Umbaukosten in Milliardenhöhe Länder in Mitteldeutschland streiten mit Bahn über Bahnsteighöhen

Vorsicht an der Bahnsteigkante: Mehr als 1.200 Bahnsteige in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen passen nicht mehr ins neue Höhenkonzept der Bahn und müssten umgebaut werden. Doch in den Ländern regt sich massiver Widerstand gegen die Pläne. Kritiker schätzen, dass ein Umbau sogar bis zu 1,1 Milliarden Euro verschlingen könnte. Auch die Verkehrsverbünde müssten zahlen.

Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen streiten derzeit heftig mit der Deutschen Bahn über die Höhe von Bahnsteigen. Nach MDR-Informationen geht es dabei um die Vereinheitlichung von Einstiegshöhen in Deutschland. Die Bahn möchte in Zukunft fast überall 76 Zentimeter hohe Kanten haben. Das Problem: Besonders in Ostdeutschland sind die meisten neuen Bahnsteige mit 55 Zentimetern Höhe gebaut worden.

Mehr als 1.200 Bahnsteige in Mitteldeutschland zu niedrig

In einem internen Papier der Deutschen Bahn, das dem MDR vorliegt, wird die derzeitige Situation deutlich. Von den derzeit insgesamt 1.614 Bahnsteigen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sollen 1.212 die neue Höhe von 76 Zentimeter bekommen, 183 sind bereits so hoch oder wurden schon in dieser Höhe geplant. Der Rest sind Ausnahmen, die bleiben können, wie sie sind.

Neues Bahnsteighöhenkonzept für bundesweite Anpassung

Der Grund des Umbaus ist das sogenannte "Bahnsteighöhenkonzept 2017". Damit soll, so eine Bahnsprecherin zum MDR, langfristig erreicht werden, dass Personen deutschlandweit nicht mehr über Treppen, Stufen oder Rampen in die Züge steigen müssen. Damit wäre das Reisen, etwa für Menschen mit Behinderungen, leichter.

55 Zentimeter als mitteldeutscher Standard

Was zunächst einmal gut klingt, führt vor allem in den ostdeutschen Bundesländern zu einem Sturm der Entrüstung. Denn in dem bisherigen "Bahnsteighöhenkonzept 2011" hatten sich Bahn und Länder auf einheitlich 55 Zentimeter geeinigt. So wurden die Strecken in Mitteldeutschland in den vergangenen 25 Jahren auch gebaut, etwa auch das S-Bahn-Netz in und um Leipzig, das 2013 eröffnet wurde.

Derzeit treffen sich zu diesem Thema die zuständigen Stellen der Länder mit der Bahn. In Sachsen hat eine erste Zusammenkunft bereits stattgefunden, in Sachsen-Anhalt und Thüringen ist sie für September vorgesehen.

Kritik aus Verkehrsverbund Sachsen-Anhalt

Ein Sprecher der landeseigenen Nahverkehrsgesellschaft NASA in Sachsen-Anhalt macht bereits vor dem Gespräch den Standpunkt des Landes deutlich. Dem MDR sagte er: "Das Land Sachsen-Anhalt sieht das neue Bahnsteighöhenkonzept (...) sehr kritisch". Das mittelfristige Ziel einer weitgehenden Barrierefreiheit würde damit in weite Ferne rücken. "Nach groben Schätzungen rechnen wir für die Aufhöhung der Bahnsteige mit Kosten in Höhe eines mittleren dreistelligen Millionenbetrages."

Thüringen: "Rückschritt" für Barrierefreiheit

Ähnliche Bedenken gibt es auch in Thüringen. Eine Sprecherin des Infrastrukturministeriums sagte dem MDR, das Konzept der Bahn bedeute einen Rückschritt bei der Umsetzung der Barrierefreiheit. Die Bahnen im Nahverkehr seien fast durchweg für Einstiege konzipiert, die eine 55 Zentimeter hohe Bahnsteigkante voraussetzen.

Dies geschah immer in enger Abstimmung mit der Deutschen Bahn.

Sprecherin des Thüringer Infrastrukturministeriums

Zugleich verwies sie ebenso wie der NASA-Sprecher auf hohe Zusatzkosten. Die nötigen Millioneninvestitionen für die Bahnsteige würden vom Bund als Eigentümer der Bahn getragen. Es müsste vor allem die Fahrzeugflotte im Nahverkehr erneuert sowie Anpassungen an Treppen, Aufzügen und Rampen vorgenommen werden, die Kosten dafür lägen nicht bei der Bahn.

Sachsen hält an 55 Zentimetern fest

Die Vertreter des Sächsischen Wirtschaftsministeriums haben ein erstes Treffen mit der zuständigen DB Station & Service AG bereits hinter sich. Auch dabei wurde nach MDR-Informationen eine ablehnende Haltung gegenüber dem neuen Bahnsteighöhenkonzept zum Ausdruck gebracht.

Laut Verkehrsministerium wurde die Bahn mit einigen Hausaufgaben wieder nach Hause geschickt. "Für den Freistaat wurden keine konkreten Aussagen zu Kosten, Finanzierung, Art und Zeithorizont der Umsetzung getroffen", sagte ein Ministeriumssprecher dem MDR. Bevor diese Fragen nicht beantwortet seien, könne überhaupt keine sachliche Diskussion zum Thema beginnen.

Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) begrüßte zwar das langfristige Ziel der einheitlichen Bahnsteighöhen. Es dürfe jedoch nicht zu Lasten der mittelfristig erreichbaren Barrierefreiheit über die 55er-Bahnsteigkanten im Freistaat Sachsen gehen, sagte Dulig dem MDR. Kurzum: Die Kante bleibt niedrig.

Für Verkehrsverbund steht Umbau nicht zur Debatte

Auch die Verkehrsverbünde in Mitteldeutschland stellen sich rigoros gegen die Visionen der Bahn. Der Chef des Zweckverbandes Mittelsachsen, Christoph Scheuer, erklärte, die Umsetzung des Konzeptes stehe nicht zur Debatte.

Der CDU-Politiker, der auch Landrat des Landkreises Zwickau ist, begründet seine ablehnende Haltung damit, dass für den 55-Zentimeter-Standard im Freitstaat auch etwa 300 passende Züge angeschafft worden seien. Ein Vielfaches der bisher eingesetzten finanziellen Mittel wären seiner Meinung nach notwendig, um die heute bereits erreichte Barrierefreiheit auch auf dem 76-Zentimeter-Niveau herzustellen.

Mögliche Kosten in Milliardenhöhe

Zu möglichen Kosten des "Bahnsteighöhenkonzeptes 2017" macht die Bahn keine Angaben. Kritiker der Umbaupläne gehen in einem Papier, das dem MDR vorliegt, allein für Mitteldeutschland von bis zu 1,1 Milliarden Euro aus. Darin enthalten sind nicht nur neue Bahnsteige, sondern auch Züge sowie Fahrstühle und Treppen, die alle an die neue Bahnsteighöhe angepasst werden müssten.

Bahn spricht von Umbau ab 2030

Die Bahn sieht das alles nicht so dramatisch. "Die Herstellung der Barrierefreiheit aller 5.400 Stationen in Deutschland wird noch einen Zeitraum von 35 bis 40 Jahren umfassen“, sagte eine Sprecherin dem MDR.

Die auf 55 Zentimeter Höhe neu gebauten Stationen in den ostdeutschen Bundesländern könnten ab dem Jahr 2030 überarbeitet werden. Dann stehe eh eine Teilerneuerung des Bahnsteigbelages an, in diesem Zusammenhang könne auch die Anpassung der Bahnsteigkante erfolgen. Zu den möglichen Gesamtkosten machte die Bahn keine Angaben.

Mehr über dieses Thema erfahren Sie in der Umschau im: MDR FERNSEHEN | 22.08.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2017, 08:05 Uhr

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19 Kommentare

23.08.2017 15:31 pkeszler 19

Nicht nur Renten, auch Bahnsteige sind in Ost und West unterschiedlich hoch. 2011 wurde die Höhe im Osten auf 55 Zentimeter festgelegt, nun soll plötzlich Westniveau gelten: 76 Zentimeter. Menschen mit Behinderung schlagen Alarm.
Die Überschrift müsste aber lauten, es geht nicht nur um 21 cm, sondern um Milliarden von Kosten, die wegen falscher Planung der Bahn aufgebracht werden sollen, zum Beispiel auch bei der Leipziger S-Bahn, die erst 2013 in Betrieb genommen wurde.

23.08.2017 13:17 Jens 18

> Aus rechtlichen Gründen sind externe Links
> bei uns nicht erlaubt (Netiquette).
Letzteres wohl eher nicht. Ich nehme mal eher an das liegt an diesem lebensfernen Urteil eines Hamburger Gerichts zum Thema Links - siehe mehr dazu auf heise.de

22.08.2017 01:35 Motzi 17

An alle Meckerer! Schon mal in Paris oder London U-Bahn gefahren. Tw. kilometerlange Tunnel und Treppen, da kommt man niemals mit Kinderwagen oder Rollstuhl lang. Natürlich wünscht sich niemand eingeschränkt zu sein, aber denkt auch mal einer der Lobbyisten mal an den normalen Steuerzahler, der das alles finanziert und sich mit Depressionen auf Arbeit schleppt. Das ist auch eine Behinderung, nur das interessiert ja keinen. Oder die Mutter, die 3 Jobs braucht und dieses Sozialsystem finanziert. Es wird von den, entschuldigung " Minderheiten " immer gefordert, aber wer das zahlt, daran denkt keiner.

22.08.2017 21:14 Michael Dreizehner 16

Interessant ist es, dass in den alten Bundesländern, z. B. Baden - Württemberg, teilweise die Bahnsteige gerade von 38 auf 55 cm erhöht werden, aber andere Bahnsteige an Nebenstrecken ebenfalls von 55 auf 76 cm. Ein Irrenhaus.

22.08.2017 17:42 AufmerksamerBeobachter 15

@6 Beim Acela funktioniert das auch nicht - man steigt fast ueberall hoch in die Wagen. Ich bin mit dem Ding ein paar mal gefahren und kenne den North-East Corridor auch vom Nahverkehr her ganz gut. Bereits zwischen PY und NJ gibt es exorbitante Unterschiede der Bahnsteighoehen. Die beiden Verkehrsbetriebe SEPTA und NJTRANSIT konnten sich nie einigen, so dass man in vielen Wagen sogar Tueren unterschiedlicher Hoehen verbaut hat (z.B. in den neuen multi-level cars, des NJTRANSIT). In Growton/CT bin ich von nahezu ebenerdig in den Acela geklettert.. ansonsten aber ein toller Zug, in den USA ist Bahnfahren noch gediegen wie bei uns in den 70ern - auch wenn viele Wagons tats. noch aelter sind... In allen Bahnhoefen gibt es Metallrampen, die der Schaffner bei Bedarf holt und anlegt. Barrierefreiheit sieht man dort eher praktisch, anstatt saemtliche Bahnsteige umzubauen.

22.08.2017 16:03 Jens 14

Zu MDR Aktuell heute morgen und der Aussage des Bahnmanagers:
Das der Hbf Halle ein Neubau sein soll, ist IMO eine juristische Spitzfindigkeit!
‎Der ist 127 Jahre alt - wurde 1890 eroeffnet.

Nach dem viele Bahnhoefe u. Haltepunkt im Osten der Bunten Republik‎ in 27 Jahren nun auf 55 cm Bahnsteighoehe gebracht wurden, wird nun ab sofort ein neuer "westdeutscher" Fernverkehrsstandard gesetzt? Ja wie "geil" ist das denn?
‎Seit etwa 2016 fahren neu beschaffte doppelstoeckige Fernverkehr IC. Das grosse Fahrradabteil im Steuerwagen passt - nach meinem Eindruck - gut zu den 55 cm B.st.h. in Dresden und Leipzig. Oder gibt es dort bereits differenzierte Bahnsteighöhen je nach dem ob NV (55 cm) oder FV (76 cm)??

Am Rande: meiner Wahrnehmung nach sind im Hbf DD noch nicht mal alle Nahverkehrsbahnsteige auf 55 cm hoch gebracht.
Wie soll den der Bahnhof der Zukunft, die Nah- und die Fernverkehrszuege der Zukunft den aussehen? Alles auf 76 cm im Jahr 2040? Dazwischen Zumutungen ohne Ende?

22.08.2017 16:01 Jens 13

Womit fahren Menschen wohl haeufiger - Nahverkehr (NV) oder Fernverkehr (FV)? Man vergleiche einfach die Fahrgastzahlen.‎ Pffhff, einfach is nich:
Ca. 1870 Millionen NV zu 139 Millionen FV pro Jahr! (Ersteres subventioniert, weil sonst die Preise nicht vermittelbar werden.)
‎Ja, geht's noch? Der kleinere Verkehrs-Anteil als Maßstab?
‎ Zu "vergleiche einfach": Nur letztere Zahl steht in der Bilanz: \2016_dbag.pdf - das empfinde ich als Bilanzverfaelschung.
Die andere, groessere Zahl habe ich aus einem ZEIT online Artikel selbst hochgerechnet!

Die zugeh. Links zum Thema:

[... zu finden bei der "Zeit": Deutsche Bahn: Mehr Fahrgäste, mehr Gewinn]

[... Deutsche Bahn AG Lagebericht und Jahresabschluss 2016]

[Wir haben die externen Links gelöscht und durch den Hinweis, wo diese zu finden sind ersetzt. Aus rechtlichen Gründen sind externe Links bei uns nicht erlaubt (Netiquette). Vielen Dank und mit besten Grüßen die MDR.de Redaktion]

22.08.2017 16:00 Jens 12

-- mdr Umschau - Bahnsteighoehe 55 cm Nahverkehr vs. 76 cm Fernverkehr

Zu
MDR Aktuell am Morgen vor
MDR Umschau um 20:15 am 22.8.17

‎Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich bin (bzw. werde) schwerbehindert (60/100), meist mit dem Fahrrad unterwegs, nutze mit meiner BahnCard50 und dem Fahrrad oefters Zuege und werde des oefteren dabei von der Deutschen Bahn AG behindert. Zum Beispiel dadurch das 27 Jahre nach der Vereinigung immer noch nicht alle Bahnhoefe mit Aufzuegen ausgestattet sind. Mein Fahrrad mit Gepaeck bekomme ich in einem Ruck die Treppen nicht hoch.

Bahnsteighoehe: Das ist mal wieder so ein Fall von
Alles wird besser‎, nichts wird gut.
Das bezog Silly/ Tamara Danz zwar auf die DDR, gilt aber offenbar auch fuer das vereinte Deutschland.

22.08.2017 15:47 Oberlausitzer 11

Hier in Sachsen hat man in den letzten Jahren an vielen Bahnsteigen Aufzüge (speziell für Behinderte und Reisende mit schwerem Gepäck) gebaut, um von den Unterführungen zu den Bahnsteigen zu gelangen - für eine Bahnsteighöhe von 55cm. Bei 76 cm Bahnsteighöhe müssten diese umgebaut werden oder man hat eben dort eine Stufe. Und ich glaube, bei den Doppelstockwagen ist der Ein-/Ausstieg noch unterhalb der 55 cm...Da muss man jetzt schon beim Aussteigen nach oben steigen, was bei 76 cm noch gravierender wäre.

22.08.2017 13:33 Tom 10

Zunächst heißt die Stadt Rastatt und nicht Rastadt.

Dennoch ist eine Bahnsteigkante von 76 Zentimetern als sinnvoll zu erachten. Selbstverständlich ist dies erst umsetzbar, wenn die aktuellen Fahrzeuge mit einem 55 cm Einstieg ersetzt werden und die Bahnsteige sowieso erneuert werden müssen. Aber das steht ja im Artikel schon beschrieben.

Demnach: Langfristig sinnvoll. Vor allem für zweckverbandsübergreifende Verkehre, also Strecken auf denen Nahverkehrszüge mit 55er und 76er Einstiegen verkehren.