Ein Lehrer einer Schule in Lingen (Niedersachsen) benutzt am 10.02.2011 während des Biologie-Unterrichts ein sogenanntes Whiteboard statt der alten Kreidetafel.
Bereits Schulen müssen besser auf die digitale Gesellschaft vorbereiten, fordern Lehrer und Vertreter der Wirtschaft in Thüringen. Bildrechte: dpa

Thüringer Wirtschaft bemängelt Schulbildung Der Lehrer hat noch nicht einmal eine Email-Adresse

Der Thüringer Wirtschaft geht es so gut wie nie seit der Wende und dennoch ist da ein gewaltiges Problem: Es fehlt der Nachwuchs. In den kommenden zehn Jahren müssten laut IHK 270.000 Arbeitskräfte nachwachsen. Das wird in der Praxis aber nicht passieren. Die Wirtschaft fordert deshalb dringend ein, die Ausbildungsbedingungen zu verbessern, um die knappen Ressourcen der Nachwuchskräfte bestmöglich an Thüringen zu binden.

von Ludwig Bundscherer, MDR-AKTUELL-Landeskorrespondent für Thüringen

Ein Lehrer einer Schule in Lingen (Niedersachsen) benutzt am 10.02.2011 während des Biologie-Unterrichts ein sogenanntes Whiteboard statt der alten Kreidetafel.
Bereits Schulen müssen besser auf die digitale Gesellschaft vorbereiten, fordern Lehrer und Vertreter der Wirtschaft in Thüringen. Bildrechte: dpa

Hartmut Koch sieht kein Zeitfenster mehr für Geduld. Der Fachkräftemangel ist in Thüringen angekommen – es gibt tausende freie Lehrstellen. Hartmut Koch ist Präsident des Verbands der Wirtschaft Thüringens und sagt sinngemäß: Wenn die Zahl der Arbeitnehmer nicht zu halten sei, dann müsse Thüringen die Qualität der Arbeitnehmer steigern. Und das schaffe nur eine bessere Ausbildung. Aber vor allem bei digitaler Bildung empfindet er Thüringens Schulen als unterentwickelt.

Lehrern steht kaum Technik zur Verfügung

Das sei schon daran zu erkennen, dass viele Einrichtungen nicht in der Lage seien, normale Arbeitsbedingungen zu schaffen, die die junge Leute teilweise zuhause hätten, wo sie mit modernen Geräten arbeiten würden. Und die Lehrer seien nicht in der Lage, das im Unterricht einzusetzen, weil die technischen Voraussetzungen fehlen würden.

Die Lehrer pflichten dem Wirtschaftsvertreter bei – Rolf Busch, der Vorsitzende des Thüringer Lehrerverbands scherzt, das Digitalste an Thüringer Schulen sei die Hofpause. Dann wird Rolf Busch aber bierernst, denn das Thema Digitalisierung treibt auch ihn um. Es könne nicht sein, dass Lehrer noch nicht einmal einen Dienst-PC für Notenlisten oder die Stundenvorbereitung hätten.

Der Vorwurf, dass Lehrer sich von den Schülern die Technik erklären lassen müssen, sei auch ein alter Hut. Aber solange ein Lehrer nicht damit ausgestattet werde, dass er eine dienstliche Email-Adresse habe und ein Gerät, mit dem er auch arbeiten könne, könne man ihm auch nicht der Vorwurf machen, dass er nicht mit digitalen Geräten arbeite.

E-Learning: Ja oder Nein?

Eine Digitalisierung des Unterrichts könnte ganze Berufszweige retten, meint Hartmut Koch vom Wirtschaftsverband. Denn die gesetzlich vorgeschriebene Klassenstärke lässt in Thüringen so manchen Ausbildungsstandort sterben. Weite Schulwege würden junge Menschen aber von bestimmten Ausbildungen abhalten, meint Koch. Hier fordert der Wirtschaftsvertreter digitalen Unterricht für die Peripherie:

Dass wir über Online-Learning auch die Möglichkeit haben, an einer zentralen Stelle die Ausbildung zu realisieren und dezentral die jungen Leute dementsprechend auszubilden. Und wenn wir dann ab und an einige Präsenztage haben, kann ich das in verschiedenen Berufen auch realisieren.

Hartmut Koch, Präsident des Verbands der Wirtschaft Thüringens

Fernunterricht via Internet ist für Rolf Busch vom Lehrerverband dagegen maximal eine sinnvolle Ergänzung, beispielsweise für Übungsaufgaben.

Aber dass wir jetzt sagen Berufsschulen finden in hohem Maße per E-Learning statt, das halte ich für den komplett falschen Weg. Denn je mehr Digitalisierung wir haben, desto mehr müssen auch persönliche Kompetenzen geschult werden und das schaff ich im E-Learning nicht.

Rolf Busch, Vorsitzender des Lehrerverbands in Thüringen

Digitalisierung: Der Wille ist da, das Geld fehlt

Auch wenn E-Learning in Thüringen in weiter Ferne liegt, so hat sich die Landesregierung dennoch der digitalen Bildung angenommen. Wirtschafts- und Digitalisierungsminister Wolfgang Tiefensee kündigt an: "Wir haben in Thüringen vor, eine digitale Strategie zu beschließen, Ende des Jahres." Hier gehe es darum die Einrichtungen so aufzustellen, dass sie technisch ausgestattet seien. Es gehe auch darum, die Grundzüge des Programmierens zu erlernen, sich in dieser Welt zuhause zu fühlen, denn das werde ein Muss sein.

Tiefensee sagt aber auch deutlich, dass das Geld fehlt, um wirklich alle Thüringer Klassenzimmer zum Beispiel auf digitale Tafeln umzurüsten.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 21.09.2017 | 06:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2017, 08:10 Uhr