2010, Norman Gary Finkelstein
Norman Finkelstein ist in Deutschland vor allem für sein Buch "Die Holocaust-Industrie" bekannt. Bildrechte: IMAGO

Max-Planck-Institut in Halle Solidarität mit Israel oder Freiheit der Wissenschaft?

Seit letztem Montag sorgt ein umstrittener Wissenschaftler in Halle für Diskussion. Der Israel-Kritiker Norman Finkelstein gastiert auf Einladung des Max-Planck-Instituts in der Stadt. Linke Studenten und Politiker protestieren gegen den Besuch. Die Institutsleiterin erhofft sich hingegen kontroverse Diskussionen.

von Thomas Matsche, MDR AKTUELL

2010, Norman Gary Finkelstein
Norman Finkelstein ist in Deutschland vor allem für sein Buch "Die Holocaust-Industrie" bekannt. Bildrechte: IMAGO

"Kein Podium für Antisemiten!" steht in schwarzer Farbe an der Straßenmauer des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung in Halle. Mit Antisemit ist der Politikwissenschaftler Norman Finkelstein gemeint, der seit letzter Woche im Institut zu Gast ist. Der New Yorker ist eingeladen, Vorträge zu halten, an Workshops teilzunehmen und mit den Doktoranden zu diskutieren.

Herausforderung für wissenschaftlichen Nachwuchs

Foto Strassenmauer Max Planck Institut in Halle
Unbekannte haben ihrer Kritik an Norman Finkelstein an einer Mauer vor dem Max-Planck-Institut in Halle Ausdruck verliehen. Bildrechte: Matsche/MDR

Direktorin Marie-Claire Foblets hat Finkelstein nach Halle geholt, um die Nachwuchs-Wissenschaftler methodisch zu fordern: "Ich habe an ihn gedacht, weil er ein Wissenschaftler ist, der sehr dokumentiert zu seinem Thema forscht, der sehr offensteht für Diskussionen, der es auch gewöhnt ist, sich in kontroverse Diskussionen einzumischen, der von vielen sehr stark kritisiert wird."

Vergangene Woche demonstrierten allerdings 30 Menschen vor dem Institut gegen Norman Finkelstein. Sie kritisieren seine Haltung gegenüber Israel. In seinem wichtigsten Werk habe er das Gedenken an Auschwitz als Holocaust-Industrie bezeichnet, schrieb die AG Antifa des Studentenrats in einer Pressemitteilung.

Hendrik Lange, Landtagsabgeordneter der Linken in Sachsen-Anhalt, war nicht unter den Demonstranten, teilt aber deren Kritik: "Finkelstein ist hoch umstritten als jemand, der als Kronzeuge der Rechten regelmäßig benutzt wird." Finkelsteins Aussagen und seine Haltung gegenüber der Hisbollah oder der Hamas, die Israel vernichten möchten, seien kontovers. Lange weiter:

Ein Institut, das eine solche Person einlädt, weiß was es tut und ich sage, ich hätte ihn nicht eingeladen.

Hendrik Lange, Landtagsabgeordneter der Linken

Wie steht es aber mit der wissenschaftlichen Freiheit? Sollten Finkelsteins Ansichten, so kontrovers sie sein mögen, nicht diskutiert werden? Hendrik Lange sagt, natürlich könne man das machen, aber dann müsse auch Kritik daran erlaubt sein.

Institutsdirektorin von Kritik überrascht

Mit solch scharfem Gegenwind hat Institutsdirektorin Marie-Claire Foblets nicht gerechnet. Sie habe als Belgierin vielleicht unterschätzt, dass das Thema in Deutschland emotionaler diskutiert werde. Dennoch gelte für Foblets, sich auch mit Menschen auseinanderzusetzen, deren Meinung sie nicht teile:

Wir sind Wissenschaftler. Wir müssen auch Opponenten suchen. Auch die schwierigsten Opponenten, die nicht zu überzeugen sind. Und ich glaube, wir haben jetzt mal einen Opponent, der sich nicht überzeugen lässt.

Am Tag nach der Demonstration habe Foblets auch darüber nachgedacht, einen Workshop mit Finkelstein abzusagen. Auch weil sie weiß, dass Wissenschaft nicht im Elfenbeinturm stattfindet. Absagen wird die Institutsleiterin nun zwar nicht, sie wolle aber ein Angebot machen an die, die Finkelsteins Besuch in Halle kritisiert haben.

Mit ihnen möchte sie in einen konstruktiven Dialog treten. Und sie wolle eines ganz sicher: "Wenn Leute sich verletzt gefühlt haben, dass wir so jemand eingeladen haben, dann wäre ich sehr gerne bereit, mich zu entschuldigen."

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 23.01.2017 | ab 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2017, 15:45 Uhr

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13 Kommentare

25.01.2017 18:54 SGDHarzer66 13

"Unbekannte" linksextremistische Gestalten haben die Mauer beschmiert wäre die zutreffende Unterschrift zum Foto. Finkelstein hat wirklich recht.

23.01.2017 20:24 Kein Erbsenzähler 12

Bin durch Zufall hier gelandet. Stelle aber fest, jede Menge Voruteile und Vorverurteilungen. Egal von welcher Seite. Tschüss bis zum nächsten Zufall.

23.01.2017 20:03 Das trifft zu und... 11

"Wir sind Wissenschaftler. Wir müssen auch Opponenten suchen. Auch die schwierigsten Opponenten, die nicht zu überzeugen sind. Und ich glaube, wir haben jetzt mal einen Opponent, der sich nicht überzeugen lässt."

... enthält einen falschen Akkusativ: EineN Opponenten. Das ist auch schon das Falscheste an der ganze Sache - übrigens bezeichnenderweise. Wer affirmative Pseudowissenschaft mit politisch stets korrektem und vor allem gefälligen Ausgang will, möge den Grünen beitreten oder der Nagelfraktion der Linken. Er kann auch Theologie studieren oder Merkelreden rezitieren - nur die methodisch arbeitenden Wissenschaften möge er/sie mit derartigen Denk- und Diskursverboten verschonen. Und nein, ich bin kein Freund von Finkelstein - ihm aber Antisemitismus vorzuwerfen, grenzt langsam an Irrsinn.

23.01.2017 19:17 @Steiner 7 10

Jede Menge Unwissen, aber mitreden wollen.
Beschäftigen Sie sich doch erst mit den Büchern des Herrn Finkelstein und urteilen dann!
Aber Ihnen scheint es nur ums "Dagegensein" zu gehen, einfach nur peinlich.

23.01.2017 15:08 Resi 9

Norman G Finkelstein beschreibt u.a. an Hand des Beispiels seiner jüdischen Eltern, wie aus dem unendlichen Leid und dem Tod der Juden im "Dritten Reich" das große Wiedergutmachungs- geschäft gemacht und das Leiden der Juden ausgebeutet wurde und wird, immer noch. Dass Israel daran nicht unbeteiligt ist, ruft nun Leute auf den Plan, die überhaupt nicht wissen, um was es eigentlich geht, Hauptsache dagegen.

23.01.2017 14:57 steffen_jg63 8

Wenn ich so zurück denke, war die DDR-Politik stets antizionistisch, also gegen den Staat Israel ausgerichtet. In den Geschichtsbüchern der DDR fand die Ermordung des KPD-Chefs Ernst Thälmann größere Beachtung als die systematische Judenvernichtung. Eine Clique von Antifaschisten waren die Protagonisten dieser Politik. Heute schwingen sich neue selbsternannte Antifaschisten auf, genau das Gegenteil zu behaupten. Was denn nun?

23.01.2017 14:43 Steiner 7

Hand in Hand mit den Neonazis, ja, sowas gibt es auch in Halle und beschmutzt das Max-Planck-Institut.

23.01.2017 14:08 Jürgen 6

Na dann sollen die Linken ihn halt in der Diskussion widerlegen. Aber wahrscheinlich können sie nur blockieren und "malern". Wie immer.

23.01.2017 11:47 steffen_jg63 5

"Kein Podium für Antisemiten!", dazu stehe ich auch. Am besten, die Antifa fragt mal bei den zahlreich zu uns Gereisten nach. Deren Meinung zu Israel und zum jüdischen Glauben würde mich mal interessieren.

23.01.2017 10:20 AchSo 4

Auch wird der Tag kommen, wo die wahren BELEGTEN Zahlen über die Toten der Dresdner (und anderer) Bombennächte 1945 wieder gesagt werden (dürfen!). Geschichte schreiben immer die Sieger......