Blick auf eine Montagestrecke im Daimler-Werk Rastatt. Hier werden Elemente am Dach mittels Schwingsitz montiert.
In der Metall- und Elektroindustrie wird ein neuer Tarifvertrag verhandelt. Bildrechte: dpa

Auftakt für Tarifverhandlungen IG Metall kämpft für 28-Stunden-Woche

Für die Metall- und Elektroindustrie haben am Mittwoch die neuen Tarifverhandlungen begonnen. Die IG Metall fordert nicht nur sechs Prozent mehr Lohn. Sie will auch eine 28-Stunden-Woche in die Tarifverträge schreiben lassen, zeitlich befristet für Beschäftigte, die Kinder erziehen oder Angehörige pflegen. Damit verbunden ausßerdem: Ein Rückkehrrecht von Teil- zu Vollzeit.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Blick auf eine Montagestrecke im Daimler-Werk Rastatt. Hier werden Elemente am Dach mittels Schwingsitz montiert.
In der Metall- und Elektroindustrie wird ein neuer Tarifvertrag verhandelt. Bildrechte: dpa

Geld ist bekanntlich nicht alles. Und so fordert die IG Metall in dieser Tarifrunde für ihre Mitglieder mehr Zeit. Sie sollen nur noch 28 Stunden pro Woche arbeiten müssen, befristet auf zwei Jahre, wenn ihre Lebensumstände das erfordern.

Olivier Höbel, Bezirksleiter IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen, spricht am 29.04.2016 in Zwickau (Sachsen)
Olivier Höbel, Bezirksleiter IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen. Bildrechte: dpa

Die Idee gehe zurück auf eine Mitgliederbefragung, sagt Olivier Höbel, IG Metall-Chef für Berlin, Brandenburg und Sachsen. "Von daher berücksichtigen wir Wünsche, die die Kolleginnen und Kollegen haben, die sagen: Wir arbeiten zum Beispiel sehr flexibel. Aber was uns ärgert ist, dass fast ausschließlich die Vorgesetzten diese Flexibilität anordnen. Wenn Erziehungs- oder andere Fragen wichtig werden, wollen wir selber mehr Verfügungsmöglichkeit auf unsere Arbeitszeit haben."

Rückkehrrecht zur Vollzeit erstreiten

Schon jetzt gibt es einen gesetzlichen Rechtsanspruch auf Teilzeit. Allerdings gibt es kein Recht, zur Vollzeit zurückzukehren. Die IG-Metall-Forderung könnte das ändern. Doch ihre befristete 28-Stunden-Woche dürfte vielen Unternehmern missfallen. Denn die Gewerkschaft will, dass die Firmen den Verdienstausfall, der durch die Teilzeit entsteht, ausgleichen. Als Entschädigung soll es monatlich 200 Euro von der Firma geben.

Das sei tarifrechtlich völliges Neuland, sagt Thorsten Schulten von der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung. "Die IG Metall ist bekannt dafür, wenn man die bundesdeutsche Tarifgeschichte hernimmt, dass sie schon mehrmals Pionier neuer Entwicklungen war. Deshalb bin ich mir sicher, dass, wenn die IG Metall in diesem Bereich erfolgreich ist und es zu neuen Regelungen kommt, wir auch Nachahmer in anderen Branchen finden."

Mehr Lebensqualität gewünscht

Zumindest trifft die IG Metall den Zeitgeist – den Wunsch nach mehr Lebensqualität. Vergangenes Jahr haben die Eisenbahner einen Tarifvertrag ausgehandelt. Die Beschäftigten konnten wählen: 2,6 Prozent mehr Lohn, eine Stunde weniger Dienst oder sechs Tage mehr Jahresurlaub. Noch einmal Thorsten Schulten: "Unter den drei Wahloptionen mehr Geld, weniger Arbeit oder mehr Urlaub hat die große Mehrheit, also mehr als die Hälfte, sich für den Urlaub entschieden. Das zeigt, dass das Interesse an mehr Freizeit für viele Beschäftigte ein wichtiges Gut ist."

Arbeitgeber lehnen Vorstoß ab

Dieses Gut kollidiert allerdings mit dem Wunsch der Unternehmer, möglichst viel von ihren Beschäftigten zu haben. Reinhard Pätz, Geschäftsführer des ostdeutschen Verbandes der Maschinen- und Anlagenbauer, sagt, das Fachkräfteproblem werde mit einer befristeten 28-Stunden-Woche größer: "Die Rente mit 63 hat uns schon gewaltig dazwischen gehauen, weil wir auf die 67 eingestellt waren. Wenn jetzt eine Reduzierung der Wochenstunden kommen sollte, haben die Firmen in den ländlichen Bereichen noch größere Probleme, Fachkräfte zu bekommen. Denn sie können diejenigen, die ihnen fehlen, gar nicht von heute auf morgen ersetzen."

Pätz sagt, wenn Beschäftigte Angehörige pflegen oder Kinder erziehen, seien die Unternehmer zu individuellen Lösungen bereit. Einen Anspruch auf befristete Teilzeit im Tarifvertrag lehnt er ab. Bis Januar muss eine Einigung her. Ab dann kann die IG Metall streiken.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 15.11.2017 | 06:08 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2017, 14:51 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

6 Kommentare

17.11.2017 12:25 klarimkopf 6

Helmut Kohl hatte seinerzeit Recht: Deutschland ist auf dem Weg in eine Spassgesellschaft.
Die Gewerkschaften definieren anscheinend die Arbeit nur noch als lästiges Begleitübel auf dem Weg zum Grundeinkommen ohne Arbeit. Armes Deutschland.

15.11.2017 16:56 optinator 5

Vor lachen kann ich nicht mehr denken.
So ein Arschtritt für alle die 40 Stunden arbeiten, Schichtarbeiter haben bei verschiedenen Schichtmodellen kaum Freizeit, und dann noch die Löhne und Gehälter im Osten bei Firmen die den Arbeitgeberverband nicht angehören.

IGM - ein Showverein den ich "Gott sei Dank" vor 20 Jahren verlassen habe. Das spart wenigstens etwas.

Noch 3 Jahre und 2 Monate - dann soll mit dieser Wirtschaft geschehen was will, besser wird eh nichts mehr.
Stelle man sich vor 0,1 % weniger Arbeitslosenversicherung.
Nur Verarsche !

15.11.2017 16:13 Fragender Rentner 4

Welchen Std.-Lohn haben diese Metaller?

Wenn er hoch ist, kann es da nicht für die unteren Lohngruppen eine bessere Lohnerhöhung geben als für die oberen Lohngruppen?

Müßte nur geklärt werden was hoch und was tief ist.

15.11.2017 16:06 GEZE 3

@Markus, die Produktivität durch Automatisierung ist in den letzten 20 Jahren um 30 Protzent gestiegen.
Im Umkehrschluss müssten wir bei gleicher Leistung 30% weniger arbeiten. Da wir ja immer noch zum großen Teil bei den 40h festhängen, hat wohl jemand einen satten Gewinn mit diesem Überschuss gemacht.

15.11.2017 13:49 Markus 2

Ich verstehe nicht... Wir alle arbeiten 40 Stunden pro Woche, und die IG Metall-Arbeiter wollen nur 28... Sind sie besser als wir? Dann schon 28-Stunden-Woche für Alle, per Gesetz!!!

15.11.2017 05:31 Privatisierung, Steuersenkung, Sozialstaatsabbau 1

"Pätz sagt, wenn Beschäftigte Angehörige pflegen oder Kinder erziehen, seien die Unternehmer zu individuellen Lösungen bereit.

das Geschäftsmodell mit alten und kranken wird sich doch die Politik nicht kaputt machen lassen.