Grippe-Kranke im Bett
Typisch für Grippe ist hohes Fieber - dann helfen nur Bettruhe und fiebersenkende Medikamente. Bildrechte: dpa

Bilanz für Mitteldeutschland Schwerste Grippewelle seit Jahren

Die Gesundheitsbehörden in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben im vergangenen Winter die heftigste Grippewelle seit Jahren registriert. Besonders schwer erwischte es Sachsen mit mehr als 70 der bundesweit insgesamt 623 Grippetoten. Im Detail gab es regionale Unterschiede, so bei den betroffenen Altersgruppen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) warnt jedoch vor Panikmache und trotz mangelnder Effizienz raten Experten zur Schutzimpfung.

Grippe-Kranke im Bett
Typisch für Grippe ist hohes Fieber - dann helfen nur Bettruhe und fiebersenkende Medikamente. Bildrechte: dpa

Sachsen: Grippe-Rekord in diesem Winter

Das sächsische Ministerium für Soziales und Verbraucherschutz hat die Influenzasaison 2016/17 als eine der schwersten der vergangenen Jahre eingestuft. Im Freistaat Sachsen wurden von Oktober 2016 bis Ende April 2017 mindestens 16.685 Influenza-Erkrankungen gemeldet. Das sind 245 erfasste Influenza-Erkrankungen je 100.000 Einwohner.

Das waren im Freistaat mit Abstand die meisten Influenza-Fälle in einer Saison seit Einführung des Infektionsschutzgesetzes 2001. In diesem Winter wurden landesweit 73 Todesfälle nachweislich auf Influenza zurückgeführt. Das Durchschnittsalter der Grippetoten lag bei 86 Jahren.

Dabei geht das Ministerium von einer höheren Dunkelziffer an Erkrankungen und Todesfällen aus, da nicht jeder Erkrankte den Arzt aufsuche und die Mediziner nicht bei allen Patienten eine Laboruntersuchung veranlassten.

Höhepunkt im Februar

Die Influenzawelle hatte Mitte Dezember 2016 begonnen, erreichte ihren Gipfel im Zeitraum Ende Januar bis Ende Februar und endete Mitte März 2017. Im Vergleich zu den Vorjahren begann die Epidemie ungewöhnlich früh und flaute entsprechend eher ab.

Den Angaben zufolge dominierten 2016/2017 Influenza A-Viren des Subtyps A(H3N2) mit über 90 Prozent. Influenza B- sowie Influenza A(H1N1)-Viren spielten kaum eine Rolle. Ein Schwerpunkt der Grippewelle in Sachsen war der Landkreis Görlitz mit allein acht Todesopfern.

Viele Infektionen in mittleren Altersgruppen

In Sachsen erkrankten vergleichsweise viele 40- bis 50-Jährige an Influenza. Die am häufigsten betroffenen Altersgruppen waren mit einem Anteil von 26 Prozent die 45- bis 64-Jährigen, gefolgt von den 25- bis 44-Jährigen mit 18 Prozent. Erst danach folgte die Risikogruppe der Senioren (über 64 Jahre) mit 17 Prozent.

Bei den Kindern verteilten sich die Infektionen relativ gleichmäßig mit je zehn Prozent auf die Ein- bis Vierjährigen, Fünf- bis Neunjährigen sowie  Zehn- bis 14-Jährigen. Jugendliche bis 19 waren mit sieben Prozent vertreten, junge Erwachsene bis 24 Jahre mit drei Prozent.

Sachsen-Anhalt: Rückläufiger Grippeschutz - mehr Tote

In der Grippesaison 2016/17 wurden in Sachsen-Anhalt 9.050 Influenza-Fälle laut Infektionsschutzgesetz gemeldet (Stand 11. Mai 2017). Dies entspricht 384 Fällen pro 100.000 Einwohner. Das Gesundheitsministerium geht aber von einer deutlich höheren Krankenzahl aus, da nur laborbestätigte Fälle registriert wurden. 22 Menschen aus Sachsen-Anhalt starben nach Influenza-Infektionen. Im Schnitt waren die Betroffenen 81 Jahre alt. In der Vorsaison wurden etwa 6.700 Infektionen gezählt und sechs Todesopfer.

Auffällig ist, dass in den letzten Jahren die Rate der Grippeschutzimpfungen rückläufig ist. Laut Gesundheitsministerium ergab die Befragung von Patienten in der Saison 2014/15 eine Quote von 7,8 Prozent, in der Vorsaison nur noch vier Prozent. Für den vergangenen Winter liegen noch keine Daten vor. Eine regionale Hochburg ist seit Jahren Halle mit zuletzt 1.600 Fällen, das waren mehr als doppelt so viele wie in Magdeburg.

Impfstoff nicht passgenau

Laut Gesundheitsministeirium barg der in dieser Saison zirkulierende Influenza-A-Subtyp A(H3N2) ein höheres Risiko für schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle, insbesondere bei älteren Menschen. Ein Grund für die höhere Todesrate könnte die relativ geringe Effizienz des Impfstoffs gewesen sein. Laut vorläufiger Einschätzung des RKI lag die Wirksamkeit des Cocktails unter 50 Prozent.

Grund ist, dass zwar gegen den zirkulierenden Virus Subtyp A(H3N2) geimpft wurde, doch diese Viren sich teilweise noch während der Impfstoffproduktion veränderten. Dadurch sank die Wirksamkeit. In den beiden Vorsaisons zirkulierten hauptsächlich Influenza-A- und Influenza-B-Viren, welche ihre antigenen Eigenschaften weniger häufig verändern.

Thüringen: Hohe Infektionsrate bei Kindern und Jugendlichen

In der Grippesaison 2016/2017 wurden in Thüringen insgesamt 4.815 Erkrankungen an Influenza übermittelt. Das entspricht 221 Erkrankungen je 100.000 Einwohner. Höhepunkt der Welle war die fünfte Kalenderwoche mit 875 Erkrankungen. Die Zahl der Erkrankungen entsprach damit dem Niveau der Vorsaison. 444 Grippe-Patienten - knapp jeder zehnte - mussten stationär behandelt werden.

Bei den Todesopfern fällt die Bilanz schlechter aus. Das Gesundheitsministerium registrierte elf Todesfälle infolge einer Influenza-Erkrankung, fünf Männer und sechs Frauen im Alter zwischen 75 und 93 Jahren. Das waren fünf Grippetote mehr als in der Vorsaison. In den drei Wintern zuvor hatte es jeweils maximal zwei bestätigte Influenza-Todesfälle gegeben.

Im Gegensatz zu Sachsen erkrankten in Thüringen überwiegend Kinder und Jugendliche bis 19 Jahren, wobei auf die Altersgruppe der Ein- bis Vierjährigen mit 977 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner der höchste Anteil entfiel.

Virus A(H3N2) dominiert

Es gab territoriale Unterschiede, doch lassen sich laut Gesundheitsminsterium keine belastbaren Schlussfolgerungen zu "Grippe-Zentren" ableiten. Ein Grund sei, dass die Daten von der Einsendeaktivität der Mediziner für einen labordiagnostischen Nachweis abhängen.

In der Saison 2016/2017 erfolgte demnach bei insgesamt 4.815 übermittelten Erkrankungen in 4.119 Fällen eine labordiagnostische Bestätigung (86 Prozent). Dabei wurden zu 95 Prozent Influenza A-Viren nachgewiesen, zumeist vom Subtypus H3N2. Mit Ausnahme der Vorsaison, in der Influenza B-Viren überwogen, dominierten in den vergangenen Jahren diese Influenza-A-Viren.

Der Impfstoff für die Saison 2016/2017 setzte sich aus einer von der WHO empfohlenen Antigenkombination zirkulierender Virenvarianten zusammen. Deutschlandweit wird die Impfstoffzusammensetzung jährlich vom Robert-Koch-Institut auf seine Wirksamkeit überprüft. Insbesondere Influenza A-Viren sind ständigen genetischen Änderungen unterworfen, sodass die Impfstoffzusammensetzung ständig angepasst werden muss.

Impfen senkt das Risiko

Für die Erfassung der Impfrate gibt es keine gesetzliche Grundlage oder amtliche Auswertung. Die Impfeffektivität wird laut Gesundheitsministerium für Thüringen ebenfalls nicht erfasst. Doch die Gesundheitsbehörden raten in jedem Fall zur Schutzimpfung. Bei jungen und gesunden Personen verhindere die Immunisierung in neun von zehn Infektionen eine Erkrankung.

Bei älteren Personen und Menschen mit Grunderkrankungen bzw. eingeschränktem Immunsystem sinkt den Angaben zufolge die Effektivität. Das gelte auch, wenn der Impfcocktail nicht mit den zirkulierenden Influenzastämmen übereinstimme. Doch selbst in diesen Fällen bestätigten Studien, dass der Verlauf abgeschwächt wird und es weniger Komplikationen gibt.

Grippe-Fälle und Todesopfer in Mitteldeutschland im Vorjahresvergleich

Sachsen: Saison 2016/17: 16.685 erfasste Influenza-Erkrankungen = 245 Fälle je 100.000 Einwohner / 73 bestätigte Todesfälle – zum Vergleich Saison 2015/16:  etwa 12.000 Erkrankungen / 15 Tote
Sachsen-Anhalt 2016/17: 9.050 Fälle = 384 Fälle pro 100.000 Einwohner / 22 bestätigte Todesfälle  - Vergleich Saison 2015/16:  6.700 Grippe-Fälle, 6 Tote
Thüringen 2016/17: 4.815 Erkrankungen = 221 Erkrankungen je 100.000 Einw /  11 bestätigte Todesfälle  -  Vergleich Saison 2015/16:  4.750 Erkrankungen , 6 Tote
Bildrechte: RKI/Landesgesundheitsämter/ MDR

RKI warnt vor Panikmache

Das Robert-Koch-Institut (RKI) bewertet die jüngste Grippesaison als heftig, jedoch nicht außergewöhnlich schwer. Pressesprecherin Susanne Glasmacher zufolge sind die Daten zu Infektionen und Todesfällen ohnehin nur bedingt aussagekräftig. Es handle sich um Schätzwerte, die mit den vergangenen Jahren nur schwer vergleichbar seien.

Glasmacher verweist auf erhebliche Unschärfen und Schwankungen in der Statistik. So habe es in der Saison 2009/10 wegen der damals grassierenden Schweinegrippe besonders viele Grippetests gegeben und daher seien auch viele Infektionen nachgewiesen worden.

Die Zahl der Grippetoten bundesweit in dieser Saison ist noch unklar, dürfte aber bei einigen Hundert liegen. Glasmacher verweist auf die Winter 2012/13 und 2014/15 mit bundesweit je mehr als 20.000 influenzabedingten Todesfällen, in der Saison 1995/96 seien es sogar etwa 25.000 gewesen. Ein klarer Trend über die Jahre sei nicht auszumachen.

Wenn der Impfcocktail nicht passt

Wichtige Faktoren in jeder Grippesaison sind die Impfquote und die Wirksamkeit des Impfstoffs. RKI-Sprecherin Glasmacher räumt ein, dass es da in den letzten Jahren Defizite gab. So lasse sich in der Risikogruppe der Älteren über 60 Jahren nicht einmal jeder zweite immunisieren und nur bei etwa einem Drittel der Geimpften schlage der Schutz an.

Glasmacher sieht dafür verschiedene Gründe. Zum einen gebe es eine gewisse Skepsis gegenüber der Wirksamkeit der Grippeimpfung und Ängste vor Nebenwirkungen. Andererseits seien die verabreichten Impfcocktails oft nicht passgenau, weil sich manche Viren schnell veränderten und der Immunschutz dann nicht mehr greife. Hinzu kämen Probleme bei der Herstellung  des Impfstoffs. Die Wirksamkeit des Impfschutzes sei auch immer ein wenig Lotterie.

Impfen aus Solidarität

Dennoch raten Experten unbedingt zur Grippeschutzimpfung. Es gehe um eine Risikominimierung und die Vermeidung schwerer Krankheitsverläufe. Da Influenza-Viren hauptsächlich direkt von Mensch zu Mensch übertragen werden, sind vor allem Personen mit viel Kontakt betroffen - insbesondere Angehörige, Betreuungspersonen sowie medizinisches Personal. Für diese ist laut Behörden die Impfung besonders wichtig, damit sie die Influenza nicht auf Risikogruppen übertragen können.

Grippeimpfung
Ein Piks kann vielen Menschen helfen. Bildrechte: Colourbox

Es geht als auch um Solidarität, denn viele Risikopatienten können nicht geimpft werden oder der Impfstoff wirkt bei ihnen nicht so gut. Außerdem ist die Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufs für Schwangere sowie für Menschen mit chronischen Grunderkrankungen wie Herz-, Atemwegs- oder Lebererkrankungen, Diabetes oder Immundefekten deutlich größer.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Fernsehen | 11.03.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Mai 2017, 10:39 Uhr