nah_dran | MDR FERNSEHEN | 19.11.2009 | 22:35 Uhr

Ich bin raus

Aussteiger aus der rechtsradikalen Szene

Zuschlagen, Angst verbreiten. Neue Anhänger werben, um sich auf das "Vierte Reich" vorzubereiten. So sah das Leben von Dirk und Mirko aus, seit dem sie 14 Jahre alt waren. Jetzt sind sie beide Mitte 30 und ausgestiegen. Ein langer und gefährlicher Weg, denn die beiden gelten in der gewaltbereiten Szene als Verräter.

Rechtsradikaler mit Gasmaske, der einen Hitlergruß zeigt. Später stieg er aus der Szene aus.

Dirk hat seinen Großvater über alles geliebt. Ein Altnazi, der seinem Enkel beim Zähneputzen die Lieder der Hitlerjugend vorsang und in schillernden Farben aus der Zeit des Nationalsozialismus erzählte. Als Dirk mit 13 das erste Mal zum Fußball ging, fühlte er sich sofort heimisch, als im Fanblock "Sieg heil!" gebrüllt wurde. Die kritische Umwelt reagierte mit Ausschluss, als er im Unterricht einen Juden, der das Konzentrationslager überlebt hatte, infrage stellte.

"Das war so ein Schlüsselerlebnis für mich. Warum darf man denn bestimmte geschichtliche Ereignisse nicht hinterfragen, warum ist der Holocaust gesetzlich geschützt? Warum darf man partout nichts dagegen sagen, darf nicht ansatzweise daran zweifeln."

Dirk

Dirk musste die Waldorfschule verlassen. Die Kameradschaft wurde seine Heimat. Geborgenheit und Gemeinschaft, Hilfe in Notlagen, dass sind die Qualitäten, die auch Mirko begeisterten und mit denen er selbst neue Anhänger rekrutierte, die völlig unkritisch das rechtsradikale und fremdenfeindliche Gedankengut übernahmen.

"So kriegt man Leute, die wollen einfach nicht allein sein, die brauchen Liebe, brauchen Geborgenheit, Zufriedenheit und Sicherheit vor allem, und das gibt man dann den Leuten. ... Wir haben einen Großteil unserer Kameradschaft so zusammen bekommen."

Mirko
Aussteiger Mirko;Rechtsradikalismus
Aussteiger Mirko, ehemaliger Kameradschaftsführer

Ausstieg durch "EXIT"

Wegen einer rechtsradikal motivierten Straftat musste Mirko ins Gefängnis. Dort retteten ihn türkische Mitgefangene vor prügelnden Gesinnungsgenossen. Er begann nachzudenken. Später suchte er den Kontakt zu "EXIT". Die Aussteigerorganisation hat seit 6 Jahren etwa 300 Neonazis geholfen, die Szene zu verlassen. Auch Dirk änderte sein Leben, nach dem ihm eine couragierte Mutter vorwarf, das Leben ihres Sohnes "versaut" zu haben. Für beide war es ein langer Weg. Heute gehen sie in Schulen, um jungen Leuten ihre Geschichte zu erzählen und auf diese Weise etwas von ihren Schuldgefühlen los zu werden.

Zuletzt aktualisiert: 19. November 2009, 15:29 Uhr

 

EXIT

EXIT ist eine 2000 von dem früheren Kriminaloberrat Bernd Wagner und Ex-Naziführer Ingo Hasselbach gegründete Initiative für Aussteiger aus der rechtsradikalen Szene. Sie unterstützt sie dabei, Perspektiven außerhalb ihres ehemaligen Umfeldes zu entwickeln. Die Finanzierung erfolgt seit dem Wegfall der Förderungen des Bundes zum Ende 2008 durch Spendengelder.

 
 
 
 
 
 
 

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