Der Arzt Matthias Tönz, Palliativmediziner aus Witten, hat schon viele Patienten beim Sterben begleitet. Einige haben ihn auch um Hilfe bei der Selbsttötung gebeten. Er glaubt aber, dass es andere bessere Wege als Gift gibt.
Bildrechte: MDR/Carsten Waldbauer

Bad Lauchstädt Bekommt Sachsen-Anhalt ein weiteres Hospiz?

Im November haben Bundestag und Bundesrat ein Gesetz verabschiedet, das die Versorgung von Menschen kurz vor dem Tod verbessern soll. Es wird mehr Geld für die Pflege und Begleitung von unheilbar Kranken in Hospizen und Palliativstationen geben. Wie sich die gesellschaftliche Anerkennung eines Tabus auf die Pläne des Fördervereins "Hospiz Hoffnungsland" auswirkt, hat sich unsere Reporterin im Süden von Sachsen-Anhalt angeschaut.

von Angela Tesch, MDR INFO

Der Arzt Matthias Tönz, Palliativmediziner aus Witten, hat schon viele Patienten beim Sterben begleitet. Einige haben ihn auch um Hilfe bei der Selbsttötung gebeten. Er glaubt aber, dass es andere bessere Wege als Gift gibt.
Bildrechte: MDR/Carsten Waldbauer

Wenn Elisabeth Wölbling die Bauskizze für das neue Hospiz erklärt, klingt es, als würde die Palliativmedizinerin schon durch die fertigen Räume laufen: "Das Haus wird quadratisch. Hier in die Mitte soll ein Springbrunnen hin, darüber ist im Innenhof ein Oberlicht, wo es dann schönes Tageslicht gibt ..."

Drum herum gruppieren sich zwölf Einzelzimmer für Menschen in der letzten Lebensphase: Ebenerdig, mit großer Glastür zur Terrasse, damit das Bett ins Freie gefahren werden kann. Wölbling betreibt seit 2009 in Bad Lauchstädt ein ambulantes Palliativzentrum. Schwerstkranke Menschen werden zu Hause betreut, mit Schmerzmitteln versorgt und in den Tod begleitet. Die meisten Menschen wollen zu Hause sterben. Für die Angehörigen ist die fachkundige Hilfe Entlastung bei der Pflege aber auch beim Abschiednehmen. Ambulant vor stationär - das ist die Regel - auch im neuen Hospiz- und Palliativgesetz. Doch die Ärztin hat von ihren sechs Mitarbeitern, die rund um die Uhr für die Patienten erreichbar sind, immer wieder gehört: "Mensch, Frau Wölbling, der Patient kann jetzt nicht mehr zu Hause bleiben. Die Angehörigen sind am Ende. Das geht nicht mehr, selbst wenn es nur noch ein paar Tage sind. Wir brauchen mehr Betten."

Kassen tragen jetzt 95 Prozent der Kosten

Fünf stationäre Hospize gibt es in Sachsen-Anhalt: In Halle, Dessau, Quedlinburg, Magdeburg und Stendal. Wird die zuständige AOK ein weiteres bewilligen? Der Antrag für das Hospiz "Hoffnungsland" ist gestellt. AOK-Sprecher Andreas Arnsfeld hat dazu noch keine Informationen. Erst müssten die gesetzlichen Anforderungen geprüft werden. Und die reichen von freundlich eingerichteten Einzelzimmern, über die schmerztherapeutische Ausstattung bis zum geschulten Personal und zur Kalkulation. Kommt es zu einem Versorgungsvertrag, dann übernimmt die Kasse einen Großteil der Kosten, erzählt Arnsfeld: "Ab 1. Januar sind das 275 Euro pro Tag. Die Kranken- und die Pflegekassen tragen 95 Prozent davon."

Die restlichen fünf Prozent müssen durch Spenden, ehrenamtliche Tätigkeit oder Mitgliedsbeiträge der Hospiz-Fördervereine aufgebracht werden. Reicht das aus? Der AOK-Sprecher sagt, damit seien die Kosten abgedeckt. Widerspruch kommt vom Geschäftsführer des Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verbandes, Benno Bolze: "Die Frage ist ja immer - 95 Prozent wovon?" Die Anhebung der Zuschüsse von vorher 90 auf jetzt 95 Prozent sei ein wichtiger Schritt, aber das reiche nicht, um den tatsächlichen Bedarf zu decken, sagt Bolze: "Und wenn man die aktuelle Situation sieht, dann waren die Spendenanteile nicht fünf bis zehn Prozent, sondern wir waren bei 20, 25 sogar bei 30 Prozent."

Gezahlt wird erst, wenn das Hospiz steht und Patienten einziehen

Dazu käme ein West-Ostgefälle bei den Tagessätzen, die sich zwischen 220 und 350 Euro bewegen. In Sachsen-Anhalt sind es 275 Euro. Da müsse nachgebessert werden. Bolze sieht noch eine große Hürde für die Gründung eines Hospizes: "Das Grundstück, der Bau und die Ausstattung - alles muss vorfinanziert werden. Die Kasse gibt erst Geld, wenn die Patienten einziehen."

Elisabeth Wölbling rechnet vorab mit zwei bis 2,5 Millionen Euro. Die Suche nach Investoren sei leichter gewesen als erwartet, erzählt sie. Von potentiellen Geldgebern und Bürgern aus der Region sei sie immer wieder ermutigt worden. Als ob alle darauf gewartet hätten, dass jemand die Initiative ergreift. In Wölblings Büro steht ein dekorativer Spendenscheck über 624 Euro. "Plus 100 Euro" hat jemand mit Kugelschreiber eingefügt. Er ist vom Merseburger Schuhhaus "Mayers". Dort haben die Verkäuferinnen bei jedem verkauften Paar einen Euro gesammelt. Auch wenn noch vieles zu planen und zu genehmigen ist, eröffnen will Elisabeth Wölbling das Hospiz am liebsten noch im kommenden Jahr.

Zuletzt aktualisiert: 03. Januar 2016, 05:00 Uhr