Ein Ferkel
Wie das neue Ferkelschutzgesetz genau umgesetzt werden soll, ist noch unklar. Bildrechte: Colourbox.de

Tierschutz Supermärkte verbannen Fleisch kastrierter Schweine aus dem Regal

Zum neuen Jahr treten immer zahlreiche Neuregelungen in Kraft: Einige sind einschneidend, andere dagegen bemerkt man kaum. Zu letzterer Kategorie dürfte die Ankündigung einiger großer Supermarkt-Ketten wie Aldi und Rewe gehören. Sie werden ab 2017 nämlich kein Fleisch mehr von unbetäubt kastrierten Schweinen anbieten. Von kastrierten Schweinen haben Sie noch nie gehört? Wir haben nachgefragt, was es mit der sogenannten Ferkelkastration auf sich hat.

von Kristin Kielon, MDR AKTUELL

Ein Ferkel
Wie das neue Ferkelschutzgesetz genau umgesetzt werden soll, ist noch unklar. Bildrechte: Colourbox.de

Sie sind klein, rosa und noch ziemlich niedlich: Doch schon droht den männlichen Ferkeln ein blutiger Schnitt. Die Kastration der Tiere sei seit Jahren gang und gäbe, erzählt der emeritierte Professor der Tierärztlichen Hochschule Hannover und Vorsitzende der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz, Thomas Blaha: "Männlichen Ferkeln wurden sehr früh nach der Geburt die Hoden entfernt, chirurgisch und ohne Betäubung. Man ging davon aus, dass das die Ferkelchen nicht so schlimm empfinden. Nach kurzer Zeit hopsen sie auch wieder ganz friedlich herum. Das haben wir aus einem Grund getan: Weil heranwachsende männliche Schweine, wenn sie in die Pubertät kommen, einen Geruch im Fleisch entwickeln."

Drei Alternativen zur Kastration

Ein Hormon sorgt dafür, dass das Fleisch beim Erhitzen einen unangenehmen Urin-Geruch bekommt. Doch mit modernen Tierschutz-Vorschriften ist die Praxis nicht zu vereinbaren. Deshalb ist es ab 2019 auch gesetzlich verboten, Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren. Darauf müssen sich Landwirte und Schlachthöfe einstellen und nach Alternativen suchen. Davon gebe es drei: Betäubung vor der Kastration, Verzicht auf Kastration männlicher Ferkel und eine Impfung, die Antikörper gegen das geruchverursachende Hormon erzeuge.

Pubertät ist große Herausforderung

Thomas Blaha blickt am 29.11.2012 in Hannover (Niedersachsen) in die Kamera. Der Staat könnte mehr für den Tierschutz in deutschen Ställen tun, sagt der Tiermediziner Blaha
Tiermediziner Thomas Blaha Bildrechte: dpa

Alle diese Methoden haben Vor- und Nachteile. In großen Betrieben ist eine Betäubung aufwändig und teuer. Doch auch ein Verzicht auf die Kastration stelle die Halter vor Herausforderungen, meint Blaha. So müssten die Jung-Eber getrennt von den Säuen gehalten und intensiv beobachtet werden. Denn das große Problem sei, sagt Veterinär Thomas Blaha: "Dass die männlichen Tiere, wenn sie in die Pubertät kommen, dasselbe machen wie Jungen auf dem Schulhof: Sie werden rüpelig und fangen ausgeprägte Rangkämpfe an. Das wollen wir eigentlich nicht, weil die Tiere dadurch Schmerzen erleiden und Schäden davontragen können."

Fleisch der "Stinker" wird kein Steak

Diese Aufgabe könnte viele Bauern überfordern, befürchtet Blaha. Und auch seitens der Schlachthöfe zeichnet sich Überforderung ab. Denn nur die großen Schlachtkonzerne können es sich leisten, den Erzeugern Jungeber abzukaufen. Für kleine Schlachthöfe sei der Aufwand zu groß, heißt es. "Am Schlachtband stehen Menschen, die entsprechend geschult sind. Sie versuchen herauszufinden, welcher Schlachtkörper unangenehm riecht. Sie werden in die Verarbeitungsware gegeben und nicht als Rohfleisch verkauft."

Aus den sogenannten Stinkern wird dann Wurst. Denn qualitativ ist das Fleisch genauso gut wie normal riechendes. Doch das alles wäre eigentlich gar nicht notwendig: Die Tierärzteschaft bevorzugt nämlich aus Tierschutzgründen die Impfung gegen das Stinke-Hormon, die sogenannte Immunokastration. Doch laut einer Studie des QS-Wissenschaftsfonds misstrauen die Verbraucher ausgerechnet dieser Methode am meisten.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im Radio | 02.01.2016 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Januar 2017, 05:00 Uhr

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4 Kommentare

02.01.2017 13:43 4711 4

Woran erkennt man Schweinefleisch, das die Ferkel ohne Betäubung kastriert wurden?

02.01.2017 12:01 Klartexter 3

Die Kastration ohne Betäubung, die wird verboten, die Schächtung von Tieren, also das Öffnen der Halsschlagadern, ohne Betäubung nicht. Vielleicht sollte man die Kastration von männlichen Ferkeln, ohne Betäubung auch als religiöses Gebot erheben. Der Irrsinn in diesem Land und der EU übertrifft sich immer wieder selbst.

02.01.2017 11:20 Brennabor 2

Vielleicht eine Lösung: Bitte eßt doch nur noch einmal
im Monat Fleisch oder Wurst !!!

02.01.2017 07:50 HERBERT WALLASCH, Pirna 1

Wenns ums Geschäft geht, sind schon wieder zig Hintertüren angelehnt um diese eventuell zu nutzen.