Eingangsbereich einer Agentur für Arbeit
Der Gang zum Jobcenter reicht oft nicht, um Menschen aus der Langzeitarbeitslosigkeit zu holen. Experten fordern umfassende Maßnahmenpakete. Bildrechte: dpa

Hartz IV in Mitteldeutschland Welche Maßnahmen gegen Langzeitarbeitslosigkeit helfen könnten

Obwohl auch in Mitteldeutschland die Zahl der Langzeitarbeitslosen in den vergangenen zehn Jahren deutlich gesunken ist, hängen noch immer viele Menschen dauerhaft im Hartz-IV-Bezug fest. Was kann man dagegen tun?

von Manuela Lonitz, MDR AKTUELL

Eingangsbereich einer Agentur für Arbeit
Der Gang zum Jobcenter reicht oft nicht, um Menschen aus der Langzeitarbeitslosigkeit zu holen. Experten fordern umfassende Maßnahmenpakete. Bildrechte: dpa

Rund 285.000 Männer und Frauen in Mitteldeutschland sind schon vier Jahre oder länger auf die staatliche Unterstützung angewiesen. Das ist mehr als die Hälfte der erwerbsfähigen Hartz-IV-Empfänger hierzulande. Die Gründe für die lange Arbeitslosigkeit sind vielfältig, sagt Kay Senius, Chef der Regionaldirektion der Arbeitsagentur Sachsen-Anhalt-Thüringen.

Senius sagt: "Es ist eine Kombination zwischen schlechter werdender Motivation aus fortgesetzter Enttäuschung und Zugangshemmnissen in den Arbeitsmarkt, die wir mit Maßnahmen eigentlich nicht mehr beseitigen können: schlechter Gesundheitszustand, hohes Alter, Vorbehalte bei Arbeitgebern, Langzeitarbeitslosen Chancen einzuräumen. Das führt im Endeffekt zu dieser Verkrustung der Langzeitarbeitslosigkeit."

Es braucht intensive Betreuung

Bei fehlender Qualifikation also einfach umschulen. Das funktioniert so einfach eben nicht. Das weiß auch Sandra Böhme. Sie ist Standortleiterin beim Bildungsträger SBH Südost in Halle. Hier sollen auch Langzeitarbeitslose wieder fit gemacht werden für den Arbeitsmarkt.

Böhme sagt: "Ich denke, der Einsatz von Sozialpädagogen bis hin zu psychologischer Betreuung ist in den letzten Jahren sehr wichtig geworden. Das heißt, dass man nicht nur die berufliche Sicht sieht, sondern eben auch den ganzen Rucksack eines Langzeitarbeitslosen, den der mitbringt. Den machen wir hier auf und packen ihn aus, um die einzelnen Problemlagen zu bearbeiten."

Talente fördern, statt nur Defizite beseitigen

Regionaldirektor Landesarbeitsagentur Sachsen-Anhalt Thüringen
Kay Senius, Regionaldirektor der Arbeitsagentur Sachsen-Anhalt Thüringen. Bildrechte: MDR / Fakt ist...!

Dafür bräuchten auch die Mitarbeiter in den Jobcentern mehr Zeit. Deshalb fordert Regionalchef Kay Senius, dass das durch den Rückgang der Arbeitslosigkeit frei werdende Personal nicht abgebaut, sondern genutzt wird, um den Betreuungsschlüssel zu senken.

Statt wie bisher um 120 Arbeitslose sollte sich ein Vermittler nur noch um 75 kümmern: "Wir haben in allen Bereichen und in allen Modellversuchen die Erfahrung gemacht, dass das Investitionen sind, die sich auszahlen: eine enge Betreuung des Langzeitarbeitslosen. Nicht nur zu versuchen, die Defizite zu beseitigen, sondern insbesondere die Talente, die man hat, zu fördern und zu entwickeln", so Senius.

Dafür müsse die Agentur ihre Beratungskompetenz weiter ausbilden.

Begleiter und stundenweiser Einstieg

Senius sieht aber auch den Gesetzgeber in der Pflicht, neue Möglichkeiten zu schaffen oder auszuweiten. So gäbe es beispielsweise für Jugendliche spezielle Begleiter, die Ausbildungsabbrüche verhindern sollen. Die möchte Senius auch für Langzeitarbeitslose in der ersten Zeit im neuen Job einsetzen. Außerdem möchte er ihnen einen stundenweisen Einstieg ermöglichen.

Langzeitarbeitslose müssten zudem aus ihrer Isolation geholt werden. "Wir hatten bundesweit mal 90.000 Menschen, die im Bundesfreiwilligendienst ihren Dienst gemacht haben. Gegenwärtig haben wir 40.000", so Senius. "Allein hier würden sich, glaube ich, durch eine systematische Öffnung des Bundesfreiwilligendienstes für Langzeitarbeitslose auch bundesweit noch mal hohe Eingliederungsmöglichkeiten ergeben."

Zudem fordert er einen sozialen Arbeitsmarkt für diejenigen, die in ihrer Region oder wegen ihrer Hemmnisse keinen Job finden. Gemeint ist dauerhaft gemeinwohlorientierte Arbeit wie beispielsweise die Bürgerarbeit. Bislang nämlich führten zeitlich befristete Programme bei den Langzeitarbeitslosen immer wieder zu Enttäuschungen, wenn sie ausliefen.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 15.04.2017 | 06:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. April 2017, 11:21 Uhr

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19 Kommentare

16.04.2017 09:52 theo w. 19

Wir haben in Deutschland 5 Mio Erwerbslose. Für die gibt es keine Arbeit! Da könnt Ihr es drehen, wie Ihr wollt. Das ist reine Mathematik. Nehmen wir jetzt noch ein paar Mio Einwanderer dazu und die durch Digitalisierung verlorenen Arbeitsplätze, wird es in den nächsten Jahren richtig schlimm. Das hält unser Sozialsystem nicht aus!

15.04.2017 23:09 Reiner Wahnsinn 18

Werter Herr Senius, eventuell sollten die Damen und Herren in den Arbeitsämtern (oder wie diese Einrichtung über die Zeit auch immer neu bezeichnet wurde) in einer mehrjährigen Maßnahme erstmal erinnert werden, wofür sie dort (üppig) bezahlt werden. Meine Erfahrung: Als ich einen jungen "Harzer" zu seiner Unterstützung begleitet habe, wir einen gewissen Gebäudetrakt nicht gleich fanden, stellte ich drei entgegenkommenden Damen die Frage: "Würden Sie uns bitte helfen?" Die Reaktion einer dieser Damen... Nasenspitze und Augen nach rechts oben, mit nach links gespitzer Schnute kam: "NEIN".
Mein Fazit: Warum sollte diese Dame Arbeitslosen helfen, die lebt ja von denen (und nicht mal allzu schlecht). Die wird sich doch nicht ihren sicheren Arbeitsplatz abbauen, wie dies Bergbausanierer tun.

15.04.2017 21:45 Kritischer Bürger 17

Ein Langzeitarbeitsloser (35 Jahre alt+7 Jahre ArbL) hat auch eine Meinung zu diesem Vorhaben geäußert und mich gebeten diese hier mit anzuschreiben. ich teile diese Meinung ebenfalls. Wenn man die neue Beschäftigungsmaßnahme unter dem Motto "58 Plus" auf 35 Plus absenken würde hätten diese ArbL erstens eher eine Chance ihre darin erreichten Berufserfahrungen aus solchen Maßnahmen anzuwenden! Zweitens: Noch einige Jahre länger eine Tätigkeit auszuüben um einen ArbG zu überzeugen! Drittens: Das auch das Alter eine große Rolle spielt. *** Meine Ergänzung hierzu: Was haben Menschen mit 58 Jahren Plus x noch viel an Hoffnung für die Umsetzung solcher Erfahrungen aus solchen Maßnahmen? Beratungskompetenz ist KEIN ALLHEILMITTEL! Nur eine Beschäftigung! Mit dem Alter kommen bekanntlich viele Probleme bei vielen Mitmenschen, was man 23 Jahre früher im Leben oder mehr sicherlich nicht so extrem hätte. Herr Senius sollte sich mal bitte darüber Gedanken machen,als neue Behördenarbeit einzuführen.

15.04.2017 21:27 Part 16

Mit der Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens würde sie Sachlage wohl ganz anders aussehen, nicht nur statistisch. Doch bisher wurden leider die Opfer von Hartz Iv und Spätkapitalismus dafür verantwortlich gemacht das sie nicht mehr bestehen können in allgemeinen Hamsterrad von immer höher und weiter. Mit mehr Bürokratie lässt sich der Knoten leider auch nicht lösen, hier bedarf es bedarfgerechter Lösungen, für die manch ein Fallmanager noch nie die nötige Qualifikation besaß. Die jahrelange Förderung der Bildungsmafia hat leider auch nichts gebracht außer vielleicht ein paar Millionäre mehr. Förderung im öffentlichen Beschäftigungssektor und endlich Weiterbildungen nach Wunsch und Neigung könnten das Problem abschwächen helfen.

15.04.2017 18:57 Saskia Pahl 15

Ich sehe hier nur einen Artikel der beschreibt, wie wenig die Regierung bereit ist zu tun.
Neutrale Berichterstattung. Finde ich gut.
Urteile gehören eben nicht überall rein.
Ich selbst kann dazu nur sagen: Umstrukturierung der Jobcentren ist ein guter und wichtiger Punkt. Der muss passieren. 135 Fälle pro Angestellter ist eine unzumutbare Zahl.
Der Ansatz ist gut.. aber mangelhaft. Wir brauchen wesentlicher mehr Optionen für den Langzeitarbeitslosen und für die "Arbeitsunfähigen"
Es müssen flexible Angebote sein und gerade was die psychologische Betreuung angeht, brauchen wir kompetentere Kräfte sie sich gerade mit Depressionen, Borderline, Angstörrungen auskennen.. und nicht nur Leute in die Form pressen mit der Hammer - ich wurde dir zugeteilt, du musst jetzt mit mir zusammen arbeiten.
Dazu muss der Bund bereit sein auch die psychiatrische Landschaft wieder weiter auszubauen, statt weiter nur Kürzungen zu beantragen, die man dann als Wahlversprechen rückgängig macht. :/

15.04.2017 18:37 karstde 14

In unserem Gesellschaftssystem überhaupt keins. Das der MDR so etwas bringt. Leute mal ehrlich.

15.04.2017 18:19 psteffen 13

@ 7 Arbeiterin

Zitat „ Wir bekommen nun Mindestlohn, dürfen allerdings auch weniger arbeiten. Mir fehlen dadurch mehrere Hundert Euro im Monat. Die durch uns eingesparte Arbeitszeit übernehmen Leiharbeiter und 1 Euro Jobber.“

Wenn dem tasächlich so ist wie du schreibst ist daran aber nicht der Mindestlohn schuld, sondern (asozialer) Arbeitgeber !
Wo arbeitest du denn ,öffentlicher Dienst ? Leiharbeiter ? Welches Privatunternehmen Darf denn 1 Euro Jobber beschäftigen? 1Euro Jobs dürfen bestehende Arbeitsplätze nicht verdrängen.

15.04.2017 16:46 Fragender Rentner 12

@ zu 7 und 8

Hauptsache die Profite der AG und die Steuereinnahmen sind gestiegen.

15.04.2017 13:46 DB 11

@2 Heiko: In Deutschland wird doch nicht die Arbeitslosigkeit bekämpft, sondern die Arbeitslosen werden bekämpft!

15.04.2017 13:08 S 10

Statt Flüchtlinge zu integrieren, sollten erst einmal alle Deutschen vorrangig in Arbeit oder /Ausbildung gebracht werden! Dann sollten alle 1 Euro Jobs oder Maßnahmen abgeschafft werden und jede Firma sollte mindestens 2 - 3 Langzeitarbeitslose einstellen müssen! Es sollte gesetzlich zur Pflicht werden, Langzeitarbeitslose eine Chance zu geben statt nur "Behinderte" oder Schwerbehinderte!