Sozialverbände in Sachsen-Anhalt Gut beraten – schlecht bezahlt?

Wer tief in den Schulden steckt, braucht einen Berater. Auch wenn eine Frau über eine Abtreibung nachdenkt, muss sie verpflichtend zu einer Beratungsstelle. Für dieses Angebot ist der Staat verantwortlich – aber meist übernehmen freie Träger die Aufgabe. Dafür werden sie mit öffentlichen Geldern bezahlt. In Sachsen-Anhalt sind die Zuschüsse teilweise seit zehn Jahren nicht erhöht worden, obwohl zum Beispiel die Tariflöhne gestiegen sind.

von Vera Wolfskämpf, MDR AKTUELL

Ein kleines Büro, einfache Möbel, keinerlei Schnickschnack – wenn Andreas Mösenthin seinen Klienten zu Sparsamkeit rät, ist das der richtige Ort dafür. Er ist Insolvenz- und Schuldnerberater der Diakonie in Burg. "Wenn wir den Leuten keine Hilfestellung geben, dann würden ganz viele schlicht absacken: In ihrer finanziellen Notlage könnten sie zum Beispiel ihre Miete und ihren Strom nicht bezahlen."

Mehr als 430 Fälle gab es in der Beratungsstelle in Burg vergangenes Jahr, davon 170 Insolvenzen. Andreas Mösenthin begleitet seine Klienten zum Teil über Monate, berät zu dringenden Zahlungen und rechtlichen Schritten bei der Insolvenz. Das ist nicht einfacher geworden: Problematisch sei in den vergangenen Jahren die Versicherungspflicht bei Krankenkassen geworden, sagt Mösenthin. Ein weiterer Aspekt: "2010 wurde vom Gesetzgeber die Möglichkeit eines Pfändungsschutzkontos eingeführt, dazu kommen die Leute auch zu uns und lassen sich beraten."

Seit Jahren Zuschüsse nicht erhöht

Das Land hat aber seit Jahren seine Zuschüsse nicht erhöht. Mehr Arbeit für das gleiche Geld – das kritisieren viele Beratungsstellen. Manuela Knabe-Ostheeren ist Geschäftsführerin der "LIGA der Freien Wohlfahrtspflege". Zur LIGA gehören alle Sozialverbände in Sachsen-Anhalt.

"Hier haben wir eine feste Pauschale seit 2010, festgelegt auf den Fallzahlen von 2008", erklärt Knabe-Ostheeren. "Wir haben aber trotzdem steigende Personal- und Sachkosten, und merken zunehmend, dass wir zur Deckung eigene Mittel in die Beratungsstellen schieben müssen."

Zum Teil müssen die freien Träger zehn bis zwanzig Prozent der Kosten zuschießen. Das Land zahlt insgesamt 1,5 Millionen Euro jährlich – das ist bis nächstes Jahr festgeschrieben. Das SPD-geführte Sozialministerium teilt auf Anfrage mit, danach werde die Finanzierung insgesamt neu geregelt. Auf den Prüfstand sollen Bedarf, Kosten und die Beteiligung der Kommunen.

Dynamische Zuschüsse notwendig

Das Sozialministerium verweist aber auch auf eine gute Nachricht für die Beratungsstellen – und zwar für jene, die Frauen zur Schwangerschaft und einem möglichen Abbruch beraten. Der Zuschuss betrug bisher 2,8 Millionen Euro jährlich, die Summe steigt jetzt um etwa eine halbe Million Euro.

Die Sozialverbände der LIGA freut es, sagt Manuela Knabe-Ostheeren: "Wir haben eine gute Erhöhung bekommen." Aber es werde wieder eine Pauschale festgelegt, also keine Dynamisierung, die zukünftige Kostensteigerungen berücksichtigen würde. "Wir gehen davon aus, dass wir in ein paar Jahren wieder diskutieren müssen."

Das befürchtet auch die Opposition. Kristin Heiß, in der Linksfraktion für Haushaltspolitik verantwortlich, meint: Die Erhöhungen kämen zu spät, erst ab Sommer. Zudem brauche es dynamische Zuschüsse, zum Beispiel wenn Tariflöhne steigen.

Gegebenenfalls nachsteuern

Der sozialpolitische Sprecher der CDU, Tobias Krull, hält dagegen. Man habe erste wichtige Schritte getan, indem man die Mittel für die Verbraucherzentralen und für die Schwangerschaftskonfliktberatung erhöht habe. "Und in den kommenden Beratungen für den Haushalt 2019 und die folgenden Jahre müssen wir uns anschauen, wo wir auch bei der Insolvenzberatung nachsteuern müssen", so Krull.

Immerhin handele es sich um eine wichtige Aufgabe, die Sozialverbände im Auftrag des Staates erfüllen.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 21.04.2017 | 05:39 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. April 2017, 07:07 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.