Figuren von Mann und Frau mit intersexuellem Geschlechterzeichen und Bundesadler
Mann, Frau, Inter: Künftig wird es im Geburtenregister noch ein drittes Geschlecht geben. Bildrechte: IMAGO

Hintergrund Weder Mann noch Frau – Intersexuelle Menschen

Intersexuelle Menschen, die weder männlich noch weiblich sind, sollen nach einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts die Möglichkeit haben, ihre spezielle geschlechtliche Identität im Geburtenregister eintragen zu lassen. Doch was bedeutet Intersexualität, was sind die Ursachen dafür, und wie viele Personen sind deutschlandweit betroffen?

Figuren von Mann und Frau mit intersexuellem Geschlechterzeichen und Bundesadler
Mann, Frau, Inter: Künftig wird es im Geburtenregister noch ein drittes Geschlecht geben. Bildrechte: IMAGO

Was bedeutet Intersexualität?

Als Intersexuelle werden Menschen bezeichnet, die aufgrund ihrer körperlichen Merkmale nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugeordnet werden können. Ihre Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und Genitalien weisen sowohl männliche als auch weibliche Elemente auf. Der medizinische Fachbegriff lautet "Disorders of sex development" (Störungen der Geschlechtsentwicklung, kurz DSD). Früher wurden diese Menschen als Zwitter oder Hermaphrodit bezeichnet.


Variationen im Chromosomensatz

Häufige Ursachen für Intersexualität sind Variationen im Chromosomensatz: Eine weibliche Geschlechtsidentität wird bestimmt durch zwei X-Chromosomen, eine männliche Identität hingegen stets durch die Kombination von einem X- mit einem Y-Chromosom.

Uneindeutig wird das Körpergeschlecht dagegen, wenn etwa nur ein einziges X-Chromosom vorhanden ist. Dieses sogenannte Turner-Syndrom führt zu einem äußeren weiblichen Erscheinungsbild. Es gilt als eine der häufigsten Ursache von Intersexualität. Es gibt aber auch die Variante von XXY-Chromosomen. Dieses sogenannte Klinefelter-Syndrom führt zu einer äußerlich männlichen Geschlechtsausprägung.


Hormonelle Ursachen

Andere Ursachen für Intersexualität  haben einen hormonellen Hintergrund: So haben etwa Menschen mit einer sogenannten kompletten Androgeninsensitivität (CAIS) einen männlichen XY-Chromosomensatz und bilden im Embryonalstadium Hoden aus. Die körpereigenen Rezeptoren reagieren aber nicht auf die ausgeschütteten männlichen Sexualhormone (Androgene), weshalb sich der Körper äußerlich weiblich entwickelt.

Beim sogenannten Androgenitalen Syndrom (AGS) hingegen werden bei Embryos mit einem weiblichen XX-Chromosomensatz wegen einer Fehlfunktion der Nebennierenrinde zu viele Androgene ausgeschüttet. Die Betroffenen kommen deshalb oft mit einer vergrößerten Klitoris zur Welt.


Intersexuelle sind keine Transsexuellen

Intersexualität hat nichts mit Transsexualität zu tun. Im Gegensatz zu intersexuellen Menschen sind Transsexuelle in ihrem biologischen Geschlecht eindeutig männlich oder weiblich. Diese biologischen Männer oder Frauen fühlen sich aber dem jeweils anderen Geschlecht psychisch zugehörig. Einige von ihnen streben über eine chirurgische oder hormonelle Therapie die Anpassung ihres Körpers an ihr psychisches Geschlecht an.

Eine körperliche oder seelische geschlechtsbezogene Zwischenstellung nehmen Transsexuelle in der Regel nicht ein. Es geht bei ihnen laut einer Stellungnahme des Deutschen Ethikrats aus dem Jahr 2012 um die "Zugehörigkeit zum männlichen oder weiblichen Pol, bei den Intersexuellen hingegen um eine Zwischenstufe".


Wie viele Deutsche sind intersexuell?

Nach Angaben des Deutschem Ethikrats liegen noch keine gesicherten Erhebungen zur Zahl der intersexuellen Menschen in Deutschland vor. Schätzungen reichen von 16.000 bis 800.000 Personen bundesweit. Der Lesben- und Schwulenverband spricht von rund 100.000 Bundesbürgern.


Geschlechtszuordnung durch Operationen

In der Vergangenheit versuchte die Medizin, intersexuellen Kindern mit genitalangleichenden Operationen und Hormontherapien möglichst früh ein Geschlecht zuzuordnen. Meist entschieden sich die Ärzte dabei für das weibliche Geschlecht, weil dieses durch Operationen scheinbar leichter "herzustellen" war. Selbsthilfeverbände wie der Verein "Intersexuelle Menschen" verurteilen diese "Zwangsbehandlungen" heute als Menschenrechtsverletzung.


Intersexualität ist keine Krankheit

Intersexuelle sehen in der Geschlechtszuordnung durch medizinische Eingriffe zudem eine biologische Normierung. Viele Betroffene betonen, dass es sich bei einer Uneindeutigkeit des Geschlechts nicht um eine Krankheit, sondern um eine Variation der Natur handelt, die nicht nur biologische, sondern auch psychische und soziale Dimensionen hat.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 08.11.2017 | 10:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2017, 16:59 Uhr