Windkraftanlagen sind im Kaiser-Wilhelm-Koog in Dithmarschen (Schleswig-Holstein) zu sehen.
Bürger sind von Windrädern bei sich am Ort häufig nicht begeistert. Bildrechte: dpa

Erneuerbare Energien Bundesverband Windenergie fordert eine Gesetzesänderung bei Zulassung neuer Windparks

Das Image der Windkraft hat in den vergangenen Jahren stark gelitten. Im ländlichen Raum entstehen immer mehr Bürgerinitiativen, die keine Windräder haben wollen. Sie kritisieren eine Verspargelung der Landschaft und dass Windkraft vom Staat bezuschusst werden muss. Um die Akzeptanz zu erhöhen, wollte die Bundesregierung Bürger stärker beteiligen und zugleich mit einem neuen Ausschreibungsverfahren die Preise senken. Doch nur eines der beiden Ziele wurde erreicht.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Windkraftanlagen sind im Kaiser-Wilhelm-Koog in Dithmarschen (Schleswig-Holstein) zu sehen.
Bürger sind von Windrädern bei sich am Ort häufig nicht begeistert. Bildrechte: dpa

Es ist gar nicht mehr so einfach, mit einem Windrad Geld zu verdienen. Wenn man die Förderung für Ökostrom haben will, muss man sich in einer Ausschreibung mit seinem Projekt bewerben. Den Zuschlag erhalten nur noch Firmen, die besonders wenig Geld verlangen. Tatsächlich hat das die Preise gesenkt, sagt Olaf Peter Eul von der Bundesnetzagentur. Der aktuelle durchschnittliche Zuschlagswert liege bei 4,28 Cent pro Kilowattstunde – und damit im Vergleich zum Mai um über einen Cent pro Kilowattstunde niedriger.

Hinter Bürgergesellschaften steht große Firma

Und noch etwas ist bemerkenswert: Rund 90 Prozent aller Zuschläge gingen an sogenannte Bürgerenergiegesellschaften. Das klingt nach Mitbestimmung, doch das trügt. Ruft man in Gemeinden an, in denen die Bundesnetzagentur Bürgerwindprojekte bezuschussen will, wissen die Bürgermeister oft von nichts. So ist es auch in Kölleda, wo eine Umweltgerechte Bürgerenergie GmbH bis zu sechs Windräder bauen will. Die Gemeinde fühle sich übergangen, sagt Bürgermeister Udo Hoffmann.

Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll, dass sich hier einer hinter dem Namen Bürgerenergie versteckt und Kölleda dahin ziehen will, wo es gar nicht hin will.

Es gebe keinen Bürger, der hinter dieser Bewegung stehe. Das wäre schon längst im Stadtrat bekannt gewesen, denn vor jeder Sitzung gebe es eine halbe Stunde vorher eine Bürgersprechstunde, in der alle Themen angesprochen werden würden. Wenn es solch eine Bürgerbewegung geben würde, würde er davon wissen, so der Bürgermeister weiter.

Tatsächlich steckt hinter den meisten bezuschlagten Bürgerwindprojekten eine einzige Firma: die UKA-Gruppe aus Sachsen. Der zweitgrößte Windkraftprojektierer Deutschlands stand bei der Gründung von insgesamt 40 Bürgerenergiegesellschaften Pate. Alle haben ihren Sitz in Meißen.

Patenschaft nach Vorbild aus Brandenburg

Von einem Strohmannmodell spricht Gerd Lippold von den sächsischen Grünen. Doch die UKA-Gruppe hat auch Verteidiger. Rechtsanwalt Martin Maslaton sagt, bei der ersten Ausschreibung für Windenergie im Mai habe sich UKA noch regulär als Großprojektierer beworben.

Dann habe eine Bürgerenergiegesellschaft aus Brandenburg, bei der ein Unternehmen dahinter stand, den Zuschlag bekommen. Die seien nämlich 2 Cent billiger gewesen. "Da hat UKA Sachsen als gutes sächsisches Unternehmen gesagt: Ich bin doch nicht blöd. Das, was die Herrschaften können, das können wir schon lange", meint Maslaton.

Ausschreibungen für kleine Initiativen zu kompliziert

Der Staat privilegiert Bürgerenergiegesellschaften: Sie erhalten mehr Zeit, ihre Projekte umzusetzen, benötigen bestimmte Genehmigungen nicht sofort – und können so billiger anbieten. Doch Rechtsanwalt Maslaton sagt, das Gesetz sei schlecht gemacht. Man könne es den großen Windfirmen nicht vorwerfen, dass sie alle Wege nutzen, um ebenfalls in den Genuss der Privilegien zu kommen.

Bundesverband Windenergie wünscht sich Gesetzesänderung

Der Bundesverband Windenergie wünscht sich eine Gesetzesänderung. Geschäftsführer Carlo Reeker sagt, das Ausschreibungsverfahren sei für echte Bürgerwindprojekte ohnehin zu kompliziert. Das könne man einfacher gestalten. Die französische Regierung habe es einfacher gestaltet, indem sie einfach gesagt habe, sie nehme kleine Projekte grundsätzlich aus dem Ausschreibungsverfahren raus. In Deutschland sei man einen anderen Weg gegangen. Das führe jetzt zu größeren Problemen.

Reeker wünscht sich für kleine Bürgerwindprojekte mit fünf oder sechs Turbinen wieder feste Fördersätze. Nur die großen Windparks sollen sich in Ausschreibungen um die Zulagen bewerben müssen. Das könnte die Vielfalt der Betreiber erhöhen. Allerdings dürften die Preise für Windstrom dann weniger schnell sinken.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 03.09.2017 | ab 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. September 2017, 06:30 Uhr

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7 Kommentare

04.09.2017 15:04 erfurter76 7

hmm wie lang waren diese phasen mit 4 % Strom in 1000 Jahren ... 2 Tage? <grins> Studien sind manchmal schwer zu lesen.
Es kann also in Hochwindenergiephasen Strom in form von Stadtgas umgewandelt werden? Ich weiß auch das die Effizienz bei 30% liegt. Aber immerhin ist das besser als Windräder abzuschalten. Ich würde bis zur Gesamtumsetzung mit Stadtgas die Gaskraftwerke fördern und sie erstmal mit USA/Russian Erdgas betreiben. Im übrigen werden wir noch lange Braunkohnekraftwerke haben .. vielleicht effizienter und sauberer als jetzt.

Wenn man auf sicht regiert muss man sowieso alle 4-5 Jahre bei dem Thema nachsteuern. Dazu zählt natürlich auch das Dieselthema sowie Energienetzstruktur.

04.09.2017 13:33 Mediator 6

Das finde ich richtig, daß der technische Fortschritt gewinnt. Kohle ist aut, und Atom ist auch aut! Nur bei den Fotovoltaikstromlieferanten sehe ich noch Luft nach oben. Das sollte auch mal hier tematisiert werden!

04.09.2017 11:14 Dr. Norman Pohl 5

Windkraftanlagen töten Greifvögel und Fledermäuse. Das Konzept, dafür und für die sonstigen Immissionsbelästigungen Akzeptanz zu kaufen, ist offenbar gescheitert. Vielmehr offenbart sich ein Stadt-Land-Konflikt, denn für das gute Ökostrom-Gewissen städtischer Bewohner wird der ländliche Raum zum Technotop, zur durchindustrialisierten Energielandschaft.

04.09.2017 09:30 Ekkehard Kohfeld 4

@ Altmeister 50 3 Man kann es nur wiederholen:
Die Grundannahme: Irgendwo ist immer Wind und daher wird die Leistung bei weiterem Ausbau immer stabiler, so dass am Ende keine Energiespeicher gebraucht werden. Man muss nur genügend Windräder aufstellen ist falsch.##Genau und für die Ökofreaks die es nicht glauben mal nach "Dunkelflaute" googeln da wird sie geholfen.

03.09.2017 10:52 Altmeister 50 3

Man kann es nur wiederholen:
Die Grundannahme: Irgendwo ist immer Wind und daher wird die Leistung bei weiterem Ausbau immer stabiler, so dass am Ende keine Energiespeicher gebraucht werden. Man muss nur genügend Windräder aufstellen ist falsch.
Die Ingenieure Thomas Linnemann und Guido S. Vallana vom VGB-Powertech haben jetzt eine Studie erstellt und dafür fünf Millionen Datensätze über die europaweite Windstromproduktion der letzten Jahre ausgewertet. Ergebnis:
Bei Großwetterlagen mit Windstille liefern europaweit verteilte Windparkstandorte gerade einmal 4 Prozent der insgesamt installierten Nennleistung.
Ergo: Windenergie trägt praktisch nicht zur Versorgungssicherheit bei und erfordert 100 Prozent planbare konventionelle Backup-Kraftwerke, die betrieben und bezahlt werden müssen. Wir leisten uns mit den Windrädern teuere Zweitkraftwerke.

03.09.2017 10:50 Fragender Rentner 2

Also wurde schon wieder so ein windiges Gesetz verabschiedet, was scheinbar wieder welche für sich beeinflußt haben.

03.09.2017 09:13 colditzer 1

"Man könne es den großen Windfirmen nicht vorwerfen, dass sie alle Wege nutzen, um ebenfalls in den Genuss der Privilegien zu kommen. "
Erst kommt der Profit und dann die Moral.
Privileg heiß Knete, Geld, Money.
Die Sachsen sollen mal nach MV fahren, in den Raum Altentreptow. Da sieht man vor Spargeln die Sonne nicht.
Wenn auf der Bastei die ersten Spargel stehen ist die Welt gerettet.