Szene aus: Dumm und faul? - Mein Kind hat Legasthenie
Helen lässt sich nicht entmutigen, auch wenn ihr das Lernen mitunter im buchstäblichen Sinne Bauchschmerzen macht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nah dran | 29.06.2017 Dumm und faul? - Mein Kind hat Legasthenie

Ein Film von Petra Cyrus

Oft werden sie als Kinder gehänselt, für dumm und faul gehalten: Sechs Millionen Legastheniker gibt es in Deutschland. Obwohl sie normal bis überdurchschnittlich intelligent sind, haben sie Probleme beim Lesen und Schreiben, die sich verringern, aber wohl nie ganz lösen lassen. Die Ursache liegt - so meinen Forscher inzwischen - in den Genen. Aber wie lebt und lernt es sich damit?

 Szene aus: Dumm und faul? - Mein Kind hat Legasthenie
Helen lässt sich nicht entmutigen, auch wenn ihr das Lernen mitunter im buchstäblichen Sinne Bauchschmerzen macht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei Helen Uhrmann wird erst in der 3. Klasse festgestellt, dass sie sich im Unterricht nicht nur einfach zurückhält, sondern Legasthenie hat und außerdem noch die Rechenschwäche, Dyskalkulie. Seitdem bekommt sie einen Nachteilsausgleich, der bedeutet: Mehr Zeit, andere Aufgaben, die Rechtschreibung wird nicht benotet. Trotz dieser Erleichterungen, dazu gehört auch ein Taschenrechner in Mathe, oder der unterstützenden Lerntherapie, die das Jugendamt zahlt, bleibt die Schule für sie immerwährende Anstrengung und gibt ihr selten Anlass zur Freude, zumal nicht alle Verständnis für sie haben, sie sich einmal sogar von einem Mitschüler als "LRS-Schlampe" beschimpfen lassen muss.

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Auch am Sonntagmorgen wird gelernt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch Helen Uhrmann kämpft sich durch. Seit der 4. Klasse Jahren fährt sie mit ihrer Mutter zwei Mal pro Woche nach der Schule zur Lerntherapie, 50 Kilometer hin und zurück. Die Eltern wollen, dass ihre Tochter die Schule gut schafft, ihren Glauben an sich selbst bewahrt, sie wollen sie aber auch nicht zu sehr unter Druck setzen. Sie wissen, dass ihr die Schule und der damit verbundene Druck im buchstäblichen Sinne Bauchschmerzen bereiten.

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Buchstabe für Buchstabe Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Mutter ist Floristin, arbeitet zeitweise nur halbtags, um ihrer Tochter helfen zu können. Der Vater ist Koch und selbst Legastheniker, obwohl es die Diagnose LRS zu seiner Zeit noch nicht gab. Er kann sich vorstellen, welche Mühe die Schule für seine Tochter bedeutet. Sogar jeden Sonntagmorgen heißt es zuhause bei den Uhrmanns nach dem Frühstück eine halbe Stunde lernen, auch für Helens Bruder Timm, der nicht mit LRS zu kämpfen hat und später wohl mal aufs Gymnasium gehen wird.

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Helens Mutter unterstützt ihre Tochter, wo sie kann. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Manchmal tut sie mir doll leid und ich denke: 'Mann, so eine Quälerei jetzt!' Und manchmal denke ich: 'Mann, warum klappt das jetzt nicht. Das ist manchmal auch so ein Widerspruch in einem selber. Ich versuche zwar, mich in Helen reinzuversetzen, aber ich glaube, das gelingt wirklich nur jemandem, der genauso betroffen ist.

Katrin Uhrmann, Helens Mutter
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Freude über den Abschluss der Grundschule Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Demnächst schließt Helen die sechste Klasse der Astrid-Lindgren-Grundschule in Schönefeld ab, danach wechselt sie auf die Oberschule "Am Airport Schönefeld". Dort könnte sie auch einen Realabschluss machen, was nicht viele Legastheniker schaffen. Neue Freunde und Verständnis wünscht sich die inzwischen 12-Jährige vor den Sommerferien und vor dem Start.

Nach den ersten drei Wochen an der neuen Schule scheint sie wie verwandelt. Inzwischen trägt Helen Brille, aus ihrem Zimmer, vor den Sommerferien noch ein Mädchentraum in Rosa, ist nun der Rückzugsort einea Teenager geworden. Sie lässt sich nicht mehr zur Schule fahren, sondern nimmt den Bus. Ihren Eltern scheint sie viel aufgeschlossener und gesprächiger als früher. Sie hat endlich Freundinnen gefunden, die ganz in ihrer Nähe in Kleinziehten leben und sie berichtet von Lehrern, die gut auf sie und ihre beiden Klassenkameradinnen, die das gleiche Problem haben, eingehen. Helen scheint ihren Platz in der neuen Klasse gefunden zu haben.

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Franka Rehfeldt, Helens Deutschlehrerin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unser Grundprinzip ist, dass wir die Schüler dort abholen, wo sie gerade sind. Gerade dieser Schritt von der Grundschule zur nächstweiterführenden Schule, der ist schon anstrengend genug für Kinder ohne Lernbehinderung. Und bei Helen ist das natürlich potenzierter.

Franka Rehfeldt, Helens Deutschlehrerin

Und: Sie will die Schule selber schaffen, nachdem sich herausgestellt hat, dass das Jugendamt die Lerntherapie nicht weiter finanzieren wird. Inzwischen ist Deutsch sogar Helens Lieblingsfach.

Sie wurde beschrieben als eine Schülerin, die sehr viel Unterstützung braucht. Sie wurde auch so beschrieben, dass sie im Unterricht die Konzentration ganz schwierig hält. Nach der Zeit, in der sie jetzt bei uns ist, kann ich das so nicht mehr bestätigen. Sie braucht Unterstützung, ja, aber den Angstfaktor, den sehe ich nicht mehr.

Franka Rehfeldt, Helens Deutschlehrerin

 Szene aus: Dumm und faul? - Mein Kind hat Legasthenie
Angekommen in der neuen Schule Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zuletzt aktualisiert: 30. Juni 2017, 10:07 Uhr