Schüler in einem Gang
In vielen deutschen Bundesländern können Therapeuten nur reaktiv arbeiten - statt präventiv. Bildrechte: dpa

15 Jahre nach Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium Zu wenige Schulpsychologen in Mitteldeutschland

Nach dem Amoklauf von Erfurt wurden vielerorts mehr Schulpsychologen eingestellt. Doch von einem angemessenen Versorgungsschlüssel ist man offenbar noch immer weit entfernt. Sachsen ist am schlechtesten versorgt.

Schüler in einem Gang
In vielen deutschen Bundesländern können Therapeuten nur reaktiv arbeiten - statt präventiv. Bildrechte: dpa

In Mitteldeutschland gibt es zu wenige Schulpsychologen. Das hat der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen vor dem Hintergrund des Jahrestages des Amoklaufs am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt kritisiert. Dabei sei "die beste Prävention gegen Gewalt ein gutes Schulklima, und dafür sind Schulpsychologen unerlässlich", sagte Klaus Seifried, Bundesvorstand der Sektion Schulpsychologie des Verbandes, dem MDR.

Forderungen nach Amoklauf nicht erfüllt

Nach dem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium mit 17 Toten hatte der damalige Bundesinnenminister Otto Schily eine klare Forderung gestellt: "Ich bin der Meinung, dass jede Schule einen eigenen Schulpsychologen braucht." Diese Quote wird in Deutschland bis heute nirgendwo erfüllt.

Sachsen ist am schlechtesten versorgt

Sachsen ist nach den Zahlen des Psychologen-Verbandes zusammen mit Niedersachsen deutschlandweit am schlechtesten mit Schulpsychologen versorgt. Demnach sind für die Schulen im Freistaat 29 Psychologen angestellt. Das bedeutet, dass es für 15.630 Schüler nur einen Psychologen gibt.

Amoklauf von Erfurt Die Bluttat am Gutenberg-Gymnasium

Am Erfurter Gutenberg-Gymnasium erschoss im April 2002 der Schüler Robert Steinhäuser 16 Menschen. Die schreckliche Tat und die Opfer sind bis heute unvergessen. Jedes Jahr wird ihrer gedacht.

Auch am 5. Mai 2002 kommen viele Menschen zum Erfurter Gutenberg-Gymnasium, um der Opfer  des Amoklaufes vom 26. April zu gedenken und Blumen niederzulegen.  [Über den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium berichtet der MDR im Rahmen eines Thementages am 25.04.2017 in Radio und Fernsehen.]
Seit dem Vormittag des 26. April 2002 ist am Gymnasium "Johann Gutenberg" in Erfurt nichts mehr so, wie es war. An diesem Tag kommt der ehemalige Schüler Robert Steinhäuser in das Gebäude, tötet 16 Menschen und anschließend sich selbst. Das Gutenberg-Gymnasium erlangt traurige Bekanntheit als Ort, an dem ein Teenager einen schlimmen Amoklauf anrichtete. Die Treppe des Haupteingangs war einige Tage nach der Tat mit einem Blumenteppich überzogen.

(Über den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium berichtet der MDR im Rahmen eines Thementages am 25.04.2017 in Radio und Fernsehen.)
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Auch am 5. Mai 2002 kommen viele Menschen zum Erfurter Gutenberg-Gymnasium, um der Opfer  des Amoklaufes vom 26. April zu gedenken und Blumen niederzulegen.  [Über den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium berichtet der MDR im Rahmen eines Thementages am 25.04.2017 in Radio und Fernsehen.]
Seit dem Vormittag des 26. April 2002 ist am Gymnasium "Johann Gutenberg" in Erfurt nichts mehr so, wie es war. An diesem Tag kommt der ehemalige Schüler Robert Steinhäuser in das Gebäude, tötet 16 Menschen und anschließend sich selbst. Das Gutenberg-Gymnasium erlangt traurige Bekanntheit als Ort, an dem ein Teenager einen schlimmen Amoklauf anrichtete. Die Treppe des Haupteingangs war einige Tage nach der Tat mit einem Blumenteppich überzogen.

(Über den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium berichtet der MDR im Rahmen eines Thementages am 25.04.2017 in Radio und Fernsehen.)
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Erfurt (Thüringen) - In einem Fenster des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums ist am 26.04.2002 ein Zettel mit der Aufschrift 'Hilfe' angebracht.
Am Tag der Tat hatten sich viele Schüler und Lehrer in ihren Klassenräumen verschanzt. Das Handy-Netz war zusammengebrochen. Einige Schüler hatten deshalb ihren Hilferuf auf ein weißes Blatt geschrieben und an das Fenster geklebt. Bildrechte: dpa
In Deckung gehen  Polizeibeamtinnen hinter ihrem Wagen am Freitag (26.04.2002)  vor dem Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. In einem entsetzlichen Amoklauf hat ein ehemaliger Schüler  in diesem Gymnasium 17 Menschen und sich selbst erschossen
Viele Rettungs- und Einsatzkräfte waren vor Ort. Die Lage war beim Eintreffen zunächst unklar. Bekannt war nur, dass es eine Schießerei gegeben hatte. Diese beiden Polizistinnen suchten hinter ihrem Wagen Schutz vor möglichen Geschossen. Bildrechte: dpa
Eine Tür aus dem Erfurter Gutenberg-Gymnasium mit Einschusslöchern.
In der Schule hatte Robert Steinhäuser gezielt Lehrer erschossen. Er feuerte auch auf verschlossene Türen. Bildrechte: IMAGO
Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium
Steinhäuser hatte ein Gewehr und eine Pistole dabei. Bildrechte: Sascha Fromm/Thüringer Allgemeine
Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium
Steinhäuser hätte die Waffen wegen fehlerhafter Einträge in seiner Waffenbesitzkarte gar nicht bekommen dürfen. Bildrechte: Sascha Fromm/Thüringer Allgemeine
Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium
Insgesamt feuerte der Täter 71 Mal. Bildrechte: Sascha Fromm/Thüringer Allgemeine
Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium
Eine Lehrerin wurde vor den Augen ihrer Schüler getötet. Bildrechte: Sascha Fromm/Thüringer Allgemeine
Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium
Viele Schüler wurden aus dem Unterricht gerissen. Bildrechte: Sascha Fromm/Thüringer Allgemeine
Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium
Die Schule wurde komplett renoviert und erst 2005 wieder für den Schulbetrieb freigegeben Bildrechte: Sascha Fromm/Thüringer Allgemeine
Erfurt (Thüringen) - Rettungskräfte stützen eine junge Frau am 26.04.2002 auf dem Weg vom Schulgebäude des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums zum Krankenwagen.
Rettungskräfte, die vor Ort waren, kümmerten sich um die Verletzten. Sie versorgten die Überlebenden des Amoklaufes. Bildrechte: dpa
Kerzen und ein Gedenkbrief mit der Frage 'Warum mussten 16 Menschen sterben! ...' liegen zu Beginn der zentralen Gedenkfeier für die Opfer des Amoklaufs im Gutenberg-Gymnasium am 3.5.2002 auf den Stufen des Erfurter Doms.
Nach dem Amoklauf wurde klar, wie viele Menschen der Amokläufer erschossen hatte. Schüler und Lehrer standen unter Schock. Viele waren traumatisiert. Alle stellten sich die Frage: "Warum?" Bildrechte: dpa
Gedenkgottesdienst zu Ehren der Opfer des Amoklaufs eines Schülers des Gutenberg-Gymnasiums auf dem Domplatz in Erfurt 2002
Auf die Stunde genau eine Woche nach der Tat fand auf dem Erfurter Domplatz eine Gedenkfeier für die Opfer des Amoklaufs statt. Daran nahmen mehr als 100.000 Menschen teil. Bildrechte: IMAGO
Johannes Rau spricht 2002 während eines Gedenkgottesdienstes zu Ehren der Opfer des Amoklaufs eines Schülers des Gutenberg-Gymnasiums auf dem Domplatz in Erfurt
Der damalige Bundespräsident Johannes Rau hielt eine Rede, in der er der Opfer gedachte. "Wir sind ratlos", sagte er. "Wir haben nicht für möglich gehalten, dass so etwas bei uns geschieht.“ Seine Gedanken seien auch bei der Familie des Täters. "Ich möchte Ihnen sagen: Was immer ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch." Er betonte dabei, dass er auch Robert Steinhäuser selbst gedenke. Bildrechte: IMAGO
Zwei Schüler trauern zu Beginn der zentralen Gedenkfeier für die Opfer des Amoklaufs im Gutenberg-Gymnasium am 3.5.2002 vor dem Erfurter Dom.
Schülerinnen und Schüler konnten auch Tage nach der Tat nicht begreifen, was im Gutenberg-Gymnasium geschah. Bildrechte: dpa
Zwei Frauen stehen am Donnerstagmorgen (26.04.2007) am Erfurter Gutenberg-Gymnasium und gedenken der Opfer des Schul-Massakers vor fünf Jahren vor einer Tafel, auf der die Namen der Toten aufgeführt sind.
Am Schulgebäude wurde nach dem Amoklauf eine Gedenktafel angebracht. Sie erinnert an die Opfer des Amoklaufs. Bildrechte: dpa
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Sachsen verweist auf Nachfrage darauf, die Schulsozialarbeit zuletzt gestärkt zu haben und will ab dem Haushalt 2017/18 15 Millionen Euro pro Jahr in den Bereich investieren. Da Bildung Ländersache sei, so das Ministerium, habe die Aussage des damaligen Bundesinnenministers den Status einer Empfehlung.

Thüringen Spitze in Mitteldeutschland

Thüringen liegt bei der Versorgungsdichte in Mitteldeutschland an der Spitze und im deutschlandweiten Vergleich auf Platz vier. In dem Land kümmert sich ein Psychologe um 6.786 Schüler. Seit 2012 wurden hier zwei neue Vollzeitstellen für Schulpsychologen geschaffen. In Sachsen und Sachsen-Anhalt hingegen wurden sogar Stellen gestrichen.

Dänemark: ein Psychologe für 700 Schüler

Dennoch ist Thüringen ebenfalls weit entfernt von den Forderungen Schilys und dem internationalen Standard. Dieser sieht einen Schüler-Psychologen-Schlüssel von 1:2000 oder 1:1000 vor. In Israel zum Beispiel kommen auf einen Schulpsychologen 500 Schüler, in Dänemark 700.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio und Fernehen | 25.04.2017 | MDR-Thementag | ab 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. April 2017, 13:38 Uhr