Jüdisches Leben in Thüringen Ein Kampf gegen den demografischen Wandel

Jüdisches Leben in Thüringen gewinnt an Bedeutung. Zumindest könnte das jüdische Erbe in Erfurt ab 2020 UNESCO-Weltkulturerbe werden. Außerdem hat die Thüringische Landesgemeinde seit einigen Wochen wieder einen Rabbiner. Über ein Jahr musste sie ohne einen auskommen. Während die jüdische Kultur in Thüringen aufzuleben scheint, bemüht sich die Gemeinde darum, nicht zu schrumpfen.

von Stefanie Gerressen, MDR AKTUELL

Ende September wurde Benjamin Kochan als einer von drei neuen orthodoxen Rabbinern ordiniert. Jugendarbeit ist dabei ein Schwerpunkt seiner Arbeit. Vor allem junge Thüringer Juden will er für die Landesgemeinde gewinnen. Diese sind oft nicht so verwurzelt wie andere Jugendliche und ziehen häufig in die alten Bundesländer, schätzt Rabbiner Kochan: "Thüringen ist nur eine Zwischenstation. Deswegen kann man sagen, uns trifft es noch mehr, dass Jugendliche Thüringen verlassen."

Die meisten Gemeindemitglieder leben in Erfurt

Der demografische Wandel sei in der jüdischen Gemeinde besonders stark zu spüren, bestätigt der Vorsitzende Reinhard Schramm. Die Gemeinde hat 800 Mitglieder. 500 davon leben in Erfurt. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands sind mehr und mehr Juden auch nach Thüringen gekommen. Seit Jahren bleibt die Mitgliederzahl allerdings stabil. Mit großem Wachstum der thüringischen Gemeinde rechnet Schramm nicht mehr. Er befürchtet das Gegenteil: "Einige Personen werden aus der Ostukraine kommen. Ursache ist der Konflikt dort. Aber das sind keine Massen mehr. Wir gehen davon aus, dass die Zahlen rückläufig sein werden. Deshalb versuchen wir gegenläufige Maßnahmen einzuleiten."

Hilfe durch Arbeitsvermittlung

Bei den Maßnahmen handelt es sich vor allem um möglichst praktische Lebenshilfe, erzählt Reinhard Schramm: "Leute, die hier in einer Firma beschäftigt waren und diese Firma pleite macht, dann helfen wir. Dazu gehört, dass wir versuchen für die Betroffenen Arbeit zu finden, so dass sie auf dem Arbeitsmarkt nicht ganz hilflos sind. Außerdem versuchen wir, jüdisches Leben zu verbessern. Das ist nicht so einfach."

Doch im Freistaat gebe es dafür gute Bedingungen. Seit 16 Jahren gibt es "Via Schalom", die jüdische Kulturinitiative in Thüringen. Dazu gehören ein Radioprogramm, ein jüdisches Café und Kulturveranstaltungen. Dazu hat sich das jüdische Achava-Festival in Erfurt etabliert und es gibt jüdisch-israelische Kulturtage. All das soll auch zur Begegnung zwischen Juden und Nichtjuden führen. Rabbiner Kochan verzeichnet auch Fortschritte in der Jugendarbeit. Seit einiger Zeit gibt es eine eigene Gruppe für jüdische Kinder in einem Erfurter Kindergarten.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: Nachrichtenradio | 13.11.2016 | 7:12 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2016, 11:52 Uhr