Wirtschaftsforum Ostwirtschaft vor neuem Umbruch

In Bad Saarow trafen sich Wirtschaft und Politik zum Ostdeutschen Wirtschaftsforum. Thema war die weitere Entwicklung in den neuen Ländern. Noch immer ist die ostdeutsche Wirtschaftskraft rund ein Drittel niedriger als im Westen. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff fordert ein neues Strukturprogramm.

von Tim Herden, MDR AKTUELL

Die Stimmungslage hat sich geändert. Die ostdeutsche Wirtschaft wird nicht mehr gehätschelt. Das Argument, der Rückstand liege noch immer an der DDR-Erblast, hat ausgedient. Joachim Ragnitz vom Ifo Insitut Dresden bemängelt vielmehr den mangelnden Wachstumswillen der ostdeutschen Unternehmer. Viele seien stehen geblieben und würden jetzt kaum noch Risiken eingehen. Damit verbunden sei jedoch die Gefahr, den Anschluss und damit Marktanteile zu verlieren. Schon jetzt wird die Lücke zur Leistungskraft der westdeutschen Wirtschaft nicht kleiner, sondern größer.

Niedrige Wachstumsraten

So liegen die Wachstumsraten der mitteldeutschen Länder deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Während 2015 das Wachstum bundesweit bei 1,7 Prozent lag, erreichten Sachsen 1,5, Sachsen-Anhalt 0,1 und Thüringen 1,1 Prozent (Quelle: Landesbank Hessen-Thüringen). Insgesamt liegt aber die ostdeutsche Wirtschaftskraft immer noch um fast eine Drittel niedriger als im Westen.

Haseloff für neues Strukturprogramm

Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, will sich damit nicht abfinden.

Wir wollen nicht kapitulieren und die weiße Fahne raushängen.

Reiner Haseloff, Ministerpräsident Sachsen-Anhalt

Haseloff möchte ein neues Strukturprogramm für strukturschwache Regionen in Ost und West, allerdings mit neuen Förderinstrumenten. "Wir brauchen steuerliche Anreize für Investoren, um ein deutlich höheres Wachstum als im Durchschnitt zu generieren, um die Lücke zwischen Ost und West zu schließen", so der Ministerpräsident. Sonst fände man sich auf Dauer damit ab, dass die alte DDR-Grenze wirtschaftlich weiter existiere.  

Eigenverantwortung der Wirtschaft

Allerdings muss die ostdeutsche Wirtschaft auch selbst Marktlücken finden. Beispiel Energiewende: Frank Golletz vom Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz machte klar, in Ostdeutschland gebe es einfach nicht die Zulieferer von Kabeln oder Transformatoren für den Ausbau der Stromnetze, um den regenerativen Strom von den Windparks in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg nach Süden zu bringen. Aber es brauche Alternativen zur traditionellen Stromleitung, die auf hunderten Kilometern durch die fünf neuen Länder gehen. Deshalb wären Speichertechniken für ostdeutsche Unternehmen eine Chance, um gemeinsam mit Hochschulen diesen neuen Markt zu erschließen. Die Basis wäre die gut ausgebaute elektrotechnische Industrie.

Notwendigkeit Zuwanderung

Dafür braucht es aber Fachkräfte - und die fehlen im Osten. Für die nächsten Jahre wird sogar noch ein weiterer Bevölkerungsrückgang um sieben Prozent erwartet. Auch der Nachwuchs beim anstehenden Generationswechsel in vielen ostdeutschen Unternehmen wird kaum nur aus dem Personalbestand der Betriebe zu finden sein. Zuwanderung wäre die Lösung. Doch der Reiz für viele Fachkräfte, egal ob sie aus Westdeutschland oder aus dem Ausland in die neuen Länder kommen, ist gering. Die ostdeutschen Arbeitgeber müssten mehr die regionalen Stärken ausspielen, forderte Wirtschaftsminister Gabriel - wie zum Beispiel gute Bildungsmöglichkeiten, bezahlbarer Wohnraum und hervorragende Kinderbetreuung, um Fachkräfte zum Umzug zu bewegen. Es sei jedoch auch eine weltoffene Haltung wichtig, so Gabriel.  

Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2016, 06:51 Uhr

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6 Kommentare

22.10.2016 13:40 hag 6

für den wirtschaftlich nachhinkenden Osten gibts es tieferliegende Ursachen, die liegen zum Großteil in den 90er Jahren, aber man kann die Zeit nicht zurück drehen.

Aktueller ist ja der Bezug auf die Speichertechnik als Zukunftsperspektive, der wievielte Zug ist das eig. den Deutschland verpasst?
Denn das der weg ist, sollte klar sein, wenn man Gigafactory in den USA und die gigantischen chinesischen Anstrengungen auf dem Gebiet anschaut!

Nicht schlimm, weil wir ja schon bei so vielen neuen wichtigen Sachen keinen Anteil haben? Ok, aber allein, wenn man darüber nachdenkt, welchen Wertanteil Batterien an E-Autos haben und wer bei uns Motoren und Getriebe herstellt, sollte doch ein wenig Zukunftsangst entwickeln.

22.10.2016 10:32 Randbemerkung 5

@3 Bernd:
..."Prozentrechnung, Wirtschaftswachstum – sehr schön – auf welcher Basis!?.. Schauen Sie einfach unter "destatis" - Erläuterungen zum Bruttoinlandprodukt nach. Dort wird in aller Ausführlichkeit erklärt, wie sich die Indikatoren zum Bip ermitteln. Die "Prozente" werden dann auf dieser Grundlage berechnet.

21.10.2016 23:23 Wilhelm Busch 4

Die Fachkraft ist ein scheues Reh
und sagt zum Osten lieber nee.
Mag bald auch nicht den Westen leiden,
zu de­ran­giert, zu viele streiten.
Erst geht der Mensch, die Firmen dann,
und Deutschland wird ein alter Mann.

21.10.2016 21:41 Bernd 3

@ Randbemerkung 1 – Prozentrechnung, Wirtschaftswachstum – sehr schön – auf welcher Basis!?...pro Kopf....pro Arbeitsplatz...pro km²?...Wenn das so positiv ist, müsste sich das ja im Lohnniveau widerspiegeln! Bin selbst schon eine Weile (2010) ausgereist – kann dazu nur die „Randbemerkung“ anbringen, das mir bei beruflicher Neuorientierung 2002 und zuletzt Anfang 2010 mit Wiedereinstieg durch Leiharbeit ein Stundensatz von 1€ mehr/h in Weimar seinerzeit den vergleichbaren Angeboten in Dresden (qualifizierter Gesellenabschluss) vorlagen – die Lebenshaltungskosten waren/sind dabei (Miete, täglicher Bedarf) durchaus vergleichbar (selbst jetzt im Rheinland)!

21.10.2016 19:45 Randbemerkung 2

Die "welt" berichtete am 03.10.2014 folgendes: ...."„Die Mittelständler, denen wir in Ostdeutschland begegnen, sind extrem selbstbewusst“, sagt Peter Bartels, Vorstand von PWC und Experte für Mittelstandsunternehmen. „Sie haben in der Regel ihre Unternehmen selbst aufgebaut, und wenn das Unternehmen heute nach 25 Jahren noch Bestand hat, haben sie sich offensichtlich erfolgreich gegen westliche Unternehmen durchgesetzt. Man merkt den Gründern das Bewusstsein an, etwas richtig gemacht zu haben.“ In der Wendezeit waren die Unternehmensgründer meist um die 40 Jahre alt. Viele planen nun den Rückzug aus ihrer Firma.(...)gaben drei Viertel der ostdeutschen Unternehmer an, dass in den nächsten fünf Jahren ein Generationswechsel anstehe..." der Generationenwechsel vollzieht sich demnach bis 2020. Ich kann mir nicht vorstellen, aus dem derzeitigen "Flüchtlingspool" bis zu diesem Zeitpunkt geeignete Unternehmer zu finden, die in der Lage sind, mittelständische Betriebe zu übernehmen.

21.10.2016 19:25 Randbemerkung 1

..."Während 2015 das Wachstum bundesweit bei 1,7 Prozent lag, erreichten Sachsen 1,5, Sachsen-Anhalt 0,1 und Thüringen 1,1 Prozent".... Die gleiche Quelle (HeLaBa) veröffentlichte am 28.09.2016 die Wachstumszahlen für das erste Halbjahr 2016, die da wären: Wirtschaftswachstum Deutschland insgesamt: 2,3 %/ Sachsen 2,5 % (und damit über dem Bundesdurchschnitt)/ Thüringen 2,0% und Sachsen-Anhalt 1,7%. Zwar wird im Bericht auch darauf verwiesen, dass die vergleichsweise guten Zahlen dem Konsum geschuldet sind, allerdings gilt dies für Ost und West gleichermaßen. Noch interessanter ist der folgende Satz im Beitrag: ..."Allerdings muss die ostdeutsche Wirtschaft auch selbst Marktlücken finden...." Also bislang hat für unsere Firma noch kein Außenstehender eine Marktlücke erschlossen!