Dorothea Marx
Die Chefin des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses, Marx, will weiter ermitteln lassen. Bildrechte: MDR/ Holger John

Mühselige Ermittlungen Verfassungsschutz: Bisher keine Hinweise auf rechten Pädophilenring

Es war eine der bizarrsten Nachrichten des vergangenen Jahres: Könnte der mutmaßliche NSU-Terrorist Uwe Böhnhardt etwas mit dem Mord an der kleinen Peggy zu tun haben? Am Leichenfundort des Mädchens in Thüringen waren DNA-Spuren des Rechtsextremisten gefunden worden. Und seither wird über den konkreten Fall hinaus ermittelt, ob die rechte Szene stärker mit Kindesmissbrauch und -prostitution zu tun hat, als bislang bekannt. Eine langwierige Recherche.

von Sebastian Hesse, MDR AKTUELL-Chefreporter

Dorothea Marx
Die Chefin des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses, Marx, will weiter ermitteln lassen. Bildrechte: MDR/ Holger John

Die Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses in Thüringen, die SPD-Abgeordnete Dorothea Marx, hält es für durchaus plausibel, dass es einen rechten Pädophilen-Ring gab oder gibt. Und der das untergetauchte NSU-Trio mitfinanziert hat. Hier hakt sie mit den Mitteln des Ausschusses nach und stellt die brisante Frage, was Behörden davon wussten. "Das ist ja unser spezieller Auftrag als Untersuchungsausschuss. Und deswegen, weil wir schon die ganze Zeit gesagt haben: Wir sehen Verbindungen in den Bereich der Organisierten Kriminalität und sehen auch dort eine mögliche Verdienstquelle für den Unterhalt der drei und mögliche Unterstützer in all den Jahren. Da gucken wir noch mal genauer rein. Und dann stoßen wir möglicherweise auch auf dieses Feld."

Verfassungsschutz: kein Hinweis auf Pädophilen-Ring

Stephan J. Kramer
Stephan Kramer, Thüringer Verfassungsschutzchef Bildrechte: MDR/Sebastian Großert

Auch der Verfassungsschutz in Thüringen klopft die rechte Szene immer wieder auf Kontakte zur Organisierten Kriminalität ab. Doch Verfassungsschutz-Präsident Stephan Kramer bezeichnet den Erkenntnisstand als dünn. "Es gibt vereinzelte, sogar handfeste Bezüge. Es gibt einzelne Fälle, wo sogar gerichtlich verurteilte Rechtsextremisten im Bereich Pädophilie unterwegs gewesen sind. Jetzt aber daraus weitergehende Schlüsse zu ziehen, vielleicht sogar einen pädophilen Ring oder Netzwerke oder eine organisierte Zusammenarbeit beziehungsweise Finanzierung vielleicht von Teilen des Rechtsextremismus oder mehr - dafür gibt’s zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Hinweise!"

Wurde in der Akte Brandt etwas übersehen?

Ein Beispiel: Tino Brandt, Mitbegründer des sogenannten Thüringer Heimatschutzes und Vertrauter des NSU-Trios, sitzt mittlerweile wegen Kindesmissbrauchs in Haft. Er wurde wegen Sexualdelikten in 66 Fällen zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Zudem hat er Kinder zur Prostitution gezwungen. Und Tino Brandt war V-Mann des Verfassungsschutzes. Dorothea Marx will nun wissen, ob die Behörde nicht doch davon wusste.

Auch über den Zuhälterring für rumänische und bulgarische Jungen, an dem der Thüringer Neonazi beteiligt gewesen sein soll. "Wir merken, dass die Landesregierung nicht so richtig euphorisch ist bei unserem Vorhaben, uns mit der Organisierten Kriminalität zu befassen. Weil wir natürlich nicht nur über die V-Leute des Verfassungsschutzes etwas wissen wollen, sondern auch über die V-Personen, die Ermittler, die Bezugspersonen des Landeskriminalamtes. Da kommt nicht nur Freude auf. Das wäre behördliches Mitwissen in einem sehr extrem kritischen Bereich."

Von behördlichem Mitwissen will im Haus Kramer natürlich niemand etwas wissen: "Ich warne da vor zu großen Hoffnungen, was den Teil des Thüringer Amts für Verfassungsschutz angeht. Schlicht und ergreifend, weil wir keine weitergehenden Informationen haben, als die, die wir schon gegeben haben."

Seltsame Zusammenhänge

Doch der Untersuchungsausschuss wird nicht locker lassen. Er lässt sich jetzt die Prozessakten Tino Brandt kommen. Und will, soweit möglich, die Aktennotizen und Protokolle zu V-Leute-Einsätzen sowohl des Landeskriminalamtes, als auch des Verfassungsschutzes einsehen. Auch dessen Präsident Kramer will, dass mit frischem Blick auf möglicherweise bislang übersehene Verbindungen geschaut wird. Etwa den seltsamen Zufall, dass der Thüringer Neonazi, der dem NSU-Trio die Ceska Mordwaffe besorgt haben soll, nahe Peggys Fundort eine Jagdhütte unterhielt.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im Radio | 02.01.2016 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Januar 2017, 05:00 Uhr

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16 Kommentare

03.01.2017 08:10 Plasma 16

"....nicht locker lassen"
Genau so !

02.01.2017 18:14 Wo geht es hin? 15

@Steiner - Zitat von Ihnen:"Weshalb wohl hat Zschäpe ausgerechnet diesen "Verteidiger" ausgewählt........" Zitat Ende. Das müssen Sie Zschäpe schon selber fragen.

02.01.2017 17:46 HERBERT WALLASCH, Pirna 14

AN @2-Richard Rumbold: Alles ist politisch oder kann dazu gemacht werden oder eben nicht. Tino Brandt wurde erst 13Jahre nach seiner Enttarnung verurteilt. Was wurde in dieser Zeit nicht alles vertuscht, beschönigt, kleingeredet, abgelenkt u.s.w., deshalb auch sich mal bei "Wikipedia" über Tino Brandt informieren und seine Hintermänner. Typisches Beispiel ist Belgien vor Jahren, wo Beweismaterial von Ermittlungsbehörden vernichtet wurde, weil politische Amtsträger womöglich auch Täter waren, Moral ist so beliebig auslegbar.

02.01.2017 17:11 Steiner 13

Einer der Verteidiger von Zschäpe arbeitete in den 1990ern nach eigenen Angaben zwei Jahre lang in der Kanzlei des Münchner Star-Verteidigers Rolf Bossi mit, bevor er 1997 seine eigene Kanzlei eröffnete. Schlagzeilen allerdings hat er im Gegensatz zu Bossi bislang eher wenig gemacht, zu seinen Mandanten gehörten unter anderem Juwelenräuber, Taschendiebe, Pädophile und – zuletzt – „Johnny Sado“, der im Internet nach Partnern für perverse Sexspiele suchte. Weshalb wohl hat Zschäpe ausgerechnet diesen "Verteidiger" ausgewählt........ Das wird man ja mal fragen dürfen, um im verwahrlosten rechtsradikalen Jargon einer evtl. "Klärung" nachzugehen.

02.01.2017 14:36 Krause - "ich bin ja ein Nazi, aber" 12

'Bisher keine Hinweise' heißt ja eben auch nur das!

Eile mit Weile! Für 66fachen Kindesmißbrauch fünfeinhalb Jahre Haft?
Kinder werden bei uns zu wenig geschützt.

02.01.2017 14:18 Merlin 11

Bei der Edathy-Affäre und dem Fall Linus Förster kam die Sache doch auch erst ins rollen als wirklich Beweise greifbar waren!Woran liegt es??

02.01.2017 13:53 two 10

Man wird schon eine für alle Beteiligten passende Lösung finden. Mittlerweile bin ich mir nicht mal sicher, ob überhaupt wenigstens noch die jeweiligen Tagesdaten der Ereignisse korrekt sind, so hat man das alles schon durcheinandergewirbelt.

02.01.2017 12:29 Wo geht es hin? 9

@Reiner Arndt - Zitat von Ihnen:"Wer hatte am lautesten gebrüllt: "Todesstrafe für Kinderschänder"? Vielleicht sollte der den Rechten verhasste "Systemstaat" jetzt endlich die o.g. Forderung aufgreifen?" Zitat Ende. Haben Sie in Erwägung gezogen, dass sich dann eventuell auch Mitglieder des - Zitat von Ihnen: "Systemstaates" - in der imaginären Todeszelle befinden könnten und allein schon deshalb Ihre Erwägung zum Scheitern verurteilt ist?

02.01.2017 11:35 Reiner Arndt 8

Eine andere Frage: Wer hatte am lautesten gebrüllt: "Todesstrafe für Kinderschänder"? Vielleicht sollte der den Rechten verhasste "Systemstaat" jetzt endlich die o.g. Forderung aufgreifen?

02.01.2017 11:16 walter 7

An MDR komisch, ihre Schlagzeile klang vor 2 Std noch reißerischer.
Wieso so ein Artikel auf Grundlage der Aussage Frau Marx hält etwas für durchaus plausibel.
Hieß es nicht in Berlin, Ermittlungen abwarten, keine Vorverurteilungen, ... Da war schon eine Person verhaftet, da sprachen einige Medien immer noch von Möglichkeiten eines Unfalles.
Ich halte es mit @1. In dem gesamten Sachverhalt NSU stinkt so viel bis ganz nach oben, da sind solche Ablenkungen nur gewollt.
Wir werden sowieso nie alles erfahren.