Ein Aufkleber «Für Verkehrssicherheit - 0 Punkte in Flensburg» hängt an einem Arbeitsplatz im Verkehrszentralregister.
Eine Mitarbeiterin der Abteilung "Fahreignungsregister" beim Kraftfahrtbundesamt in Flensburg: Null Punkte sind das Ziel. Bildrechte: dpa

60 Jahre Verkehrssünderkartei Zwischen Volkszorn und Volkserziehung

Die rote Ampel, die genommene Vorfahrt und der übersehene Blitzer sind die Klassiker: Sie landen täglich bei den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Fahreignungsregisters in Flensburg. Wer dort zu viele Punkte gesammelt hat, muss den Führerschein abgeben - zumindest für eine Weile. Doch wie kam es überhaupt zu dieser Einrichtung?

von Carolin Voigt, MDR AKTUELL

Ein Aufkleber «Für Verkehrssicherheit - 0 Punkte in Flensburg» hängt an einem Arbeitsplatz im Verkehrszentralregister.
Eine Mitarbeiterin der Abteilung "Fahreignungsregister" beim Kraftfahrtbundesamt in Flensburg: Null Punkte sind das Ziel. Bildrechte: dpa

Flensburg liegt an der Ostsee. Flensburg hat ein ganz eigenes Klima. Ein Klima, das für Akten überhaupt nicht gut ist. Das war am Anfang der Verkehrssünderkartei ein echtes Problem. Das Verkehrszentralregister (VZR), wie es damals noch hieß, war nämlich direkt an der Förde untergebracht - zuerst in einer Kaserne, dann in einem Hafengebäude. Gottfried Swoboda, langjähriger Mitarbeiter beim Kraftfahrtbundesamt, erinnert sich:

Hinzu kam die exponierte Lage des neuen Dienstsitzes in der Bonte-Kaserne direkt an der Förde, mit einer relativ hohen Luftfeuchtigkeit und den entsprechenden Auswirkungen im Bereich der damaligen Lochkartenstelle des Amtes.

Gottfried Swoboda, KBA-Mitarbeiter 1952-1985

Es habe damals viel geregnet, so Swoboda. Und für die aus Bielefeld umgesiedelten Mitarbeiter des Kraftfahrtbundesamtes sei das Klima in Schleswig-Holstein zunächst ungewohnt gewesen. Das mit der Feuchtigkeit und den Akten haben die rund 300 Mitarbeiter damals doch irgendwie hinbekommen. Und ab 1965 konnten sich die Datensammler vom KBA in einem eigenen Gebäude niederlassen, das auch ein Stück weiter weg steht vom Wasser.

Wirtschaftswunder - Unfallzeit

Mit dem Wohlstand kam in der alten Bundesrepublik auch die Motorisierung. Immer mehr Menschen leisteten sich ein Kfz oder ein Motorrad. Besaßen 1950 elf von 1.000 Deutschen ein Auto, waren es acht Jahre später bereits 57. Alkohol konnten sich die Bundesbürger auch wieder leisten. Die Folge: Die Unfallrate stieg. Anfang der 50er-Jahre starben in der BRD 6.000 Menschen im Verkehr, 1965 waren es bereits mehr als doppelt so viele.

Der damalige Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm (CDU) sah sich gezwungen, zu handeln. Ein Mechanismus musste her, der pädagogische Wirkung entfaltet und hilft, Rowdys aus dem Verkehr zu ziehen. Am 16. Juli 1957 war es schließlich so weit: Der Bundestag beschloss eine Änderung des Straßenverkehrsgesetzes - und damit die zentrale Sammlung von Verkehrssünderdaten. Das Verkehrszentralregister (VZR) - im Volksmund Punktekartei oder Sünderregister - war geboren.

Chronologie der Verkehrssünderahndung in Deutschland 1910 - Sammelstelle für Nachrichten über Führer von Kraftfahrzeugen (SNFK) beim Polizeipräsidium Berlin: Eingetragen wurden Informationen über Versagung, Entziehung und Wiedererteilung von Führerscheinen.

1951 - Gründung des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) in Bielefeld und Eingliederung der SNFK

1952 - Umzug des SNFK nach Flensburg

1957 - Einrichtung des Verkehrszentralregsiters (VZR) im KBA: Das VZR übernimmt alle Aufgaben des SNFK.

1958 - Das VZR wird eigenständiger Bereich im KBA

1973 - Einführung der Promille-Grenze von 0,8 (heute 0,5)

1974 - Einfühung des noch heute verwendeten Punktesystems

1986 - Start der zweijährigen Probezeit für Fahranfänger

1999 - Start für digitale Speicherung von Bußgeldbescheiden

2014 - Reform des Punktesystems und Umbenennung des VZR in Fahreignungsregister (FAER)

Die unbeleuchtete Sau

Aus der Anfangszeit des VZR halten sich hartnäckig Anekdoten, die jedoch nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden können. So berichtet Stephan Immen, Pressesprecher des KBA in Flensburg, von einer unbeleuchteten Sau, die vermutlich in den 1950er- oder 1960er-Jahren eine Straße entlanglief und den Ärger eines Mitbürgers auf sich zog. Dieser habe dann prompt eine Meldung bei der Sünderstelle in Flensburg gemacht, sagt Immen. Immer wieder gern erzählt wird laut Immen auch die Geschichte von dem Mann, der seine Punkte abholen kam und für diese einen eigenen Beutel dabei hatte.

Und dann kam die Wende

Mit der Wiedervereinigung wurden nicht nur rund eine Million Trabis in Flensburg registriert. Die Neu-Bundesländer bekamen in Dresden auch eine eigene Außenstelle des Kraftfahrtbundesamtes. Das Kraftfahrzeugtechnische Amt der DDR wurde vom KBA übernommen und der Abteilung Fahrzeugtechnik zugeordnet.

Seit 1999 wird in Flensburg auf digitale Akten umgestellt. Laut Pressesprecher Immen sind inzwischen rund 80 Prozent der Bestände digitalisiert. Gerade bei älteren Fällen werde aber noch die Papierakte aus dem Regal geholt.

Reform des Punktesystems

Die Reform des Punktesystems hat 2012 der damalige Vekehrsminister Peter Ramsauer (CSU) in die Wege geleitet. Er war der Ansicht, das Verkehrszentralregister sei "dem Menschen fremd" geworden und wollte eine Vereinfachung des Punktesystems. Dabei sollte auch weniger die Wiederholungstat als die Fahreignung im Mittelpunkt stehen.

Die Digitalisierung und die Einführung des neuen Punktesystems 2014 sind nach KBA-Angaben reibungslos verlaufen. Durch die intensive mediale Berichterstattung und zahlreiche Auftritte der Flensburger Punktesammler etwa bei Automessen seien die Verkehrsteilnehmer frühzeitig und umfassend über Änderungen informiert worden. Seit April 2014 heißt die zentrale Datei für Verkehrssünder "Fahreignungsregister" (FAER).

Wie viele Punkte für ein Vergehen fällig werden, steht im Punktekatalog. Für viele Straftaten, wie etwa Nötigung, unerlaubtes Entfernen vom Unfallort oder Trunkenheit im Verkehr gibt es drei Punkte und die Fahrerlaubnis ist weg. Bei den Ordnungswidrigkeiten reicht der Katalog von einem Punkt für nichtangepasste Geschwindigkeit bis zwei Punkten bei einem Promillewert zwischen 0,25 und 0,5. Dann wird auch ein saftiges Bußgeld zwischen 500 und 1.500 Euro fällig.

Das Punktesystem im Vergleich
alt (bis 2014) neu (seit 2014) Maßnahme
1-3 1 Vormerkung
4-5 2 Vormerkung
6-7 3 Vormerkung
8-10 4 schriftl. Ermahnung
11-13 5 schriftl. Ermahnung
14-15 6 Verwarnung
16-17 7 Verwarnung
≥ 18 8 Fahrerlaubnisentziehung

Punkteauskunft von zu Hause aus

Seit Ende 2016 lassen sich die gesammelten Punkte auch online von zu Hause aus abrufen. Wie bei anderen Bundesbehörden auch, braucht der willige Bürger dafür ein Kartenlesegerät und den onlinefähigen neuen Personalausweis. Für die Onlineabfrage muss keiner der rund 170 Mitarbeiter in Flensburg einen Finger heben - sie ist voll automatisiert.

Zeigt die Abschreckung Wirkung?

Was sich die Flensburger Behörde immer wieder auf die Fahne schreibt, ist der Rückgang der Verkehrstoten, trotz steigender Zahl von Kraftfahrzeugen.

Zu Beginn dieses Jahres waren in Deutschland fast 63 Millionen Kraftfahrzeuge zugelassen. Verkehrstote hat es nach einer Statistik des ADAC im Jahr 2016 so wenige gegeben wie noch nie: rund 3.280. Im Vergleich zu den Zahlen aus den 50er-Jahren ist das eine gute Quote. Die ist aber sicher nicht nur der Verkehrserziehung aus Flensburg zuzurechnen, sondern auch anderen verkehrspolitischen Maßnahmen und der auf Sicherheit ausgelegten Bauweise der Autobauer.

Zahl der Sünder gestiegen

Zum Stichtag 1. Januar 2017 waren in die Sünderkartei 10.100.000 Männer und Frauen eingetragen - immerhin gut 1,5 Millionen mehr als ein Jahr zuvor.

Für 2017 liegen noch keine detaillierten statistischen Daten aus den Ländern vor. Anfang 2016 liegen die mitteldeutschen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen aber bei der Zahl der eingetragenen Verkehrssünder und Verkehrssünderinnen bei einem guten Schnitt: In Sachsen waren es 376.000, in Sachsen-Anhalt 214.000 und in Thüringen 190.000. Zum Vergleich: Die meisten Eintragungen kamen aus Nordrhein-Westfalen mit 1,8 Millionen und aus Bayern und Baden-Württemberg mit jeweils rund einer Million Einträgen.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im: Fernsehen | 11.07.2017 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2017, 15:48 Uhr

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