Ein Teil einer Erdölraffinerieanlage in Leuna vor der untergehenden Sonne
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Chemiepark-Jubiläum 100. Geburtstag: In Leuna läuft es rund

Zum Stichwort Leuna fallen einem eine ganze Reihe Begriffe ein: Der Grundstoff der Dederon-Strumpfhose wurde hier entwickelt, zu DDR-Zeiten hieß der Standort VEB Leuna-Werke Walter Ulbricht und nach dem politischen Umbruch zeigte sich hier ein ungekanntes Maß an Umwelt-Verseuchung. Macht zusammen: 100 Jahre Geschichte. Mit einem offiziellen Festakt wird das Jubiläum heute eröffnet. Auch Kanzlerin Merkel reist nach Leuna. Wo steht der Chemiestandort Leuna heute wirtschaftlich?

von Johannes Schiller, MDR INFO

Ein Teil einer Erdölraffinerieanlage in Leuna vor der untergehenden Sonne
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270.000 Kesselwagen verlassen den Standort Leuna pro Jahr über ein eigenes Schienennetz. Der Chemiepark hat Kraftwerke, eine eigene Wasserversorgung und ein kilometerlanges Rohrsystem. Der Chemiepark ist eine eigene Stadt auf einer Fläche fast so groß wie die Ostsee-Insel Hiddensee. Trotzdem behält einer den Überblick: Christof Günther, der Chef der Servicegesellschaft Infraleuna. "Wir sind stolz, dass wir jetzt dieses Jubiläum feiern können und hier einen wettbewerbsfähig aufgestellten Chemiepark haben, der vorbildlich ist für viele andere Chemieparks in Deutschland – und weltweit", sagt er.

Über eine Viertelmillion Kesselwagen verlassen den Chemiepark Leuna jährlich - bei jedem Wetter.
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Geburtstagsgeschenk: 200 Millionen Euro an Investitionen

Im größten deutschen Chemiepark haben sich 100 Unternehmen angesiedelt, darunter kleine Mittelständler, aber auch internationale Großkonzerne. Seit 1990 wurden sechs Milliarden Euro investiert. Jetzt, im Jubiläumsjahr, stehen neue Projekte auf dem Plan – wie zum Beispiel ein zweiter Übergabebahnhof. Auch mehrere Firmen wollen Geld in die Hand nehmen. "Wir haben im Jubiläumsjahr Investitionen in Höhe von 200 Millionen Euro", verkündet Infraleuna-Chef Christof Günther stolz. "Das ist so viel wie seit vielen Jahren nicht mehr. Wir sind ausgesprochen froh darüber."

Zehn Milliarden Euro Umsatz 2015

Besonders stolz sind sie in Leuna auf den sogenannten Stoffverbund. Zu dessen Kern zählt die Total-Raffinerie, die aus Erdöl wichtige Chemikalien produziert. Diese werden durch die Rohre zu den Chemie-Unternehmen geleitet - schnell und hoch effizient. Der Stoffverbund gehört nach Meinung von Thilo Höchst vom Verband der chemischen Industrie zur Erfolgsgeschichte Leuna: "Wenn Sie die Bilder aus der Zeit nach der Wende sehen, wie Leuna damals aussah...Dann sind das heute wirklich – der Begriff ist vielleicht ein bisschen abgedroschen –blühende Landschaften." Die "blühenden Landschaften" sind ein Zitat von Altkanzler Kohl und meist Grund für Spott. Aber für Leuna scheint das Bild zu passen: Zehn Milliarden Euro setzten die Unternehmen im vergangenen Jahr um, etwa 9.000 Beschäftigte arbeiten in dem Park.

Asien macht der Branche zu schaffen

Gebäude mit Schriftzug Leuna-Werke
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Aber die deutsche Chemiebranche steht unter hohem Druck. Die Preise für Chemikalien sind so tief wie seit fünf Jahren nicht, vor allem wegen schlechter Geschäfte mit Asien. Hier liegt für den Wirtschaftsberater Gunther Festel auch der Grund, warum Leuna nicht so stark wachsen konnte, wie man vor 25 Jahren gehofft hatte: "Das hat sicher auch damit zu tun, dass alle europäischen Chemiestandorte ein Wachstums- oder Auslastungsproblem haben. Es ist nun mal – und das war vor 25 Jahren in der Konsequenz auch nicht absehbar – unheimlich viel nach Asien abgewandert."

Nachwachsende Rohstoffe - in Leuna eher weit weg

Ein Zukunftsthema für Leuna sieht Festel in der Chemie aus nachwachsenden Rohstoffen, also etwa Einkaufstüten aus Holz. Und auch hier hat Leuna eine gute Startposition: Zum Beispiel durch das Fraunhofer Zentrum für Biologisch-Technische Prozesse. Ein wichtiges Zukunftsthema, meint auch Infraleuna-Chef Günther - aber eher eines von übermorgen: "Dort, wo wirklich in größeren Volumina produziert wird, spielen die nachwachsenden Rohstoffe noch keine Rolle. Die sehen wir auf absehbare Zeit noch nicht. Da werden wir einen längeren Atem brauchen." Sein Plan für Leuna sieht so aus: Er will die Raffinerie stärken und den Stoffverbund weiter ausbauen. Dann, so Günther, hat Leuna eine ausgesprochen gute Zukunft.

Zuletzt aktualisiert: 03. März 2016, 05:00 Uhr