Einkaufen mit Selbstscanner
Kunden scannen die Einkäufe per Handgerät im Geschäft oder scannen und bezahlen hinterher an der SB-Kasse. Bildrechte: MDR/Florian Barth

Service oder Raubbau? Kosten Selbstscanner-Kassen im Einzelhandel Arbeitsplätze?

Gibt es in zwanzig Jahren noch Kassenpersonal in Supermärkten und anderen Läden? Schwer zu sagen. Fakt ist aber: Schon heute sind in einigen Geschäften Kassiererinnen und Kassierer überflüssig. Nämlich in solchen Geschäften, die die Kunden ihre Ware selbst scannen lassen. MDR-AKTUELL-Hörer Nico Petri sieht diese Entwicklung kritisch. Er möchte wissen, ob dadurch nicht massenhaft Arbeitsplätze im Einzelhandel gefährdet sind. Wir sind der Frage nachgegangen.

von Florian Barth, MDR AKTUELL

Einkaufen mit Selbstscanner
Kunden scannen die Einkäufe per Handgerät im Geschäft oder scannen und bezahlen hinterher an der SB-Kasse. Bildrechte: MDR/Florian Barth

"Selbst Scannen und Zeit sparen", damit wirbt ein Supermarkt im thüringischen Hermsdorf. Die Idee: Mit mobilen Lesegeräten shoppen gehen, die Ware direkt am Regal einscannen und ab damit in den Korb. Am Ende der Einkaufstour wird der Barcodescanner ausgelesen, und der Kunde zahlt den Einkauf mit EC-Karte oder in Bar an einem Terminal. Eine Kassiererin wird nicht mehr benötigt die Kunden in Hermsdorf sind von der digitalen Einkaufswelt begeistert: "Wir hatten erst ein bisschen Hemmungen. Wir dachten, vielleicht ist das zu kompliziert. Aber jetzt haben wir das inne. Ich gehe gar nicht mehr gerne ohne den Scanner hier rein. Selbst wenn ich wenig hole, mache ich das lieber über den Scanner."

Noch sind es nur wenige

In Deutschland gibt es bis heute gerade 180 Geschäfte in denen, man SB-Kassen nutzen kann. Dennoch hat jeder fünfte deutsche Kunde schon einmal an Selbstscannerkassen seinen Einkauf bezahlt. Der Großteil, um Zeit zu sparen. Was der Kunde nicht weiß: Er braucht beim Selberscannen bis zu viermal länger als eine erfahrene Kassiererin. Das sagen Fachleute und ganz ohne Betreuungspersonal funktioniere es auch an den Selbstbedienungskassen nicht, weiß Kassenleiterin Annet Deibicht vom Globusmarkt Hermsdorf: "Leergutbons oder bestimmte Rabatte sind dort nicht erkennbar. Da brauchen wir Personal. Und auch am Wochenende bei den Familieneinkäufen müssen es zwei Kassiererinnen sein, eine ist zu wenig."

Für das kommende Weihnachtsgeschäft sollen in Hermsdorf zwei weitere Kassensysteme eingerichtet werden. Arbeitsplätze an normalen Supermarktkassen sollen dadurch aber nicht wegfallen: "Wir haben eine Betriebsvereinbarung, wo verankert ist, dass, keine Jobs wegfallen. Bei uns wurde aus dem Grund noch keinem gekündigt."

Verdi bleibt skeptisch

Keinen Personalabbau durch die Digitalisierung im Einzelhandel, das bezweifelt Betina Penz von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. "Wir gehen davon aus, dass die Einführung von Selbstscannerkassen Arbeitsplätze kosten wird. Das sieht man da, wo es sie schon gibt. Da wurde natürlich nicht gekündigt, aber Personal wurde auch nicht ersetzt. Eine Kassiererin ist dann für mehrere Kassen zuständig. Schon rein rechnerisch braucht man weniger Personal."

Parallelen zum Bankensektor

Einkaufen mit Selbstscanner
Alles aus einer Hand, Vorreiter war Ikea. Bildrechte: MDR/Florian Barth

Ob im Supermarkt oder in der Industrie, die Auswirkungen des technologischen Wandels werden dramatisch. Experten vermuten, dass in Deutschland durch die Digitalisierung die Hälfte aller Jobs wegfallen könnten. Bettina Penz sieht Parallelen in der Entwicklung im Einzelhandel und dem Bankensektor: "Als die Terminals vor etlichen Jahren eingeführt wurden, hieß es auch, es koste kein Personal. Mittlerweile hat man in kaum einer Bank noch eine Kassiererin. Da sehen wir quasi schon die Perspektive im Einzelhandel."

Doch verlässliche Zahlen ob und wie viele Arbeitsplätze durch die Digitalisierung weggefallen, gibt es nicht. Auf Nachfrage teilte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales  mit, dass dem Ministerium keine Daten vorliegen, wie die Einführung der SB-Kasse den Arbeitsmarkt verändern wird. 

Arbeitslosigkeit niedrig trotz Digitaltechnik

Erik Maier, Professor für Handelsmanagement an der Handelshochschule Leipzig, widerspricht der Gewerkschaft Verdi und ist sich sicher, dass die Angst vor der Digitalisierung Schwarzmalerei ist: "Ich glaube, dass die Diskussion um die Arbeitsplätze in der Digitalisierung häufig als Nullsummenspiel geführt wird. Ersetzt eine neue Technologie einen Arbeitsplatz, dann fallen Arbeitsplätze weg. Ich glaube, aber dass das mit Bezug auf die Digitalisierung im Handel zu kurz greift.

Die Jobs verschieben sich, sie sind nicht mehr so wie früher. Das heißt aber nicht, dass wir alle arbeitslos werden. Unser Arbeitslosenniveau ist heute vermutlich so niedrig wie nie trotz Digitalisierung. Arbeitsplatzabbau an der Supermarktkasse. Letztendlich hat der Kunde das letzte Wort, ob er selber scannt oder klassisch an der Kasse zahlt und damit möglicherweise Arbeitsplätze sichert.

Einkaufen mit Selbstscanner
Mitunter ist bei der Selbstscanner-Kasse noch Hilfe einer Kassierin nötig. Bildrechte: MDR/Florian Barth

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 11.10.2017 | 05:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2017, 15:37 Uhr

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10 Kommentare

11.10.2017 22:35 Ureinwohner 10

Kosten Selbstscanner-Kassen im Einzelhandel Arbeitsplätze? Ist sicherlich sehr unbestimmt. Die Überschuldung vieler Meschem wird dagegen ansteigen ,weil den einfachen Charakteren der Überblick über Ihre Kontenstände völlig verloren geht. Schuldnerberaten kennen das Problem.

11.10.2017 21:36 NRW-Wessi 9

Prinzipiell gehe ich nur in Geschäfte, in denen es herkömmliche Kassen mit Personal gibt. Des Weiteren zahle ich ausschließlich bar.
Der Kunde ist durch Boykott sehr mächtig. Nur leider ist vielen Konsumenten die vermeintliche und kurzfristig gedachte Bequemlichkeit wichtiger. Um die Arbeitsplatzzerstörung und die drohende Bargeldabschaffung zu verhindern, kann ich nur JEDEM empfehlen, die Selbstscanner-Kassen und die elektronischen Zahlung bewusst zu meiden.
Schweden, teilweise aber auch Dänemark und die Niederlande sind diesbezüglich für mich abschreckende Beispiele.

11.10.2017 13:11 insider 8

@6: Da bin ich 100% Ihrer Meinung. Durfte meine Erfahrungen mit der Profitmaximierungsmaschine bei Ikea in Erfurt machen. Da fühlt man sich dann als Kunde wie ein Leiharbeiter ohne Lohn. Nicht nur das es zu Stoßzeiten und bei nicht so technisch afinen Leuten zu langen Wartezeiten kommt. Wehe Sie haben eine Frage oder nen Produkt 2 mal eingescant. Dann beginnt das Chaos. Sympathische Aussendarstellung eines Unternehmens sieht anders aus. Seitdem halte ich es wie @ 6. Es gibt auch noch andere Möglichkeiten seine Produkte zu bekommen. Da wird man ja selbst im Onlinehandel als Kunde mehr wertgeschätzt.

11.10.2017 09:56 Katharina 7

Schreckliche, falsche Setzung der Kommas, vielleicht lassen Sie mal jemanden Korrektur lesen?

11.10.2017 09:35 David 6

Und wo ist der Vorteil für mich? Ich brauche - laut Artikel - 4x länger und bezahle doch den gleichen Preis. Und die Beratung fällt auch weg - so wie die Arbeitplätze, wenn auch nicht gleich.
Der Laden wird damit nur eines: mehr Gewinn machen - auf meine Kosten!
Nein, Danke! Habs probiert - und werde es nie wieder tun.

11.10.2017 08:46 frank r. 5

Schön wie sich Menschen benutzen lassen, ich selber mache doch nicht die Arbeit für das Unternehmen. Manchmal wird auch nur eine Kasse aufgemacht, damit die Menschen doch an diese Arbeitplatzvernichter gehen. Ich stehe trotzdem an der Kasse, und warte bis ich an der Reihe bin, mir egal.

11.10.2017 08:27 Spottdrossel 4

Na toll, die totale Überwachung! Dann heisst es beim nächsten Arztbesuch: Die Behandlungskosten zahlen sie selbst, bei ihrem ungesunden Lebensmittelwarenkorb.

11.10.2017 08:24 Markus 3

Schon jetzt ist es manchmal schwierig, in Geschäft jemand zu finden, der Fragen bzg. Ware beantworten kann. Ich kann es mir schlecht vorstellen, so ein Geschäft, wo die Kunden alles selber machen und der Besitzer nur Gewinn kassiert. Dann lieber alles gleich bei Amazon kaufen.

11.10.2017 07:35 Nur so geht's 2

Dann werden manche gar keinen Kontakt zu Menschen mehr haben, z.B. Smartphonhasser, alte Menschen etc. Ein Gespräch an der Kasse war für manche lebensnotwendig.
So steigen dann die Kosten im Gesundheitswesen wegen Depressionen, dementen Erkrankungen (die haben ihre Ursache sehr oft in Kontaktlosigkeit).
Warum sieht in der kapitalistischen Wirtschaft eigentlich jeder nur "sein" Stück vom Kuchen? Wenn alle gemeinsam "einen guten" Kuchen backen, ist allen geholfen und es gibt nicht mehr Arm und Reich.

11.10.2017 07:28 Sven Bahn 1

Schönes Beispiel von einseitiger Berichterstattung!
"Was der Kunde nicht weiß: Er braucht beim Selberscannen bis zu viermal länger als eine erfahrene Kassiererin." wird als einziger Unterschied herausgestellt. Was ich allerdings auch anzweifle als überzeugter Scan&Go-Nutzer!
Aber dass man es sich spart den vollen Einkaufswagen an der Kasse komplett auszuräumen und auf das Band zu packen, nur um es kurz danach wieder in den Wagen einzuräumen wird nicht erwähnt. Rechnet allein mal die Zeit dazu!
Auch das man sich das lange Schlangestehen an den Kassen spart und sofort bezahlen kann, wird nicht erwähnt.
Nur dass die Kassiererinnen in den nächsten Jahren ein paar Arbeitsplätze verlieren könnten wird kritisiert!

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