Artikel. Auch waschechte deutsche Bürger benehmen sich gegenüber Rettungskräften wie die Wildschweine. Das ist leider die bittere Wahrheit und nur die Wahrheit. Etwas mehr Anstand täte Ihnen auch gut. Die wie Ihre wirren Kommentare spiegeln den primitiv rechtsgerichteten Internet Troll wieder. Nicht mehr, nicht weniger.

23.09.2016 19:05 Der Retter ERZ 11

Gut das Die Westen auf dem Notartzauto sind und keine auf dem Rettungswagen, obwohl der Rettungswagen zu 98% immer viele Minuten eher am Einsatzort ist. Echt super mitgedacht!!!
Danke sehr Rettungszweckverband Chemnitz Erzgebirge!!!!

23.09.2016 15:49 Arne Helm 10

Natürlich, es sind hauptsächlich Demenzkranke, wie konnte ich nur etwas anderes denken. Zur Strafe schaue ich heute den ganzen Tag Fernsehen und melde mich freiwillig bei IM Viktoria.

23.09.2016 15:16 REXt 9

Bei diesem Bericht wird wieder einmal schön abgelenkt, vor wenigen Tagen 2 Vorfälle in Gelsenkirchen, diese Täter waren nicht dement! Sondern hatten andere Auffassung, Ehrverletzung, und sind deshalb tätlich geworden! Bestimmt gibt es auch verbale Angriffe von Betrunkenen, unter Drogen stehenden, dementen Patienten. Aber solche Nachrichten sind bei Medien beliebter, als tätliche Angriffe auf Sanitäter u. Polizisten von Merkels eingeladenen Gästen u. Parallelgesellschaften!

23.09.2016 13:50 Querdenker 8

Wer nach „Sanitäter angegriffen“ sucht, bekommt zahllose Berichte unter anderem z.B. „Bayreuther sticht mit Messer auf Notzärztin und Sanitäter ein“. Ich finde solche *leichten Westen* sollten zum Schutz zur Standartausrüstung bundesweit gehören.

23.09.2016 12:31 Morchelchen 7

Kommt mir doch gleich der Lieblingsspruch meiner Oma in den Sinn, die bei erstaunlichen Vorgängen stets mit Kopfschütteln erklärte, dass "es sowas früher nicht gegeben habe"...

23.09.2016 11:09 Sozialkompetenztraining 6

Das Geld wäre besser in ein Rhetorikseminar oder in einen Deeskalationskurs investiert worden. Damit haben die Sanitäter und Notärzte in 99% der Fälle die Möglichkeit sich verbal und mit einem sicherem Auftreten Respekt zu verschaffen.

23.09.2016 11:08 Ansgar 5

@2, @4: Thema verfehlt , 6, setzen. Und Luft anhalten. In dem Artikel steht kein Wort von Flüchtlingen. Es werden Demenzkranke erwähnt; zugegeben, ein unglückliches Beispiel. Und die zunehmende Gewalteskalation rund um Demos und Fussballspiele. Die geht ja hauptsächlich wohl von Biodeutschen aus. Also geht mal in Euch und hinterfragt Euch mal, ob Ihr so völlig gewaltfrei lebt. Hoffentlich sind die Retter da, wenn Ihr sie braucht.

23.09.2016 09:23 Axel @ 2. 4

Was die sogenannte Flüchtlingsbeauftragte da abgesondert hat,ist lediglich ihr vorsichtig formuliertes Wunschdenken.Wer hat denn festgelegt,daß wir eine Einwanderungsgesellschaft sind?Im Allgemeinen wird auch von der lieben Aydan,wenn sie von Einwanderern spricht,eigentlich nur die Bevölkerungsgruppe gemeint,der auch sie offensichtlich angehört.Dazu muß man ganz klar sagen,daß keiner von denen,die zu uns kommen,eingeladen wurde(außer von Frau Merkel).Also haben diese Menschen gefälligst erst einmal zu zeigen,daß sie willens sind,sich in unsere Gesellschaft zu integrieren und nicht umgekehrt.Schließlich wollten sie ja alle unbedingt unter Einsatz größter Gefahren und Einsatz des eigenen Lebens und daß ihrer Kinder nach Deutschland.
Und nebenbei,warum spricht überhaupt eine Flüchtlingsbeauftragte von Einwanderung?Waren Asyl und Einwanderung nicht zwei völlig unterschiedliche Schuhe...?

23.09.2016 08:47 Kritiker 3

Es ist beschämend zu sehen, wie unser Land immer mehr verkommt und die Politik scheint nicht nur unfähig, sondern eben so unwillig zu sein hier mal mit aller Härte der wachsenden Kriminalität zu begegnen.

Osteuropa

ein Arzt behandelt eine Patientin
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Bulgarien gibt es viel zu wenig Notärzte. Oft müssen Patienten stundenlang auf den Notarztwagen warten. Ihren Frust lassen sie immer häufiger an den Ärzten aus.

Do 14.07.2016 15:11Uhr 03:45 min

http://www.mdr.de/nachrichten/vermischtes/video-32856_zc-eafe8e8e_zs-a3d3b0a5.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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