Händeldenkmal und Marktkirche in Halle.
Händeldenkmal und Marktkirche in Halle. Bildrechte: MDR/Daniela Höhn

Straftat oder "beste Werbung"? Darf man bei Stadtführungen kurz heimlich mithören?

Es klingt nach einer Provinzposse: Ein Ehepaar trift bei einem Besuch in Quedlinburg auf eine nächtliche Stadtführung. Ein paar Sekunden stellten sie sich dazu, da beschimpft sie der Stadtführer. Der Vorfall schlägt Wellen. Der Veranstalter meint, die beiden hätten eine Dienstleistung "erschlichen". Ist es aber wirklich strafbar, wenn Touristen einer Stadtführung lauschen, die sie nicht gebucht und bezahlt haben? Wir haben in Halle nachgefragt.

von Anne Sailer, MDR AKTUELL

Händeldenkmal und Marktkirche in Halle.
Händeldenkmal und Marktkirche in Halle. Bildrechte: MDR/Daniela Höhn

Beate Krause ist Stadtführerin in Halle an der Saale. Dass sie ihre Arbeit liebt, merkt jeder sofort. Die quirlige blonde Frau ist geprüfte Gästeführerin und im Bundesverband der Stadtführer organisiert. Oberstes Gebot dort: Der Gast ist König. Dass sich andere Leute kurz mal zu einer Führung gesellen, sei eigentlich bei fast jeder Führung üblich, so Krause. Allerdings habe sie damit keine Probleme - im Gegenteil.

Wenn die Gäste danach sagen: So eine Stadtführung, die will ich für mich auch haben, ist das doch das Beste, was passieren kann.

Beate Krause, Stadtführerin Halle

Kurz zuhören ist keine Straftat

Ein Problem: Der "Gästeführer" ist keine geschützte Bezeichnung, jeder kann sich so nennen. Aber nicht jeder findet den richtigen Ton im Umgang mit ungebetenen Gästen. Beate Krause schon und sie weiß: Kurz zuhören bei einer Führung ist keine Straftat und bringt zudem möglicherweise auch neue Kunden. "Wenn jemand länger bei einer Stadtführung mitgeht, dann ist es natürlich schon so, dass andere Gäste dafür bezahlen," meint Krause. Sie spreche die nicht zahlenden Gäste immer positiv an und lade sie zu Führungen ein, sofern das für sie möglich sei. 

Geprüfte Gästeführer treffen leichter den richtigen Ton

Geprüfte Gästeführer haben eine sehr umfangreiche Ausbildung, erklärt Beate Krause. Insgesamt drei Kommunikationsseminare mit rund 600 Stunden gehörten in die Ausbildung zum Geprüften Gästeführer. Das sei an der Qualität der Führungen auch zu spüren, so Krause.

Stadtführungen für jeden Geldbeutel

In Halle ist das Stadtmarketing für Stadtführungen zuständig. Die Angebotspalette ist groß – sich eine Stadtführung zu erschleichen aus Sicht von Pressesprecherin Isabel Hermann also nicht nötig. Die Angebote begännen ab drei Euro, damit könnte man auf die Hausmannstürme steigen. Ein Altstadtbummel koste acht Euro, ermäßigt sechst Euro.

Allgemein denke ich, ist eigentlich für jeden Geldbeutel ein passendes Angebot dabei. Also wir würden nie irgendjemanden abweisen und haben tolle Angebote, um die Stadt zu zeigen.

Isabel Hermann, Pressesprecherin Halle/Saale

Mehr Touristen in Mitteldeutschland

Dabei gilt das Gleiche sicherlich für viele Städte in Mitteldeutschland, die sich übrigens über immer mehr Touristen freuen dürfen. Nicht zuletzt das Lutherjahr hat dafür gesorgt, dass immer mehr Menschen aus aller Welt kamen und einige sicher auch wieder kommen. Ein Vorfall, wie der in Quedlinburg, wird hoffentlich ein Einzelfall bleiben.   

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 07.01.2017 | 05:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Dezember 2017, 08:20 Uhr

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11 Kommentare

07.12.2017 19:43 @ 8, Fenris 11

Vielleicht sollte man mal die Definition des "nichtöffentlichen Wortes" geregelt in §201 StGB in Betracht ziehen.

Handelt es sich um eine zahlende Personengruppe, so handelt es sich hier um einen abgegrenzten Personenkreis, egal wo er sich aufhält.

Öffentlich ist dagegen der "Billige Jakob" auf der Kirmes, welcher sein Wort an alle, die daherkommen, richtet. Da wird nicht eingegrenzt auf einen bestimmten Personenkreis.

07.12.2017 19:30 @ 8, Fenris 10

Danke für Ihren Hinweis, Sie haben vollkommen Recht!

Stadtbusse bewegen sich auch im öffentlichen Raum, sie fahren auf Straßen, wofür wir Steuer zahlen. Daher werde ich in Zukunft kein Ticket mehr lösen.

07.12.2017 19:30 @ 8, Fenris 9

Danke für Ihren Hinweis, Sie haben vollkommen Recht!

Stadtbusse bewegen sich auch im öffentlichen Raum, sie fahren auf Straßen, wofür wir Stuer zahlen. Daher werde ich in Zukunft kein Ticket mehr lösen.

07.12.2017 19:13 Fenris 8

Wenn eine Stadtführung im öffentlichen Raum stattfindet, spielt es überhaupt keine Rolle, ob da einer eine Führung gibt und ich zuhöre. Der Steuerzahler bezahlt die Instandhaltung des öffentlichen Raums, deshalb hat auch eine gewerbliche Stadtführung ihre Einnahmen zu versteuern. Wer nicht will, dass man ihm zuhört, muss sich dann schon in privaten Bereich bewegen.

07.12.2017 18:53 @ 4, Norbert 7

"stellt sich die Frage, wie will man an Ort und Stelle, möglichst ohne Aufsehen, dieses Verbot duchsetzen?"

Na, das ist doch einfach:
zuerst den Zaungästen mal ordentlich ins Gewissen reden, ob das in Ordnung ist sich einfach dazu zu stellen, wofür andere bezahlt haben. Eventuell auch spaßig: "Sie können gern noch ein Ticket lösen ..."

Falls das nicht hilft: als Stadtführer erst weitermachen, wenn die Zaungäste gegangen sind. Wenn bis dahin alle Augen der anderen auf die Zaungäste schauen, da steigt schon der (Gruppen-)Druck ....

07.12.2017 18:20 Ex-Quedlinburger 6

Ich habe zwei jahre in Quedlinburg gewohnt. Der menschliche Umgang ist dort nun mal "eigenartig" und entspricht dem, wie im Artikel beschrieben.

07.12.2017 16:02 Historiker 5

Geprüfte Gästeführer haben für ihre Ausbildung bezahlen müssen und wurden von der IHK nach einer Prüfung bestätigt.
Ihre Führung ist eine zu bezahlende Leistung. Kurz stehenbleiben und kurz zuhören ist möglich. Aber weder die Teilnahme an einer Führung ohne Bezahlung noch das Angebot einer selbst gestalteten Führung gegen Bezahlung (Schwarzarbeit) sind gestattet. In vielen Städten ist auch eine Führung durch Ortsfremde untersagt und wird geahndet.

07.12.2017 15:26 Norbert 4

Selbst wenn es verboten wäre, sich einer Gästeführung "heimlich" anzuschließen, stellt sich die Frage, wie will man an Ort und Stelle, möglichst ohne Aufsehen, dieses Verbot duchsetzen?
Allerdings finde ich es auch unverschämt, sich eine Leistung kostenlos zu erschleichen.
Wenn ich aber unvermittelt an einem Ort vorbei käme und so für einen Moment den Erläuterungen eines Gästeführers zuhören könnte, würde ich es wahrscheinlich auch tun.

07.12.2017 15:14 Hannchen 3

Die Reaktion des Staftführers hätte mich als Tourist im Artikel dazu bewogen, künftig die Stadt zu meiden. Gastfreundschaft sieht anders aus. Wer hat eigentlich einen Schaden erlitten?

07.12.2017 12:22 Rayk Bauer 2

Wir waren am Freitag den 01.12.17 in Quedlinburg auf dem Weihnachtsmarkt dort war auch gerade eine Führung .Bei dem Gedränge und den vielen Menschen dort musste man zuhören ob man das wollte oder nicht . MfG