NSU-Prozess Der rätselhafte Fall des Andreas Temme

Noch immer gibt es viele Fragezeichen im NSU-Komplex. Eines der größten steht hinter der Rolle des ehemaligen Verfassungsschutz-Mitarbeiters Andreas Temme. Das beschäftigt auch MDR-AKTUELL-Hörer Hartmut Gebauer aus Dresden: "Mich interessiert die Zusammenarbeit des Verfassungsschutzes mit Andreas Temme, der ja auch an mehreren Tatorten gesehen wurde - zum Beispiel in dem Internetcafé in Kassel und etwa am Wohnwagen in Eisenach." Wir fassen zusammen, was bisher über Andreas Temme bekannt ist.

von Matthias Reiche, NSU-Prozess-Berichterstatter für MDR AKTUELL

Verfassungsschützer Andreas Temme
Welche Rolle spielt Andreas Temme bei den NSU-Morden? Bildrechte: dpa

07:29 min

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Am 6. April 2006 wurde der 21-jährige Halit Yozgat im Internetcafé seiner Familie erschossen - mutmaßlich von den NSU-Terroristen. Zur Tatzeit saß nachweislich auch Verfassungsschützer Andreas Temme in dem Internetcafé. Im Gegensatz zu anderen NSU-Tatorten waren die polizeilichen Ermittlungen in Kassel damals professionell und effektiv, weshalb man das schnell beweisen konnte. Temmes Begründung für seine Anwesenheit am Tatort: Er sei auf einer Flirtseite unterwegs gewesen und habe von dem Mord nichts mitbekommen.

War Andreas Temme Zeuge eines Mordes?

Rechtsanwalt Alexander Kienzle, der im Verfahren die Familie des Getöteten vertritt, kann das nicht glauben: "Es gab eine Tatort-Rekonstruktion der Polizei. Herr Temme ist mindestens zwei Mal an der Stelle vorbeigelaufen, an der der erschossene Halit Yozgat zu diesem Zeitpunkt lag. Bis heute macht er geltend, dass er den erschossenen Halit Yozgat nicht gesehen haben will - was angesichts der räumlichen Verhältnisse völlig unmöglich ist."

Warum war ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes am Tatort und warum hat er sich trotz eines Aufrufs der Polizei nicht als Zeuge gemeldet? Andreas Temme meint: Alles Zufall. Er habe sich deshalb nicht gemeldet, weil er befürchtet hat, seine Frau erfahre von seinen Chat-Bekanntschaften.

Kannte er NSU-Mitglieder?

 Andreas Temme
Andreas Temme wurde mehrfach im NSU-Prozess vernommen. Erkenntnisse gab es dabei nicht viele. Bildrechte: dpa

Als V-Mann-Führer betreute Temme auch Spitzel in der rechtsextremen Szene. Wie nah stand er dem NSU? Diese Fragen treiben auch Clemens Binninger um, den CDU-Innenexperten und Vorsitzenden im zweiten NSU- Untersuchungsausschuss des Bundestags: "Es gibt eine Skizze in den Asservaten [Beweisstücke] in Zwickau, die die Innenräume des Cafés zeigt. Wir haben uns immer gefragt: Wer macht so eine Skizze, für die er ja ins Café reingehen muss? Er macht sie nicht für sich selbst, sondern für den Täter."

Hartnäckig hält sich auch das Gerücht, dass beim angeblichen Selbstmord der mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ein dritter Mann in dem Wohnmobil war - und dass dieser Unbekannte Andreas Temme gewesen sein könnte. Beweise dafür gibt es allerdings nicht.

Gericht hält Temme für glaubwürdig

Für das Gericht im Münchner NSU-Prozess seien im Fall Temme ohnehin alles nur Verschwörungstheorien, meint der Nebenklageanwalt Alexander Kienzle: "Das Gericht hat Andreas Temme für einen glaubwürdigen Zeugen erklärt. Trotzdem bleiben die maßgeblichen Fragen aus unserer Sicht offen - insbesondere inwieweit der Verfassungsschutz vorab Kenntnisse über die Mordserie erlangt hat und inwieweit sich Andreas Temme deshalb auch dienstlich mit diesen Zusammenhängen befasst hat."

Aufklärung wird erschwert

Um diese Fragen zu beantworten, wäre es beispielsweise nötig, die von Temme geführten V-Leute zu vernehmen und alle Akten beim hessischen Verfassungsschutz einzusehen. Doch die Sperr-Erklärung des damaligen Innenministers und heutigen Ministerpräsidenten Volker Bouffier verhindert das.

All das sind natürlich keine Beweise dafür, dass der Verfassungsschutz in die Mordserie, der zehn Menschen zum Opfer gefallen sind, verstrickt ist. Aber es zeigt, dass eine vollumfängliche Aufklärung von staatlicher Seite nicht so konsequent ermöglicht wird, wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel den Angehörigen eigentlich versprochen hatte.

Der NSU-Prozess Seit Mai 2013 wird die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) vor dem Oberlandesgericht in München verhandelt. Hauptangeklagte ist Beate Zschäpe. Ihr wird unter anderem die Mittäterschaft an zehn Morden und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 05.12.2016 | ab 05:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2016, 05:00 Uhr

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9 Kommentare

06.12.2016 11:31 Krause - "ich bin ja ein Nazi, aber" 9

@ 8. Leon:

Eine verdammt gute Frage! Das würde auch seine 'Blindheit gegenüber der Leiche' erklären!

Dies könnte auch gut zu 'einer Taktik' sprechen, dem NSU die ein oder andere Leiche unterzuschieben - doch warum schweigt Zschäpe dann?

Wenn der Stoffetzen von Böhnhardt bei Peggy nur auf Grund der Bilder auf dem PC in deren Wohnung platziert worden wäre, könnte dies auch nur ein Zeichen an Zschäpe gewesen sein, weiter zu schweigen? Oder diese 'kranke Geschichte' gehört auch noch in den Komplex... und dann darf Zschäpe weiter entlastend schweigen, um den Temme retten zu dürfen, der daraufhin den VS nicht anschwärzt?

Das Schweigen des VS kann das Decken einer Nichtigkeit sein, aber ebenso gut einer dicken Schweinerei, bei der der bisherige NSU-Komplex nur die Spitze des Eisbergs ist.

Man weiß es nicht!

05.12.2016 18:43 Leon 8

Wer sagt uns denn, dass Temme nicht selbst der Täter ist?

05.12.2016 15:23 Fragender Rentner 7

Vorhin beim ZDF kündigten sie für morgen einen Bericht bei Frontal 21 zu den Kölnern Vorfällen vom 31.12.2015 an.

Mal schauen was sie berichten.

05.12.2016 15:19 Fragender Rentner 6

V-Mann?

05.12.2016 14:15 Bürger der früheren DDR 5

Na, wer will noch mal? Wer hat noch nicht? (einen Kommentar abgegeben).

05.12.2016 11:48 Krause - "ich bin ja ein Nazi, aber" 4

Das Problem mit Temme scheint mir, daß das Gericht ihn trotz einiger Widersprüche für glaubwürdig hält.

Man kann durch einen Flirt sicher sehr von der Umwelt abgelenkt sein. Rennt man dann aber mehrmals durch das Chat-Café oder sitzt man dann chattend vor einem Computer?
Die Tatort-Skizze in den Asservaten?

Wenn solche Fragezeichen in der Luft stehen, geben manch nicht beantwortete Fragen oder Informationsverweigerungen gewissen Spielraum für berechtigte Spekulationen.

Daß V-Männer in ihrer Funktion das ein oder andere Recht übertreten (müssen), um eine Glaubwürdigkeit zu erzeugen, sei mal dahingestellt. Die Frage bleibt, in wie weit man dabei eine 'persönliche Motivation' ausschließen kann.
Wenn dann aber 'staatliche Motive' zu Mord führen, wird die ganze V-Mann-Aktion fragwürdig bis fraglich. Welche Ziele werden damit verfolgt?
Die Antworten darauf bleiben unter Verschluß. Auch durch den CDU-Mann Bouffier.

05.12.2016 11:19 knutschi 3

Mal ehrlich, wen interessiert das alles noch. Nicht einmal die Richter wissen, was wahr und was nicht wahr ist. Die Presse kann für mich hier nicht mehr punkten- es langweilt und wenn nicht umgehend verurteilt wird, muss man über eine Freilassung nachdenken.

05.12.2016 10:13 Kassel 2

Halit Yozgat wurde in Kassel erschossen, nicht in Köln, wie Sie es fälschlicherweise auf Ihrer Startseite stehen haben...

05.12.2016 10:08 Blumenfreund 1

Egal wer hier gemordet hat, den Nazis schiebt man es nur in die Schuhe.

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