Der Angeklagte Wilfried S. zum Prozessbeginn im Landgericht Leipzig.
Der Angeklagte Wilfried S. vor dem Landgericht Leipzig. Bildrechte: MDR/Björn Menzel

Unister-Prozess Rip-Deal Die Zutaten eines guten Krimis

Am Dienstag soll im Prozess um den Betrug an Unister-Gründer Thomas Wagner ein Urteil gesprochen werden. Der Verlauf des Verfahrens zeigt, an welche dubiosen Geschäftsmänner der einstige Internet-Star geraten ist.

von Björn Menzel, MDR AKTUELL

 Der Angeklagte Wilfried S. zum Prozessbeginn im Landgericht Leipzig.
Der Angeklagte Wilfried S. vor dem Landgericht Leipzig. Bildrechte: MDR/Björn Menzel

Immer wenn es eng zu werden scheint, steht dem Angeklagten Schweiß auf der Stirn. Und im Betrugsverfahren am Leipziger Landgericht muss sich Wilfried S. mehrmals mit einem Taschentuch die Feuchtigkeit aus dem Gesicht tupfen. Dann sitzt der hagere Mann mit dem Bürstenhaarschnitt mit offenem Mund da und wackelt nur noch etwas mit dem Unterkiefer. Er wirkt in diesen Momenten wie ein verletzter Mann. Doch eigentlich, soviel ist jetzt schon klar, ist er Teil eines großen Betrugs rund um den ehemaligen Unister-Chef Thomas Wagner. Wie schwer die Schuld des Angeklagten wiegt, versucht das Gericht herauszufinden.

Koffertausch: Falschgeld untergejubelt

Wilfried S. wird in diesen Tagen der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, an einem sogenannten Rip-Deal beteiligt gewesen zu sein. Er ist die Kontaktperson zu einem mutmaßlichen Diamantenhändler, der Wagner im vergangenen Jahr einen Kredit in Höhe von 15 Millionen Euro geben will. Der Unister-Chef willigt ein, reist in die Provinz Venedig. In seinem Gepäck befinden sich 1,5 Millionen Euro, Geld für eine Kreditausfallversicherung. Wagner soll dafür auf dem Parkplatz vor dem Hotel Antony Palace eine erste Kreditrate erhalten. Beim Koffertausch jubeln ihm die Betrüger jedoch Falschgeld unter – und entkommen mit Wagners Geld - bis heute.

Stichwort Rip-Deal: Ein Rip-Deal (von to rip – englisch für entreißen) ist laut Landeskriminalamt Sachsen ein Betrug, bei dem die Opfer in den meisten Fällen ins Ausland gelockt werden. Dort entwenden die Täter den Opfern bei einem fingierten Geldumtausch Bargeld, das sie für vermeintliche Immobilien-, Antiquitäten- oder Geldwechselgeschäfte mitgebracht haben. Die Masche ist seit mehr als 15 Jahren bekannt. Ermittlungen in Rip-Deal-Fällen gestalten sich laut LKA oft schwierig, da sich die Täter in vielen Fällen mit falschen Papieren ausweisen und im Ausland untertauchen.

Angeklagter und sein verteidiger im Gespräch.
Angst vor der Öffentlichkeit: Wilfried S. hält sich einen grünen Ordner vor das Gesicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In vier Prozesstagen hat die Staatsanwaltschaft zahlreiche Beweise auf den Tisch gelegt. Jedes Mal wurde Wilfried S. in Handschellen in den Gerichtssaal 115 geführt. Aus Angst vor der Öffentlichkeit hielt er sich einen grünen Hefter vor sein Gesicht. Fast forsch nahm er selber zu den Vorwürfen Stellung. Mit "Hör ma, hör ma …" begannen viele seiner Sätze, wenn er zu Richter Norbert Röger sprach. Der Mann stammt aus dem Ruhrpott, vielleicht stammt daher auch seine schnoddrige und aufbrausende Art: "Alles kein Problem, alles kein Problem …"

Es könnte sein, dass der Prozess für Wilfried S. doch zu einem Problem wird. Vielleicht hat er sich auf der Suche nach Anerkennung und kleinen Geldgeschäften in eine zu große Sache reinmanövriert. Denn der Betrug an Thomas Wagner war nicht der erste Deal, an dem er beteiligt war. Frei von der Leber weg berichtet der Angeklagte von Oldtimergeschäften, Devisentauschereien, Diamantenhandel und Kreditgeschäften – es sind Räuberpistolen aus einem schlechten Krimi. Mit dabei stets der ominöse reiche Diamantenhändler Levy V. sowie Wilfried S. selber. Dann stand der ganz große Deal vor der Tür: das Geschäft mit Thomas Wagner.

Das geheime Projekt "Epsilon"

Der Unister-Chef war, auch das ist mittlerweile gesichert, auf der Suche nach frischem Kapital. Er hatte vor, die Reisesparte seines Konzerns rund um so bekannte Portale wie fluege.de und ab-in-den-urlaub.de an die Börse zu bringen. Es sollte ein Befreiungsschlag für die klamme Firma werden. Das geheime Projekt trug den Namen "Epsilon". Nur wenige Mitarbeiter am Leipziger Barfußgässchen waren eingeweiht. Noch weniger waren es bei der Vorbereitung des Kreditgeschäfts in Venedig. Wagner, auch das ist während der Prozesstage bekannt geworden, wurde der Deal angetragen. Über eine Kette von sechs bis sieben Männern und Hintermännern. Die einzelnen Rollen dieser Protagonisten liegen zum Teil im Dunkeln.

"Wir haben mit der Mafia gesprochen"

Vielleicht hätte Wagner allein aus diesem Grund hellhörig werden müssen. Doch der Unister-Gründer wird als eher beratungsresistent beschrieben. Im Prozess traten ehemalige enge Mitarbeiter auf, die ihm mehrmals von dem dubiosen Geschäft abrieten. "Wir haben mit der Mafia gesprochen", steht in einer Mail an Wagner, nachdem sich seine Leute das erste Mal mit dem Angeklagten und weiteren zur Anbahnung des Geschäfts in Hannover getroffen hatten. Die Verlesung des Mailverkehrs ist einer der Höhepunkte des Verfahrens. Dem Angeklagten steht Schweiß auf der Stirn.

Ein anderer Höhepunkt ist das Abspielen von Aufnahmen einer Telefonüberwachung. Zu hören sind der Angeklagte sowie der dubiose Diamantenhändler. Die Telefonate spielen etwa zehn Tage nach dem Flugzeugabsturz in Slowenien, bei dem auf dem Rückweg nach dem Betrug in Venedig, Wagner, der Pilot und zwei weitere Insassen ums Leben kamen.

Die Aufzeichnungen machen zwei Dinge klar: Die Behörden waren Levy V., wie auch immer er wirklich heißt, sehr nah auf den Fersen, und er ist keine flüchtige Bekanntschaft des Angeklagten. "Hallo Levy,…, wie geht es dir?...Grüße die Familie", sagt Wilfried S. fast in jedem Gespräch. Als er das hört, läuft ihm der Schweiß bis ins Gesicht.

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell auch im: Radio | 28.03.2017 | ab 07:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. März 2017, 05:00 Uhr