Ein Schüler einer Grundschule verfolgt den Unterricht.
In Hamburg und Baden-Württemberg ist die Methode "Schreiben nach Gehör" verboten. Bildrechte: dpa

Bildung Schreiben nach Gehör

"Wird das Schreibenlernverfahren 'Schreiben nach Gehör' in Magdeburg eingesetzt und wenn ja, was für Erfolge oder Misserfolge gibt es da?", möchte Christoph Petzold aus Magdeburg wissen. Eine seiner Enkelinnen kommt nach den Ferien in die erste Klasse und Herr Petzold hat davon gehört, dass beim Schreibenlernen auch die Methode "Schreiben nach Gehör" angewendet wird. Nun macht er sich Sorgen, dass damit die Rechtschreibung vernachlässigt wird und seine Enkelin nicht richtig schreiben lernt.

von Regine Förster, MDR AKTUELL

Ein Schüler einer Grundschule verfolgt den Unterricht.
In Hamburg und Baden-Württemberg ist die Methode "Schreiben nach Gehör" verboten. Bildrechte: dpa

Die meisten Lehrer in Sachsen-Anhalt setzen ganz traditionell auf das Lesen- und Schreibenlernen mit der Fibel. Das heißt, dass nacheinander einzelne Buchstaben gelernt und Wörter damit geübt werden. Nur wenige Schulen praktizieren das freie Schreiben und die Methode, die im Volksmund "Schreiben nach Gehör" genannt wird. Die Kinder versuchen dabei den Sprechlauten entsprechende Buchstaben zuzuordnen. Dazu benutzen sie eine Anlauttabelle. Darauf ist zum Beispiel dem "A" der Apfel und dem "M" die Maus zugeordnet. Die Erstklässler trauen sich damit schnell auch an schwierige Wörter heran. "Erfolg motiviert", argumentieren Befürworter.

Erst "Wösche", dann "Wäsche"

Silke Böhmes Sohn hat an der Magdeburger Grundschule am Nordpark nach dieser Methode gelernt. Schon in der ersten Schulwoche schrieb Willi kleine Texte. "Wir haben auch umgedacht und dann richtig hochdeutsch gesprochen. Denn die haben auch mal 'Wösche' geschrieben und nicht 'Wäsche'. Wenn wir gesagt haben 'Milch schreibt man nicht mit Ü, das schreibt man mit I', dann blieb das meiner Meinung nach viel schneller im Gedächtnis als wenn man eine Reihe 'Mimi', eine Reihe 'Mama', eine Reihe 'Papa' oder eine Reihe 'Opa' schreibt", erklärt Böhme.

"Korrekturen müssen motivieren"

Willi fand viele Fehler selbst, weil er überall Wörter las, auf Verpackungen, an der Straßenbahn, an Geschäften. Für Lehrer und Eltern galt: Korrekturen müssen motivieren, nicht entmutigen. Schreibenlernen wird heute als individueller Entwicklungsprozess in Stufen gesehen. Nach dem Kritzeln und Malen, begreifen die Kinder das alphabetische Prinzip und entwickeln die Einsicht "Ich schreibe, wie ich höre". Da man im Deutschen aber die Schreibweise nicht nur über das Hören erschließen kann, müssen die Kinder eine weitere Stufe erklimmen - die Rechtschreibregeln.

Kein Verbot der Methode in Sachsen-Anhalt

Ein Arbeitsheft der Grundschule, auf dem ein Füller liegt
Die Methode "Schreiben nach Gehör" ist zwar umstritten, aber nicht erfolglos. Bildrechte: MDR/Diana Köhler

In Hamburg und Baden-Württemberg zweifeln die Kultusministerien inzwischen daran, dass dieser Sprung nach der Methode "Schreiben nach Gehör" gelingt und haben sie an ihren Schulen unterbunden. Auch Nordrhein-Westfalens neue Schulministerin Yvonne Gebauer hält nicht viel von dem umstrittenen Verfahren und denkt ebenfalls über ein Verbot nach. Kultusminister Marco Tullner sieht in Sachsen-Anhalt keinen Handlungsbedarf: "Ich bin kein Freund von Verboten. Wenn ich am Ende feststellen sollte, dass die Dinge extrem vor den Baum fahren, dann würde ich auch handeln. Aber bei uns stelle ich das nicht fest. Auf welchem Weg man zum Ziel kommt, das ist wie im Leben, da gibt es immer verschiedene Möglichkeiten. Wir haben nach der Wende im Schulgesetz demokratisch erkämpft, dass in den Schulen selbstverantwortlich solche Dinge thematisiert werden können. Das heißt, ich verordne keine Einheitsmethoden, die für Sachsen-Anhalt gelten", unterstreicht Tullner.

Entscheidende Rolle der Lehrer

Ob es gelingt Rechtschreibung und Textverständnis, Lust am Lesen und Schreiben zu vermitteln, hängt stark von den Lehrern ab. Sie müssen über ein umfangreiches, breit gefächertes Methodenarsenal verfügen. Kultusminister Marco Tullner meint: "Das wird die entscheidende Frage sein, wie wir das hinbekommen." Keine einfache Aufgabe angesichts der personellen Engpässe und immer mehr Seiteneinsteigern in den Schulen.

Erfolge schwanken von Klasse zu Klasse

Schüler einer Grundschule melden sich im Unterricht.
Die Fibel hat noch lange nicht ausgedient, aber sie bekommt Konkurrenz. Bildrechte: dpa

Die wenigen Studien im deutschsprachigen Raum zeigen vor allem: Der Erfolg jeder Lerntechnik schwankt von Klasse zu Klasse. Es gibt Studien, die belegen wollen, dass der traditionelle Fibel-Unterricht gerade bei leistungsschwachen Schülern bessere Ergebnisse bringt. Es gibt aber auch Befunde, die die Überlegenheit des freien Schreibens nahelegen. Danach haben die Kinder in den ersten beiden Schuljahren zwar eine schlechtere Rechtschreibung. Diese Unterschiede würden sich aber bis zum Ende der Grundschule auflösen. Silke Böhme hat es genau so erlebt. Willi hat am Gymnasium keine Rechtschreibprobleme. Alle Kinder in seiner Klasse haben richtig Schreiben gelernt. "Anders, als wir es kennen, aber es hat super funktioniert", sagt sie.

Diesen Beitrag sendete MDR AKTUELL auch im: Radio | 31.07.2017 | 05:23 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2017, 09:08 Uhr

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15 Kommentare

01.08.2017 11:58 AufmerksamerBeobachter 15

Das sind Wohlfühlexperimete aus der pädagogischen Hanftasche. Unsere Große schreibt nach zehn Jahren 'progressiver Konzeptschule' (CSM) in jeder Zeile mehrere Wörter falsch. #3 kann ich nur vollstens unterstützen, das muss nach den ersten beiden Schuljahren sitzen, sonst ist der Ofen aus. Den 5% oberschlauen Kindern wird es egal sein, die schreiben auch trotz solchem Konzeptmumpitz ordentliche Texte. Im Interesse der anderen Schulpflichtigen sollte man gerade in den unteren Klassen auf Kuschelpädagogik und Stuhlkreisverständnis verzichten und nach bewährten Strategien unterrichten: Frontalunterricht im 45Minuten-Takt. Was daran schlecht sein soll, konnte mir noch keiner schlüssig erklären.

31.07.2017 16:34 ralf meier 14

@ MuellerF Nr 12 : Schauen Sie mal nach 'rotgrün' und 'schreiben nach Gehör' . Danach wüssen Sie, wer diese Methode eher preferiert. In meinem Bundesland NRW will die neue CDU/FDP Koalition diese Methode endlich abschaffen.
In Hamburg wurde „Lesen durch Schreiben“ nach heftigen Protesten im Dezember 2013 verboten. Es ist erfreulich, daß sich der SPD Schulsenator Ties Rabe (SPD) dem anschloss. Auch sonst scheint Herr Rabe ein Freund pragmatischer Lösungen zu sein. Als die Hamburger Abiaspiranten 2016 eine Probeabiklausur im Fach Mathe mit einem Notendurchschnitt von nur 4,1 abschlossen, gab es viel Ärger, weil diese Note ins Abi eingehen sollte. Herr Rabe löste das Problem, in dem bei allen Klausuren die Note um 1 erhöhte. (Hamburger Abendblatt 20.07.2017)
PS: Ersparen Sie sich doch Textbausteine wie 'Propagandistische Textbausteine ersetzen keine eigene Denkleistung! ' Die sind mittlerweile so ausgelutscht, daß sie eher auf den zurückfallen, der sie nutzt.

31.07.2017 13:47 Wachtmeister Dimpfelmoser 13

@ 12:13 | Thorsten: Was noch hinzukommt: Würde man sich an altbewährten Erfolgsmodellen orientieren, wie sie schon vor 50 oder 100 Jahren funktioniert haben, müsste die Schulbildung nur noch erfolgsorientiert verwaltet, kontrolliert und ab und an feinjustiert werden. Das erfordert bzw. rechtfertigt(!) aber weniger Posten und gut bezahlte Stellen in den Ministerien. Und was uns hier dummdreist als "individueller Entwicklungsprozess in Stufen" verkauft wird ist in Wirklichkeit eine auf dem Rücken unserer Kinder und deren Eltern ausgetragene und schlussendlich gescheiterte "Arbeits"beschaffungsmaßnahme für Pseudopädagogen und ihre überflüssigen Experimente. Kein Wunder, wie unsere niedrigen Arbeitsslosenzahlen zustande kommen.

31.07.2017 13:36 MuellerF 12

@9: Kann es sein, dass prinzipiell alles, was Ihnen nicht passt, in ihren Augen die Schuld von "rotgrün" ist? Hamburg zB hat eine "rote" Regierung, gelernt wird da trotzdem nach Buch, nicht nach Gehör.
Propagandistische Textbausteine ersetzen keine eigene Denkleistung!

31.07.2017 12:26 bummi 11

Unser Großer hat nach dieser damals recht neuen Methode gelernt. Ich war sehr skeptisch, eine Veranstaltung dazu klang aber ziemlich schlüssig. Da er gerne und viel gelesen hat, kam er relativ gut klar. Viel lesen ist der Schlüssel zum Erfolg. In der Klasse gab es aber viel Ärger. Unser Kleiner ist jetzt gerade fertig mit der GS und er ist wie viele andere Schüler überhaupt nicht klar gekommen damit. Es ist zum verzweifeln.
In der zweizügigen Schule hat eine Klasse nach Fibel gelernt und die andere Klasse nach der Schreiben durch Lesen Methode. Irgendwann wurde es dann still und heimlich abgeschafft für die Neuschüler. Ich würde mein Kind auf keinen Fall nochmal solcher Methode aussetzen wollen. Zumal man ja eingebläut bekommt, Fehler selber nicht zu korrigieren.
Herr Tullner, treten sie zurück. Seine Sprüche passen zu seinem Katastrophenimage.

31.07.2017 12:13 Thorsten 10

Ein weiteres Symptom einer völlig erkrankten Gesellschaft sowie Hinweis darauf, daß man an leistungsorientiertem Lernen nicht interessiert ist. Geradezu ekelerregend.

31.07.2017 11:53 ralf meier 9

da die Menschen nicht gleich intelligent sind, möchte man sie wenigstes gleich dumm halten. Das ist rotgrüne Ideologie.
Im größeren Stil nennen die das 'Schule für alle'.

31.07.2017 11:44 MuellerF 8

Wenn man die Regeln zu kurz/ lang gesprochenen Vokalen & Konsonanten kapiert hat, kann man deutsche Wörter ziemlich sicher richtig schreiben.
"Schreiben nach Gehör" jedoch zäumt das Pferd von hinten auf; wertvolle Lernzeit geht später damit verloren, "umzulernen" -unnötigerweise.

31.07.2017 11:35 Frank 7

Bei uns an der Schule darf Beides gelehrt werden (Direktorin kommt vom "Chemniter Schulmodell"). Der Vergleich unter Eltern fällt ziemlich eindeutig aus: "Schreiben nach Gehör" = Katastrophe. Das Umstellen ist in keinster Art so einfach, wie beschrieben. Gut dran sind dabei die Kinder, die gern lesen. Die merken es von allein und stellen sich zügig um. Für alle Anderen gilt: SEHR VIEL Arbeit für die Eltern. Die Unterschiede lösen sich dann auch nur sehr schwer bzw. nicht auf. Der Übergang zur nächsten Schule gestaltet sich sehr schwer, denn dann gilt die Rechtschreibung. Unsere Kinder hatten Glück, lernten nach Fibel und konnten nach der ersten Klasse richtig schreiben und lesen. Den Vorteil des anderen Modells begreifen wir nicht.

Ausser durch betreffende Lehrer gab es noch nichts Positives zum "Schreiben nach Gehör" zu vermelden. Und eine der Lehrerinnen hat, nach ihrem ersten "Klassendurchlauf", von allein auf die Fibel umgestellt. Da gabs wohl Beifall bei der Einschulung.

31.07.2017 11:32 Willi 6

Unser Enkel lernte so und ist bis heute nicht sicherin der Rechtschreibung ,auch lesen und schreiben nach Silben haut nicht hin bei Kindern von Bekannten . der eine lernte wie wir es gelernt haben und konnte Weihnachten die Zeitung lesen , der andere der nach Silben lernen mußte ,beherrschte es nicht ,obwohl die Eltern übten. Ja und mal eine oder zwei Zeilen das Wort richtig schreiben , gibt es auch nicht mehr. Genauso in Mathe ,nur noch in vorgedruckte Kästen die Ergebnisse eintragen ,fördert nicht das Denken und erkennen von ähnlichen Rechenbeispielen.

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