Sternenhimmel über einer Hochspannungsleitung
Die kompakte Stromtrasse soll im Vergleich zu herkömmlichen Anlagen bis zu 30 Meter niedriger und bis zu 20 Meter schmaler werden. Bildrechte: dpa

Pilotprojekt bei Jessen Niedrige Stromtrasse soll Kritiker umstimmen

Die Windkraft boomt. Doch wie transportiert man den zusätzlichen Strom? Eigentlich sollten die Netze in Ostdeutschland zügig ausgebaut werden. Doch überall dort, wo eine Stromtrasse entlang laufen soll, regt sich Widerstand. Manche Bürgerinitiativen verhindern den Netzausbau regelrecht. Die Lösung: eine kompakte Stromtrasse, genauso leistungsfähig wie eine Stromautobahn. Der Netzbetreiber 50Hertz beginnt jetzt mit dem Bau solch einer Trasse.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Sternenhimmel über einer Hochspannungsleitung
Die kompakte Stromtrasse soll im Vergleich zu herkömmlichen Anlagen bis zu 30 Meter niedriger und bis zu 20 Meter schmaler werden. Bildrechte: dpa

So ein Strommast wirkt wie aus einer anderen Zeit. Ein Monstrum aus Stahl, sperrig und starr. Es erinnert an die Industrialisierung, nicht ans 21. Jahrhundert. Doch ab Donnerstag soll auch die Stromübertragung in der Moderne ankommen. Der Netzbetreiber 50Hertz beginnt bei Jessen mit dem Bau einer kompakten Höchstspannungsleitung.

Stromtrassen werden niedriger und schmaler

Das aufwändige Projekt managt Bastian Bohm: "Die Masten, die heute dem Stand der Technik entsprechen, sind circa 60 bis 70 Meter hoch. Unsere Compactline wird ungefähr 20 bis 30 Meter niedriger. Außerdem wird die Trassenbreite 10 bis 20 Meter schmaler. Sie gliedert sich ideal in die Baumwuchshöhe ein. Das heißt, in vielen Gebieten in unserer Regelzone sind die Masten aufgrund der Baumwuchshöhe nicht mehr sichtbar. Das ist ein riesiger Vorteil."

Die Verkleinerung der Trasse ist möglich, weil 50Hertz die Seile straffer spannt. Damit hängen sie weniger durch, schwingen bei Wind weniger hin und her. Das klingt trivial, ist aber komplex. Denn die Zugkräfte zwischen den Masten erhöhen sich massiv. Vier Jahre hat 50Hertz geforscht. Innovationen in der Stromübertragung sind selten, sagt der Techniksoziologe Uwe Pfenning.

Pilotstrecke geht im Juli 2018 in Betrieb

Umso mehr freut er sich über das Projekt: "Das macht Sinn und ist natürlich auch für Landschaftsverbrauch und Ästhetik gut. Wenn man die großen und optisch abschreckenden Freilandleitungen technisch optimieren und verkleinern kann, ist das ein Vorteil. Ich begrüße das." Noch handelt es sich allerdings nur um eine Pilotstrecke, die 50Hertz jetzt baut.

Es entstehen fünf Masten auf zwei Kilometern Länge, sagt Bastian Bohm: "Wir werden voraussichtlich im Juli nächsten Jahres diese Leitung in Betrieb nehmen. Dann gehen wir von einem Jahr Monitoring aus, bei dem die Leitung auf Herz und Nieren getestet wird. Anschließend gehen wir in die Optimierung, um die Leitung dann für die Serienfertigung vorzubereiten."

Werden Bürgerinitiativen die neuen Trassen akzeptieren?

Bohm ist optimistisch, dass das klappt. Die kompakte Leitung kann 380 Kilovolt übertragen, fände aber auf 220-Kilovolt-Trassen Platz. Damit ließe sich mit ihr das vorhandene Netz platzsparend aufrüsten. Bohm hofft sogar, dass man das Konzept auf die Gleichstrompassagen zwischen Nord- und Süddeutschland übertragen kann.

Wird die dort angedachte Erdverkabelung hinfällig? Die Energieexpertin Claudia Kemfert ist skeptisch: "Ja, es ist eine Alternative zum existierenden Strommast. So hoch und so hässlich wie er ist. Auf der anderen Seite sehen wir im Moment, dass wir eine grundsätzliche Diskussion darüber haben, ob wir Stromleitungen brauchen. Es gibt Bürgerinitiativen dagegen. Denen ist es vermutlich völlig egal, wie die Leitung aussieht. Die stört vor allem, dass sie kommt."

Leichtere Genehmigungsverfahren erwartet

Allerdings müsse man die Akzeptanz kompakter Freileitungen noch genauer erforschen, sagt Kemfert. Bei 50Hertz ist man überzeugt, dass das neue Modell besser ankommt als herkömmliche Höchstspannungsleitungen. Außerdem dürften Behörden es leichter genehmigen als breite Schneisen durch Wald und Flur.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 05.10.2017 | 05:51 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Oktober 2017, 05:00 Uhr

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4 Kommentare

06.10.2017 15:10 KK 4

Aufgrund der Optik gegen Masten zu wettern finde ich absurd. Für mich sind Gittermasten Kennzeichen eines industrialisierten Landes, entsprechend bin ich froh, in einem Land zu leben, wo es diese gibt.
Die elektromagnetische Strahlung ist ein Argument, sie ist jedoch auch unmittelbar unter der Trasse weit geringer als bei Nutzung eines Mobiltelefons, eines Haarföns oder einer Elektroherds.
Sprich, nur um uns gut zu fühlen, verbrennen wir Milliarden von Euro an Volksvermögen - es geht uns offensichtlich verdammt gut.

06.10.2017 10:39 franke 3

Die Windkraft boomt, aber Kohlekraft auch immer noch. Und, die Politik will, aus verständlichen Gründen, die alten Kohlekraftwerke nicht abschalten. Es kostet ja dann viele Arbeitsplätze in NRW und im Osten unserer Republik, aber auch weniger Steuerkraft. Und nur deshalb brauchen wir die zusätzlichen Stromtrassen.
Bayern braucht diese Trassen nicht. Bitte weitersagen und passiven Widerstand gegen diese Trassen leisten!

05.10.2017 15:56 pkeszler 2

"Niedrige Stromtrasse soll Kritiker umstimmen"
Ob jetzt auch die Bayern mit den niedrigeren Stromtrassen umgestimmt werden können, darf man stark anzweifeln. Aber vielleicht gibt es sie bis an die bayerische Grenze und dann nur noch unterirdische Kabel? Dort ist ja nichts zu teuer.

05.10.2017 13:34 I.W. 1

Es geht doch nicht um die hässlichen Dinger! Es geht um die Gesundheit!! Um zu hohe Grenzwerte, Ionisierung der Schmutzpartikel auch Raumladungswolke genannt und um die elektromagnetischen Felder! Erst sollen die Masten höher, jetzt niedriger! Was soll das?? Die Gefährdung bleibt!