H&M-Beschäftigte Babette Hüther
H&M-Beschäftigte Babette Hüther beteiligt sich am Arbeitskampf im Einzelhandel - kommt die Einigung jetzt zustande? Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

Tarifstreit im Einzelhandel Ständig wird gestreikt, aber Kunden merken das kaum

Zu den gefragtesten Ausbildungsberufen unter jungen Frauen gehört seit vielen Jahren die Verkäuferin. Das ist erstaunlich, denn die Löhne sind oft niedrig. Seit Mai schon kämpft die Gewerkschaft Verdi um sechs Prozent mehr. Doch in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt gibt es immer noch keine Einigung für die immerhin mehr als 250.000 Beschäftigten. Jetzt soll wieder verhandelt werden.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

H&M-Beschäftigte Babette Hüther
H&M-Beschäftigte Babette Hüther beteiligt sich am Arbeitskampf im Einzelhandel - kommt die Einigung jetzt zustande? Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

Babette Hüther kämpft für mehr Lohn. Seit 15 Jahren arbeitet sie für die Modekette H&M in Leipzig. Sie macht das gern. Doch dieses Wochenende hat sie mit Kollegen gestreikt. Das Problem ist: Kaum einer hat es gemerkt. Denn ihre Filiale war trotzdem geöffnet. "Offen ist, weil H&M genügend Unterstützer aus anderen Städten holt, die sich hier ihr Geld verdienen können. Die entweder nicht gewerkschaftlich vertreten sind oder nicht den Mumm haben zu sagen: Ich fahre nicht in die Filiale, wenn gestreikt wird. Aus Angst um ihre Arbeitsplätze."

Oft nur winzige Nadelstiche

Tatsächlich sind im Handel Gewerkschaftsmitglieder eine Minderheit, für viele Tätigkeiten können auch Ungelernte einspringen. Deswegen hat es Verdi schwer, einen großen Streik zu organisieren. Den mitteldeutschen Verhandlungsführer Jörg Lauenroth-Mago bleiben deshalb nur kleine Nadelstiche, die aus seiner Sicht trotzdem wehtun: "Bei Obi ist es schon so, dass man den Laden erst verspätet aufmacht oder einzelne Abteilungen zu sind. Und bei Kaufland erlebt man auch, dass die Fleischtheke geschlossen ist."

Das will die Gewerkschaft

Verdi-Verhandlungsführer Jörg Lauenroth-Mago
Verdi-Verhandlungsführer Jörg Lauenroth-Mago Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

Sechs Prozent mehr Lohn fordert Lauenroth-Mago für die Beschäftigten. Und er will, dass der Tarifvertrag im Handel für alle gilt, allgemeinverbindlich wird. "Eine Tarifbindung von 25 Prozent, das ist eigentlich katastrophal. Und das muss sich ändern. Das heißt, diese Streiks sind auch eine Botschaft an die Politik: Hier ist eine Branche, da muss man eingreifen. Die Tarifpartner alleine schaffen keine Tarifbindung für alle."

Das sagen die Arbeitgeber

Den Arbeitgebern geht das zu weit. Knut Bernsen vom Handelsverband Thüringen sagt, eine Tarifbindung könne nur freiwillig erfolgen. "Für uns liegt der Fokus in der Steigerung der Attraktivität der Tarifverträge und damit in der Steigerung der Tarifbindung. Man muss diesen Tarifvertrag so überarbeiten, dass es für die Unternehmen so attraktiv ist, dass wir stärkere Tarifbindung auf diesem Weg erreichen.

Die Arbeitgeber bieten derzeit 4,3 Prozent mehr Lohn in zwei Stufen über zwei Jahre. Bernsen hofft auf eine rasche Einigung. Denn obwohl viele vom Tarifkonflikt im Handel nichts merken, ist es doch der längste Tarifkonflikt in diesem Jahr.

Deshalb ist es so schwierig

Hagen Lesch hat für das Institut der deutschen Wirtschaft alle Auseinandersetzungen ausgewertet: "Wichtige Branchen, in denen es normalerweise etwas ruppiger zugeht, zum Beispiel die Metallindustrie, haben gar nicht verhandelt. Und der zweite Grund ist, dass die Spartengewerkschaften in diesem Jahr sehr friedlich agiert haben: Der Marburger Bund hat sich schon nach zwei Verhandlungsrunden mit den Krankenhäusern, sprich den Arbeitgebern, geeinigt."

Auch die Gewerkschaft der Lokführer einigte sich diesmal ohne Streiks. Im Handel muss der Kompromiss noch gelingen. In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen gibt es bereits Abschlüsse. Doch Verdi war nicht bereit, diese für Mitteldeutschland zu übernehmen.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: Radio | 11.09.2017 | ab 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2017, 05:00 Uhr

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1 Kommentar

12.09.2017 10:56 Fragender Rentner 1

Für eine Angleichung der Ostlöhne muß es eine bessere Lohnerhöhung geben!