Untersuchung
Ein Arzt untersucht einen Patienten, der Schluckbeschwerden hat Bildrechte: MDR/Karsten Möbius mit Genehmigung Dysphagiezentrum Annaberg-Buchholz

Netzwerke bieten Hilfe an Millionen Deutsche leiden an Schluckstörungen

Elke Wagner aus Salzbrügge in der Nähe des sächsischen Freiberg hat an MDR AKTUELL eine nur scheinbar sehr speziellen Frage: "Mein Mann hat einen schweren Verkehrsunfall mit Schädel-Hirntrauma erlitten. Er hat jetzt eine schwere Schluckstörung. Er ist jetzt mit der Begründung entlassen worden, er wird nicht mehr schlucken können. Wohin kann ich mich wenden, um diese Schluckstörung behandeln zu lassen?"

von Karsten Möbius, MDR AKTUELL

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Ein Arzt untersucht einen Patienten, der Schluckbeschwerden hat Bildrechte: MDR/Karsten Möbius mit Genehmigung Dysphagiezentrum Annaberg-Buchholz

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dem Mann von Frau Wagner geholfen werden kann, auch wenn die Diagnose wenig Hoffnung lässt. Hilfe bieten sogenannte Dysphagie-Netzwerke, die sich auf Schluckstörungen spezialisiert haben. Das Netzwerk Südsachsen leitet Mirko Hiller, er ist Logopäde und hat Neuro-Rehabilitation studiert: "Dieser Fall ist kein seltener Fall und auch kein Extremfall. Leider Gottes kommen sehr oft Therapeuten und Betroffene zu uns mit der Aussage, uns wurde gesagt, das wird nicht wieder."

Mann wurde fünf Jahre durch einen Schlauch ernährt

Mirko Hiller, Leiter des Netzwerkes Dysphagie Südsachsen
Mirko Hiller, Leiter des Netzwerkes Dysphagie Südsachsen Bildrechte: Karsten Möbius mit Genehmigung Dysphagiezentrum Annaberg-Buchholz

Schätzungsweise acht Millionen Menschen leiden in Deutschland unter einer Schluckstörung: mehr als es Diabetiker gibt. Meist treten Schluckstörungen als Folge eines Unfalls, eines Schlaganfalls oder von neurodegenerativen Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer oder Multipler Sklerose auf. Mirko Hiller schildert einen Fall, den er vor kurzem erlebt hat. Dabei geht es um einen jungen Mann, der fünf Jahre nichts gegessen hatte und nur durch einen Schlauch ernährt wurde: "Der Patient wurde dann mit einer Schluckröntgen-Untersuchung von mir untersucht und wir stellten mit verschiedenen Konsistenzen, zum Anfang sehr vorsichtig, dann gingen wir etwas mutiger voran, fest, dass der Patient einen effizienten Schluckakt hat."

Zwei Tage später, sagt Mirko Hiller, aß der junge Mann Kartoffelbrei mit Fischstäbchen. Nach nur einer einzigen Untersuchung, die vorher nie stattgefunden hat. Bei dieser speziellen Schluck-Röntgen-Untersuchung kann festgestellt werden, was genau beim Schlucken nicht funktioniert, welcher der etwa 100 beteiligten Muskeln nicht richtig arbeitet. Wenn man das weiss, dann kann entschieden werden, was zu tun ist.

Patienten ersticken an ihrem Speichel

Dann kommt zum Beispiel Logopäde Roy Eike ins Spiel. Er kann zwar die Ursachen der Schluckstörungen nicht beseitigen. Er kann aber helfen, dass das Schlucken wieder halbwegs funktioniert: "Also ausgehend von der Grunderkrankung und den Fähigkeiten des Patienten kann man schon davon ausgehen, dass durch verschiedene Schluckmanöver, durch verschiedene Techniken, ein relativ schnelles, gutes Schlucken wieder möglich ist."

Roy Eike, Logopäde in Freiberg und Mitglied im Netzwerk Dysphagie
Roy Eike, Logopäde in Freiberg und Mitglied im Netzwerk Dysphagie Bildrechte: Karsten Möbius mit Genehmigung Dysphagiezentrum Annaberg-Buchholz

Zu den gerade entstehenden Netzwerken gehören Hausärzte, HNO-Spezialisten, Neurologen, Radiologen bis hin zu den Logopäden. Über 200 gibt es schon im Dysphagie-Netzwerk Südsachsen. Ärzte und Therapeuten, die sich so organisieren, kennen sich besonders gut mit Schluckstörungen aus und behandeln sie als das, was sie sind: lebensgefährliche Krankheiten. Denn viele sterben nicht am Schlaganfall oder an ihrer Demenz, sondern ersticken oder erliegen ihrer chronischen Lungenentzündung. Durch das falsche Verschlucken von Nahrung, sagt Mirko Hiller: "Gerade Tumorpatienten, das ist ein ganz markantes Beispiel. Patienten überleben ihren Tumor, die Bestrahlung und die Operation. Sterben dann aber an den Folgen einer Schluckstörung, an einer Mangelernährung und an dem chronischen Ersticken an ihrem Speichel."

Ärzte-Ausbildung ungenügend

Viele Schluckstörungen würden nicht richtig diagnostiziert und somit auch nicht richtig behandelt, beklagt Mirko Hiller. So wie bei dem geschilderten Fall mit dem jungen Mann. Oft gingen die Ärzte auf Nummer sicher und setzten auf Ernährung durch den Schlauch.

Grund dafür sei, dass Schluckstörungen kaum eine Rolle bei der medizinischen Ausbildung spielten. Oft kämen Patienten aus mehreren hundert Kilometer Entfernung zu ihm nach Aue sagt Mirko Hiller. In seinem Wartezimmer säßen Menschen von Ost-Friesland bis Bayern, sagt er. Im Moment entstehen bundesweit, auch unter Mithilfe von Mirko Hiller, Netzwerke zur Behandlung von Schluckstörungen.

Zuletzt aktualisiert: 27. Juni 2016, 05:00 Uhr

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1 Kommentar

27.06.2016 07:53 Lisa 1

Halsbrücke lieber MDR nicht Salzbrügge.