Abgas-Skandal Berliner startet Boykott-Kampagne gegen VW

Die jüngsten Zahlen für die PKW-Zulassungen 2016 zeigen Volkswagen immer noch als Marktführer in Deutschland mit 19,6 Prozent der verkauften Autos. Allerdings gibt es einen Einbruch von 4,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Schatten des Abgasskandals verblassen langsamer als der Konzern gehofft hatte. Nun gibt es neue Klagen und sogar einen Boykott-Aufruf gegen VW.

von Tim Herden, MDR-Hauptstadtkorrespondent

Der Politologe Peter Grottian gilt als erfolgreicher Unruhestifter. So trug er mit seiner Initiative "Berliner Bankenskandal" vor über einem Jahrzehnt dazu bei, den Berliner Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen zu stürzen. Nun wird er wieder aktiv. Auf einer Pressekonferenz in Berlin forderte er einen Boykott von VW als "Aufschrei und Hilferuf gegen das Versagen der Politik". Grottian ärgert sich, dass der Autokonzern über 14 Milliarden Dollar in den USA an Umwelt- und Gesundheitsfonds zahlt und dortige VW-Käufer großzügig entschädigt, die deutschen Verbraucher und besonders die Käufer von VW-Autos aber leer ausgehen. Aus seiner Sicht würde auch die deutsche Politik nichts tun, um Abhilfe zu schaffen. So hätte sich Wirtschaftsminister Gabriel für eine Entschädigung "von wenigstens 1000 oder 2000 Euro" einsetzen können.

Nun will Grottian eine Gegenmacht der Verbraucher aufbauen. Dazu sollen Fahrzeuge des Konzerns mit Aufklebern "Boykottiert VW" beklebt werden. Außerdem soll es Protestveranstaltungen geben, auf denen sich geschädigte Autobesitzer zusammenschließen können. Der Politologe hatte auf Unterstützung seines Boykottaufrufs durch die Grünen und Linken gehofft, die im Bundestag den Abgas-Untersuchungsausschuss durchgesetzt haben. Doch bei der Pressekonferenz blieben die Stühle für Vertreter beider Parteien leer. Offizieller Grund: Terminprobleme.

BUND will Verkaufsverbot

Der BUND kam zwar zum Termin, unterstützt den Boykott aber ebenfalls nicht. Die Umweltorganisation will stattdessen ein Verkaufsverbot von Diesel-Neufahrzeugen durchsetzen, die immer noch nicht den Grenzwert für Stickoxide von 80 mg/km erfüllen. "Für uns ist der Boykott zu kurz gesprungen", erklärte BUND-Vertreter Jens Hilgenberg. "Wir wollen nicht nur auf VW zielen, sondern auf die gesamte Automobilindustrie und die Politik zum Handeln zwingen."

Dazu legte der BUND eine Liste mit 26 Fahrzeugtypen vor, die den Grenzwert um ein Vielfaches überschreiten. Betroffen sind alle großen Autokonzerne, neben VW auch Renault, Ford, Mercedes, Peugeot und Volvo. Darunter sind auch Fahrzeuge, die auf dem Papier eigentlich die Euro-6-Norm erfüllen. Das Verkaufsverbot dieser Fahrzeuge will der BUND beim Kraftfahrzeugbundesamt einklagen. Aus Sicht der Umweltorganisation hat auch die Behörde im Abgas-Skandal versagt. Deshalb will der BUND auch das Kraftfahrzeugbundesamt als Zulassungsbehörde für Neufahrzeuge abschaffen und durch eine unabhängige Kontrollbehörde ersetzen. Abgeschafft werden soll auch der Steuervorteil für Dieseltreibstoff.

Schadensersatzklage gegen VW in Deutschland

Das Verbraucherschutzportal Myright.de und die Anwaltskanzlei Hausfeld versuchen unterdessen per Gerichtsurteil einen Schadensersatz für deutsche VW-Besitzer zu erreichen. Am Dienstag reichten sie beim Landgericht Braunschweig die Klage des Besitzers eines Eos-Coupés ein, der den Kaufpreis für sein Auto erstattet haben möchte. Es soll eine Art Musterprozess werden. "Unser ganz klares Ziel ist", so Jan-Eike Andresen von Myright.de, "dass hier festgestellt wird, dass jeder Betroffene in Deutschland das Recht hat, sein Auto an Volkswagen zum Neupreis zurückzugeben.“ Die Aussichten dafür sind aber gering. Zum einen sind Sammelklagen in Deutschland juristisch bisher kaum durchsetzbar, zum anderen wird auch Schadensersatz oft nur in Ausnahmefällen gezahlt.       

VW-Verkaufszahlen weiter auf hohem Niveau

Volkswagen zeigt sich allerdings, jedenfalls in Deutschland, gegen alle Angriffe einigermaßen resistent. Ein Blick auf die Verkaufszahlen scheint dem Konzern recht zu geben. Von den 2016 über 3,3 Millionen neuzugelassenen Pkw kamen mit 19,6 Prozent fast ein Fünftel der Autos aus dem Wolfsburger Konzern. Das Minus gegenüber dem Vorjahr beträgt  4,3 Prozent. Die deutschen Verbraucher scheinen sich nicht besonders dafür zu interessieren, was hinten aus dem Auspuff kommt. Für die deutschen VW-Käufer gilt offenbar noch immer der alte Käfer-Werbespruch: "Er läuft und läuft und läuft".

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: Radio | 05.01.2017 | 16:22 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Januar 2017, 07:00 Uhr