Mit einem Mähdrescher wird Weizen auf einem Feld in den Abendstunden geerntet.
Bildrechte: dpa

Landwirtschaft 4.0 Digitale Entwicklung mit Ketchup-Effekt

Digitalisierung ist Landwirten schon lange kein Neuland mehr. Auf den Feldern fahren Computer- und Satelliten-gesteuerte Maschinen. Kühe gehen, wenn das Euter drückt, zum geduldigen Melkroboter. Aber auch auf Weiden und Feldern gibt es Visionen von der Arbeitswelt 4.0. Sachsens Agrarminister hatte unlängst Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung vereint, um ein bisher einmaliges Zukunftsforum ins Leben zu rufen.

von Maren Beddies, MDR AKTUELL

Mit einem Mähdrescher wird Weizen auf einem Feld in den Abendstunden geerntet.
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Landwirtschaft 4.0 hat viele Gesichter. In Radebeul bei Dresden haben Ende August unter anderem ein Professor für Mobilfunktechnik, ein Startup-Unternehmer aus der Futtermittelbranche und ein Forscher aus dem Bereich Hühnerzucht ihre Visionen der Landwirtschaft von morgen vorgestellt. Eingeladen wurden sie von Thomas Schmidt, Landwirtschaftsminister in Sachsen.

Irgendwann macht's Blubb und der ganze Teller ist voll. Vor diesem Blubb stehen wir in der Entwicklung.

Thomas Schmidt Landwirtschaftsminister in Sachsen

Er hatte sich lange vor seiner Amtszeit mit Zukunftstechnologien befasst und glaubt, dass Digitalisierung schon bald alle Bereiche der Landwirtschaft durchdringen wird: "Diese Entwicklung geht langsam und stetig und irgendwann kommt man an einen Punkt, wo die Entwicklung explodiert. Ich nenne das Ketchup-Effekt. Sie kennen das, wenn man eine Ketchup-Flasche in der Hand hat und versucht, da was raus zu bekommen. Da kommen immer so kleine Kleckse und irgendwann macht‘s Blubb und der ganze Teller ist voll. Vor diesem Blubb stehen wir in der Entwicklung. Da wird in den nächsten Jahren Enormes auf uns zukommen."

"Taktiles Internet" eröffnet neue Möglichkeiten

Eine erste Zukunftsvision auf dem Forum entwirft Professor Fettweis von der TU Dresden. Er ist Experte für mobile Nachrichtensysteme und hat mit Landwirtschaft eigentlich wenig zu tun. Aber die künftige Mobilfunktechnik wird neben dem Datenaustausch auch die Arbeitsabläufe verändern.

Fettweis forscht am taktilen Internet, das Bewegungen in Echtzeit übertragen kann. Die Reaktionszeit wird etwa ab dem Jahr 2022 von heute 100 Millisekunden auf eine bis zehn Millisekunden sinken. Professor Fettweis erklärt, wie das die Landwirtschaft verändern wird: "Zum einen heißt das, dass wir sehr genau Fahrzeuge auf dem Feld sich bewegen lassen können. Die Überwachung können wir ganz anders steuern und – nicht zu vergessen – heißt das, dass wir auch ganz andere neue robotische Systeme, also spinnenbeinige Geräte, bauen können. Nachher haben Sie ein unangetastetes Feld, was die Bodenverdichtung dementsprechend verhindert."

Mehr Sensoren, mehr Daten, mehr Effizienz

Taktiles Internet bedeutet, dass Cloud- oder Web-Anwendungen so schnell wie unser Nervensystem auf Sinneswahrnehmungen reagieren. Das klingt wie Musik in den Ohren von Startup-Unternehmer Carsten Gieseler. Er hat die Firma FODJAN mitentwickelt, die über eine Cloud-Plattform Futtermittelerzeuger und Tierwirte auf schnellstem Weg zusammenbringt.

Gieseler erklärt, wie das die Agrarwissenschaftler und Informatikexperten im Startup machen: "Der Mähdrescher hat teilweise schon Sensoren, die Feuchte messen. Aber in Zukunft werden wir auch noch viel mehr messen, wie Proteingehalt, Energiegehalt und so weiter. Dann können wir sagen: Bei dem Landwirt passt das gut in die Fütterung. Wir mit unseren Algorithmen können schnell mal so tausend Futtermittel durchscreenen und das können wir ständig machen. Also wie eine Suchmaschine im Internet Webseiten sucht, werden wir zukünftig Futtermittel suchen weltweit."

Nie wieder Kükenschreddern?

Über diesen Weg ist dann auch gut nachvollziehbar, ob eine Kuh beispielsweise genverändertes Futter gefressen hat oder nicht. Ähnlich negativ wie auf Gentechnik reagieren Verbraucher beim Thema Tierzucht. Forscher aus Sachsen haben jetzt eine Methode entwickelt, die das Töten männlicher Eintags-Küken in der Hühnermast verhindern soll.

Das könne die Tierzucht revolutionieren, schwärmt Sachsens Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt und erläutert die Methode: "Drei, vier Tage nachdem das Ei angebrütet ist, wird ein Stück Schale mit dem Laser herausgefräst – abgedeckelt, nenne ich das jetzt mal. Dann wird das Ei gescannt. Und es wird festgestellt, an den Proteinen und Hormonen die da drin sind, was am Ende daraus werden wird: Hahn oder Henne? Dann wird es wieder verschlossen und die zukünftig weiblichen werden weiter gebrütet. Die anderen werden verwertet als Futter – also müssen keine Küken mehr getötet werden."

Unterstützung aus Brüssel

Beim Zukunftsforum in Radebeul gab es nach den vorgestellten Arbeits-Visionen rege Diskussionen. Kontakte und Erfahrungen wurden ausgetauscht, der Wunsch nach einem nächsten Treffen folgte unmittelbar. Minister Schmidt versprach, das Forum weiter zu führen. Rückenwind dafür hat er sogar aus Brüssel erhalten: "Ich war beim Kommissar Hogan. Auch Brüssel will diesen Ansatz entwickeln. Hogan war ganz begeistert. Er hat mal nicht nur was über Milchkrise und wie schlimm alles in der Landwirtschaft ist, gehört. Er hat gesagt: Endlich kommt mal ein Minister zu mir, der in die Zukunft schaut." Und das sei der Ansatz in Sachsen, der werde bestärkt.

Die Politik in Sachsen will also mit Landwirten und Wissenschaftlern weiter spinnen, was zukünftig möglich ist und sein könnte. Das Zukunftsprojekt des Sächsischen Ministeriums für Landwirtschaft und Umwelt – kurz SMUL - läuft übrigens unter dem Namen "SIMUL+". Und das steht im Lateinischen für das Wort "zusammen".

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im Radio | 05.11.2016 | 5:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. November 2016, 05:00 Uhr

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2 Kommentare

07.11.2016 10:50 Naumburger 2

Irgendwann werdet ihr feststellen das man 4.0 nicht essen kann.

05.11.2016 17:47 zausel 1

Wie soll denn da der Bauer bis 70 arbeiten? Wer soll all die Produkte kaufen, wenn nur noch wenige Arbeit haben? Roboter kaufen nichts. Und machen wir uns nichts vor, langfristig gibt es kaum einen Job, der nicht zu ersetzen ist. Wie sieht also die Gesellschaft der Zukunft aus? Welche Antworten hat die Politik? Oder heißt es nur wieder: Wir schaffen das?

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