Nachrichten

Studie : Viele Dörfer haben keine Zukunft

Deutschlands Bevölkerung schrumpft und altert. Besonders die ländlichen Gebiete sind davon betroffen. Je kleiner die Orte und je weiter sie von großen Städten entfernt sind, desto schwieriger ist die Lage. Das belegt eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Untersucht wurden insgesamt 300 Dörfer in Thüringen und Hessen. Für 60 von ihnen sehen die Forscher keine Zukunftschancen.

Dorfstraße

Angesichts des Bevölkerungsschwunds haben viele Dörfer keine Zukunftschancen. Das geht aus einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hervor. Danach haben zwei Drittel der ländlichen Gemeinden zwischen 2003 und 2008 mehr als ein Prozent ihrer Bevölkerung verloren. Besonders augenfällig ist die Entwicklung in Ostdeutschland, wo zwei von drei Kommunen sogar fünf Prozent ihrer Einwohner verloren haben.

Dorf ist nicht gleich Dorf

Wichtigste Erkenntnis: Ob eine Gemeinde zum Geisterdorf wird oder eine lebendige Siedlung bleibt, hängt zum Beispiel von der Lage ab. Liegt das Dorf im Umland einer Großstadt, hat es wenig zu befürchten. Oft reicht schon die Nähe zu einem sogenannten Oberzentrum mit Krankenhaus, Kino, Geschäften und wichtigen Behörden. In Westdeutschland, so fand das Institut heraus, sind Gemeinden demografisch stabil, wenn sie nicht mehr als 20 Fahrminuten von einem Oberzentrum entfernt liegen. In Ostdeutschland besitzen diese Oberzentren deutlich weniger Strahlkraft. Hier schrumpfen umliegende Siedlungen auch schon innerhalb von 20 Minuten Fahrentfernung. Dörfer mit einer Fahrentfernung von 60 Minuten zum nächsten Oberzentrum büßten in dem untersuchten Zeitraum fast sieben Prozent ihrer Bevölkerung ein.

"Leerstand" ist Zeichen für Niedergang

Für die Studie wurden im hessischen Vogelbergkreis sowie im thüringischen Landkreis Greiz mehr als 300 Dörfer detailliert analysiert. Die Zukunftsfähigkeit wurde nach sechs Kriterien ermittelt. Dazu zählen unter anderem Einwohnerzahl, Altersstruktur und Bevölkerungsentwicklung. Das bürgerschaftliche Engagement ist ebenso ein relevanter Faktor wie ein reges Vereinsleben. Bedeutsam ist auch, wie viele Häuser nicht mehr bewohnt sind. "Leerstand", so heißt es in der Studie, "ist ein Zeichen für Niedergang und entwertet benachbarte Immobilien".

Finstere Prognose für einige Gemeinden

Im thüringischen Kreis Greiz fällt die Prognose noch finsterer aus: Nur 19 der 196 Dörfer scheinen eine sichere Zukunft zu haben, dagegen müssen sich 40 fragen, wie lange es sie noch geben wird. Keine angenehme Nachricht für die Bewohner von Kleinsaara oder Neuensorga, die oben auf der Risikoliste stehen.

Im hessischen Vogelbergkreis gibt es 128 Dörfer mit weniger als 500 Einwohnern, davon haben laut der Studie 36 günstige Perspektiven. Für 21 Dörfer jedoch sehen die Forscher kaum eine Zukunftschance. Orte wie Vaitshain, das in den letzten sechs Jahren fast 20 Prozent seiner Einwohner verlor, oder das völlig vereinslose Unter-Sorg mit 53 Menschen.

Häuser abreißen und Ältere zum Umzug bewegen

Als Konsequenz aus der Studie fordert das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, sich vom grundgesetzlich angemahnten Prinzip gleichwertiger Lebensverhältnisse in allen Regionen der Bundesrepublik zu verabschieden. Bei der Vorstellung der Studie hieß es, die Entwicklung ländlicher Gemeinden gerade in den großstadtfernen Regionen werde zu "explodierenden Kosten der Daseinsvorsorge" führen, die das Leben dort unbezahlbar machten. Als politische Gegenmaßnahme empfiehlt das Institut, den betroffenen Regionen besondere Budgetmittel ohne Zweckbindung zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus sollte ein Fonds eingerichtet werden, der den Dorfrückbau und den Abriss von verfallenen Häusern finanziert. Zusätzlich sollten in Dörfern mit nur noch älteren Menschen Angebote gemacht werden, die es den Bewohnern rechtzeitig ermöglichen, in zentrale Orte mit einer besseren Versorgungslage umzuziehen.

Zuletzt aktualisiert: 29. November 2011, 11:19 Uhr

6. kommunaler:
Fast allen Kommentaren kann ich zustimmen. trotzdem ein paar Anmerkungen: @Rentner: Die Gebührenerhöhungen gabs sicherlich nicht um Bürger zu ärgern, sondern weil es (dank Sparmaßnahmen des Landes?) notwendig war. Was hätten Sie geantwortet, wenn man Sie gefragt hätte? "Nein!". Und wie hätte die Entscheidung des Kommunalparlaments dann ausfallen sollen? @linuxaomi: Warum schließt eine juristische Ausbildung Lebens- und Berufserfahrung aus? Gibt es keine Juristen, die sich in Wirtschaft, Kultur und Sozialem engagieren? Ich glaube doch. Was ich inhaltlich noch hinzufügen möchte: In dem Land in dem ich lebe spart das Land massiv ein. In Städten herrscht (teilweise) Wohnungsmangel, trotzdem wird der ländliche Raum kaputtgespart. Eine ganz riskante Landesentwicklungspolitik!
01.12.2011
00:08 Uhr
5. linuxaomi:
Wir brauchen Doerfer als auch Staedte zum Leben. Wir brauchen keine Extreme. Heute diese Richtung, morgen 180 Grad in die andere. Lernt euren Kindern wie man richtig lebt auf dem Lande und zeigt ihnen die Grossstaedte. Wer Natur und modernes Leben nicht zusammenfuegen kann sollte Nachhilfe nehmen. Und dann weg mit diesen Rechtsanwaelten und Pseudo-Managern in der Regierung. Wir brauchen wieder lokale Groessen aus Wirtschaft, Kultur und Sozialen mit Lebens- und auch Berufserfahrung. Solche Leute sind in der Lage Gemeinden, Regionen und Bundeslaender zu regieren. Dann werden unsere Lebensbereiche wieder lebenswert fuer Jung und fuer Alt.
30.11.2011
05:02 Uhr
4. Thomas Tischewski:
Ein sehr guter Artikel,doch ich hätte da viel bessere Ideen um diesen Rückgang ein tatsächliches Ende zu bereiten. Zum 1. würde ich Menschen die Möglichkeit geben sich Eigentum zu erwerben statt in Mietshäusern oder Mietwohnungen zu leben. Das wäre ein riesiger Vorteil gerade für Menschen die von Hartz 4 leben .Oftmals ist es so das bei einem Erwerb ,gerade in den neuen Bundesländern,die Lebenshaltungskosten sich für diese Menschen halbiert.Es ist rechnerisch sehr leicht nachvollziehbar.Doch das Problem stellen hier die Bausparkssen.Wer ein bisschen nachdenkt wird schnell erkennen das ein rascher Zuwachs erfolgen wird .Daraus wird sich auch einiges an Kleinunternehmertum entwickeln.Abreißen ergibt aus meiner Sicht überhaupt keinen Sinn,Innovation und eine langfristige Sicht ist hier gefragt.So Chancenlos wie es in diesem Artikel dargestellt wird ist es aus meiner Sicht auf keinen Fall.
29.11.2011
20:33 Uhr
3. Patrick:
Bin selbst aus dem Kreis Greiz. Viele Freunde von mir und ich kehren regelmäßig heim, nutzen Infrastruktur und dgl., werden als Studenten aber von Dresden u a Uni-Städten mit Zweitwohnsitzsteuer finanziell gezwungen, sich umzumelden. Somit fehlen den Dörfern die Zuweisungen vom Land, während Großstädte auf Kosten der ländlichen Regionen davon erheblich profitieren.(Kommunen erhalten Geld vom Land für jeden Einwohner laut Statistik)
29.11.2011
18:32 Uhr
2. Rentner:
Bisweilen wurden wir genötigt, wiederkehrente Straßenausbaubeiträge seit Jahren zu bezahlen, jetzt kommt eine Kläranlage mit einer Kostenlawine auf uns Bürger zu, die Grundsteuern wurden auch in diesem Jahr ohne zu Fragen erhöht, die Straßenbeleuchtung wurde erneuert usw. . Wir Rentner und Hausbesitzer wurden aufgefordert die Häuser nach EU-Richtline zu sanieren und jetzt soll alles zum Abriss aufgelistet werden?
29.11.2011
15:01 Uhr
1. Jana S.:
Viele Ältere sind auf dem Land aufgewachsen und möchten nicht in eine Stadt oder ein anderes Dorf ziehen. Warum also Ältere auffordern in solche "risikoarmen" Gebiete zu ziehen. Außerdem ist es meiner meinung nach nicht richtig Geld in den Abriss von Häusern zu stecken, das Geld kann man auch gut in andere Dinge investieren. Deutschland verschuldet sich so schon jedes Jahr mehr, warum dann also mit solchen Maßnahmen die Verschuldung noch mehr fördern???
29.11.2011
13:01 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen.
Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist ein privat finanziertes Institut. Seine Hauptaufgabe sieht es darin, wissenschaftliche Erkenntnisse für die Öffentlichkeit und den politischen Entscheidungsprozess aufzubereiten sowie Konzepte zur Lösung demographischer und entwicklungspolitischer Probleme zu erarbeiten. Das Institut wurde im August 2000 gegründet und gibt an, politisch unabhängig und konfessionell nicht gebunden zu sein. Die aktuelle Studie wurde in Auftrag gegeben und mitfinanziert von der Weimarer Stiftung Schloss Ettersburg.

© 2012 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK