Themenbild: Kindesmisshandlung - Ein junges Mädchen, vor einem Bett auf dem Boden hockend, hält schützend die Hände vor sich.
Sexueller Missbrauch kann "institutionell" oder im privaten Raum - etwa innerhalb der Familie - stattfinden, so definiert es der "Fonds sexueller Missbrauch". Und genau daran hängen sich einige Bundesländer auf und weigern sich zu zahlen. Bildrechte: colourbox

Opferhilfe Warum Sachsen nicht in den Missbrauchsfonds einzahlt

Wie wird Menschen geholfen, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind – sei es akut oder schon vor Jahren oder sogar Jahrzehnten? Sie bekommen Hilfe unter anderem aus dem "Fonds Sexueller Missbrauch", um den sich Bund und Länder allerdings seit Jahren streiten. MDR-AKTUELL-Hörerin Ramona König aus Leipzig will wissen: "Warum zahlt das Land Sachsen nicht in den Missbrauchsfonds ein? Andere Länder und Städte schaffen das doch auch."

von Angela Tesch, MDR AKTUELL

Themenbild: Kindesmisshandlung - Ein junges Mädchen, vor einem Bett auf dem Boden hockend, hält schützend die Hände vor sich.
Sexueller Missbrauch kann "institutionell" oder im privaten Raum - etwa innerhalb der Familie - stattfinden, so definiert es der "Fonds sexueller Missbrauch". Und genau daran hängen sich einige Bundesländer auf und weigern sich zu zahlen. Bildrechte: colourbox

Als 2010 der jahrelange sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Deutschland bekannt wird, ist das Entsetzen groß. Kirchen, Institutionen und Politik werden aktiv, versprechen Aufklärung und Hilfe für Betroffene. Dazu gehört der "Fonds Sexueller Missbrauch". Er soll vor allem Spätfolgen wie Depressionen und Traumata abfedern, für die die Kassen nicht unbegrenzt zahlen.

Der Bund unterstützt das Vorhaben: 2013 gibt er 50 Millionen Euro in der Hoffnung, dass auch die Länder sich mit dieser Summe beteiligen. Doch die meisten Länder weigern sich - auch Sachsen. Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) erklärt bei MDR AKTUELL, Grund dafür sei die Aufteilung des Fonds.

Ungleichbehandlung von Opfern befürchtet

Ein Teil des Geldes fließt in die Hilfe für Opfer sexuellen Missbrauchs im institutionellen Bereich. Gemeint sind Taten in Schulen, Internaten, Vereinen oder Krankenhäusern, also quasi unter den Augen des Staates. "Dort beteiligt sich Sachsen, wie fast alle anderen Bundesländer, ebenfalls", sagt Klepsch.

Doch der Fonds hat ein zweites Anliegen: Geholfen werden soll auch Menschen, die in der Familie missbraucht wurden und werden. Dort habe Sachsen Vorbehalte, dass man Missbrauchsopfer im familiären Bereich nicht vor anderen Opfern bevorzugen sollte, erklärt die Ministerin. So sehen das auch 13 andere Bundesländer. Man fürchtet eine Ungleichbehandlung.

Opfer-Sprecher kritisiert Hickhack

Betroffenen-Sprecher Matthias Katsch, ein ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs, an dem Schüler missbraucht wurden, ist entsetzt: "Ich finde es schäbig, dass wir auch nach sieben Jahren Diskussion an diesem Punkt noch nicht weiter sind." Angesichts des Ausmaßes des Problems und des strukturellen Versagens der Gesellschaft beim Schutz von Kindern und Jugendlichen erwarte er die Übernahme von Verantwortung und kein kleinliches Hickhack zwischen Bund und Ländern.

Angst vor Kostenfalle?

Sächsischen Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz, Barbara Klepsch
Sozialministerin Klepsch weist darauf hin, dass Sachsen für Opfer im institutionellen Bereich zahlt. Bildrechte: Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz

Ein Grund für das Nein der Länder könnten die unkalkulierbaren Kosten sein, ist unter der Hand  zu hören. Denn Kinder und Jugendliche werden am häufigsten im familiären Umfeld sexuell belästigt oder missbraucht.

Sachsens Sozialministerin Klepsch dazu: "Sicher konnte man sehr schwer kalkulieren, welche Anträge überhaupt gestellt werden, deswegen die Haushaltsvorsorge von knapp zwei Millionen. Momentan befindet sich ein Antrag in Bearbeitung." Ein Antrag für Hilfe nach institutionellem Missbrauch.

Demgegenüber haben sächsische Beratungsstellen bei Missbrauchsfällen in Familien gut zu tun. Beim Verein Opferhilfe Sachsen haben sich nach Recherchen von MDR AKTUELL seit 2014 etwa 370 Ratsuchende gemeldet, die meisten mit 133 in Dresden. In Grimma waren es 62, in Leipzig 69, in Chemnitz 35. In Chemnitz gibt es auch die Beratungsstelle Wildwasser e.V. Die Mitarbeiterinnen haben seit 2015 insgesamt 23 Betroffenen bei der Antragstellung geholfen.

Ende des Geldes in Sicht

Bewilligt wurden von beiden Vereinen zusammen 65 Anträge, Stand Mitte 2016. Weil die Bearbeitung bis zu anderthalb Jahre dauert, könnten noch ein paar hinzukommen. Aber inzwischen ist das Geld knapp geworden.

Der Bundesbeauftragte für sexuellen Missbrauch, Johannes-Wilhelm Rörig, macht die Rechnung auf: Etwas über 61 Millionen vom Bund und von Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Hessen waren im Fonds. "Mehr als 8.000 Anträge wurden gestellt, das geht in Richtung 9.000. Im Durchschnitt werden Leistungen bewilligt in Höhe von 8.000 Euro. Das heißt, wenn alle Anträge bearbeitet sind, dann ist das Geld alle."

Rörig spricht von einer unglaublichen Sturheit der meisten Länder. Sie würden auf die anstehende Reform des Opferentschädigungsgesetzes verweisen, von der Opfer sexuellen Missbrauchs profitieren könnten. Doch die Große Koalition hat die Reform vier Jahre vor sich hergeschoben. In der bisherigen Form schreckt das Gesetz Antragsteller eher ab. Es sei mühsam, die Formulare auszufüllen, sagen die, die es versucht haben. Ganze Gruppen von Betroffenen kämen gar nicht vor, beklagt auch die sächsische Sozialministerin.

Diesen Beitrag sendet MDR AKTUELL auch im: Radio | 17.07.2017 | ab 05:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2017, 05:00 Uhr

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13 Kommentare

18.07.2017 19:59 Angelika Oetken 13

@Jaja,

falls Sie Hilfe benötigen, können Sie sich an eine Fachberatungsstelle wenden. Sie finden auf der Homepage des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs Informationen und Adressen.

VG
Angelika Oetken

18.07.2017 13:08 Jaja 12

Das Geld ist doch nie für die Opfer, sondern nur für die Gestalten, die sich an dem Leid eine goldene Nase verdienen und sich für Beratung und Begleitung bestens bezahlen lassen wollen.
Oder werden die aus anderen Töpfen bezahlt? Wie wird zB Wildwasser nochmal finanziert?
Verlogen dazu dann die Opfer vorzuschieben.

17.07.2017 20:34 Angelika Oetken 11

Rein formal gibt es für Missbrauchsopfer zwei Ergänzende Hilfesysteme. Das für Betroffene familiären Missbrauchs entspricht auch formal einem Fonds. Der institutionelle Teil ist streng genommen keiner. Denn das vom Familienministerium im Auftrag des Bundes getragene familiäre Hilfesystem bearbeitet zwar auch die Anträge von Opfern institutionellen Missbrauchs. Die jeweiligen Institutionen werden danach aber involviert und entscheiden jeweils individuell selbst, ob sie den Vorschlägen der Fonds-Geschäftstelle folgen und die von den Opfern beantragten Sachleistungen finanzieren.
Ursprünglich war das anders geplant, 2011 versprachen die drei damals für zuständig erklärten Ministerinnen aber auch noch schnelle und unkomplizierte Hilfen. In der praktischen Ausgestaltung und Umsetzung gab es dann aber viele Probleme. Der Fonds gehört fortgesetzt, dann aber so überarbeitet, dass er reibungsloser und vor allem übersichtlicher funktioniert. Bei der Mutter-Kind-Stiftung klappt das doch auch.

17.07.2017 17:16 Wusch 10

Was will man von der Unchristlichen Partei wie die CDU auch verlangen.
Aber ich sage immer,Gott verzeiht jedem.

17.07.2017 13:00 Angelika Oetken 9


Es dürfte sehr schwer werden, Opfer von familiärem Missbrauch gegenüber anderen Opfergruppen zu bevorzugen, wie Ministerin Klepsch es zu befürchten scheint. Im OEG und bei anderen gesetzlichen Regelhilfen werden Missbrauchsbetroffene sowieso benachteiligt, familiäre erst recht. Denn der einzige Vorteil, den es hat, innerhalb von einer Institution missbraucht worden zu sein ist, dass man nicht allein dasteht, weil es noch andere Betroffene gibt. Drei Gruppen von Opfern existieren, die sogar um ihre Bürgerrechte gebracht werden: Kinder, Behinderte und Betroffene organisierter sexueller Ausbeutung, ritueller sexualisierter Gewalt und sektenähnlichen Missbrauchs. Ihnen ist der Zugang erschwert oder sogar unmöglich. Viele Betroffene benötigen ein Ergänzendes Hilfesystem. Für diese drei Opfergruppen kann sie überlebenswichtig sein. Und oft ist sie die einzig erreichbare Möglichkeit, dem Täterkreis zu entkommen.

17.07.2017 12:47 Angelika Oetken 8

Die Kosten sind im Übrigen ausgesprochen gut kalkulierbar. Denn die Opfer befinden sich gegenüber den Finanziers immer in einem Machtgefälle. Selbst dort, wo an sich ein gesetzlich geregelter Anspruch besteht, beim Opferentschädigungsgesetz oder bei Therapien, die ja durch die Krankenkassen bezahlt werden etwa, wird es den Missbrauchsbetroffenen schwer gemacht, ihre Ansprüche auch tatsächlich durchzusetzen.

Genau aus dieser Erkenntnis heraus, die der von der Bundesregierung einberufene Runde Tisch Kindesmissbrauch in seinem Abschlussbericht festhielt wurde ja der Vorschlag abgeleitet, ein Ergänzendes Hilfesystem zu etablieren. Damals noch mit der Option, dass die gesetzlichen Regelhilfen angepasst werden. Das ist bis jetzt nur in Ansätzen geschehen, beim Opferentschädigungsgesetz gar nicht.

Und auf Sachleistungen aus dem Fonds Sexueller Missbrauch haben Opfer nicht mal einen Rechtsanspruch. Es handelt sich um ganz und gar einseitig und unverbindlich geleistete Hilfen.

17.07.2017 11:44 Mal ne Anmerkung 7

Warum gibt Sachsen kein Geld in den Mißbrauchfonds?Die Ausrede der Frau Klepsch ist nicht nachvollziehbar,kann es sein das der Herr Finanzminister Unland seine Kasse für so etwas nicht öffnet und einen Beitrag ablehnt?

17.07.2017 11:04 Markus 6

Ich glaube, die Antwort ist einfach: in Sachsen gibt es keinen Sex (wie früher in UdSSR). :) Das ist ja ehemalige DDR. Deshalb keine Notwendigkeit, an Opfer zu zahlen. :) Wenn ernst: das Land ist theoretisch anders geworden, aber sehr, sehr viele Beamten denken immer noch wie in DDR.

17.07.2017 10:58 Atze 5

Da sieht man die Perversion, dass Sachsen nur für institutionellen Missbrauch entschädigt. Wenn in Familien Missbrauch geschieht, so ist das sicher noch einen Zahn schärfer.Wenn Verwandte sich an ihren eigenen Kindern vergreifen, ist das Trauma doch doppelt und dreifach, ohne jeden anderen Missbrauch zu verharmlosen. Für alles Mögliche ist Geld da, diesen armen Leuten muss geholfen werden.

17.07.2017 10:17 RS 4

... nicht wahrhaben oder vertuschen? --- Sollte es heißen

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