Psychiatrie
Ein Patient kann in der Regel nur fixiert werden, wenn ein Richter vorher zugestimmt hat. Bildrechte: Colourbox.de

Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie Psychisch Kranke fühlen sich gedemütigt

Es ist ein ethisches Dilemma. Auch psychisch kranke Menschen haben das Recht auf Selbstbestimmung. In dieses Grundrecht wird aber manchmal eingegriffen, wenn sie sich oder andere gefährden. Dürfen sie dann gegen ihren Willen eingeschlossen oder am Bett fixiert werden? Damit beschäftigt sich regelmäßig der Deutsche Ethikrat. Betroffene und Ärzte gehen auch der Frage nach, ob es Änderungen in der Praxis bedarf. Die Diskussionen sind notwendig, zeigen Beispiele aus Sachsen.

von Astrid Wulf, MDR AKTUELL

Psychiatrie
Ein Patient kann in der Regel nur fixiert werden, wenn ein Richter vorher zugestimmt hat. Bildrechte: Colourbox.de

Das Gefühl, ohne Zustimmung am Bett fixiert und mit Medikamenten ruhig gestellt zu werden, wird Kristin aus Dresden nie vergessen. Ihren Namen hat die Redaktion geändert, weil sie ihn nicht im Internet lesen möchte. Kristin: "Dass man dort, wo man noch auf Hilfe hofft, so behandelt werden kann, hält man nicht für möglich. Man fühlt sich völlig ohnmächtig, gedemütigt und bestraft. Und man weiß nicht, wofür. Das macht nicht gesund. Das ist nicht heilsam. Da wird mit Menschen etwas gemacht, was sonst nicht sein darf."

Patienten lassen sich lieber zu Hause behandeln

Psychosen hat sie keine mehr. Heute hilft die Dresdnerin im sächsischen Selbsthilfenetzwerk für seelische Gesundheit anderen, die ähnliche Erfahrungen machen. Für sie sind unfreiwillige Fixierungen, Isolationen oder Medikamente ein Eingriff in die Menschenrechte. Sie gehören ihrer Meinung nach abgeschafft. Zwangsmaßnahmen ließen sich leider nicht komplett vermeiden, meinen hingegen Angehörige. Sie müssen miterleben, wie Patienten zeitweise sich selbst und andere gefährden.

Das ist der Fall, wenn sie in Psychosen wild um sich schlagen, depressiv oder auch dement sind. Der sächsische Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker fordert aber mehr Hilfsangebote, die schwerkranke Menschen auch ohne Zwang annehmen können. Aus ihrer Sicht würden manche Patienten zum Beispiel einer Behandlung zu Hause eher zustimmen, als in einer geschlossenen Klinik. In einer solchen arbeitet der Psychiater Burkhard Jabs. Er ist Chefarzt am Städtischen Klinikum Dresden.

Einige Patienten sind später einsichtig

Er kennt den schmalen Grat zwischen Hilfe und Zwang: "Viele berichten mir noch nach Jahren, dass es für sie wirklich eine schlimme Erfahrung war. Wir besprechen jede Fixierung und jede Zwangsmedikation individuell nach. Wir erklären auch nochmal, dass wir das nicht gerne machen. Nicht selten sagen Patienten uns hinterher, dass sie das verstehen. Es ist absolut richtig, die Zwangsmaßnahmen sehr genau auszusuchen und nur in wirklich begründeten Fällen durchzuführen."

Zwangsbehandlung nur mit Zustimmung eines Richters

Wann und wie das möglich ist, regelt das sächsische Gesetz. Eine Zwangsbehandlung ist, abgesehen von akuten Notsituationen, nur dann möglich, wenn der Patient nicht überzeugt werden konnte. Sie muss außerdem von einem Richter genehmigt worden sein. Alle Sicherungsmaßnahmen müssen genau dokumentiert werden. Für Beschwerden stehen laut Gesetz ehrenamtliche Patientenfürsprecher zur Verfügung. Außerdem kontrollieren unabhängige Besuchskommissionen unangemeldet die Krankenhäuser.

Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch hält das für ein sehr gut funktionierendes Kontrollsystem, das auch auf die Rechte der Patienten achtet: "Im Landespsychiatriebeirat werden dann die Ergebnisse regelmäßig ausgewertet, um letztlich auch weitere Verbesserungsvorschläge anzubringen und die natürlich auch umzusetzen." Die CDU-Ministerin findet das Thema wichtig und plädiert für eine weitere, offene Diskussion darüber. Ein Interesse, das wohl Politik, Ärzte, Angehörige und Patienten vereint. Auch wenn sie sich in den Details nicht immer einig sind.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im Radio: MDR | 23.02.2017 | 06:46 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Februar 2017, 11:57 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.